Weg vom Friedhof

Friedwälder – wenn das Leben unterm Baum endet

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Alan Posener

Die letzte Ruhestätte – wo soll sie sein? Für viele ist der Friedhof mit akkuraten Gräberreihen, gepflegten Blumenarrangements, Kapelle und horrenden Preisen ein Alptraum. Sie wollen lieber in der Natur beerdigt werden, in einem Friedwald. Ein Trend, der nicht jedem gefällt.

An diesem grauen Novembertag ist der Wald schon um halb drei dunkel und unheimlich. Doppelt unheimlich, weil in den Baumwurzeln Tote liegen. Wir sind im „FriedWald“ Fürstenwalde, südöstlich von Berlin. Und obwohl man es sich in der Trostlosigkeit des vorwinterlichen Waldes kaum vorstellen kann, wollen immer mehr Menschen, gerade aus der Großstadt, hier begraben werden: möglichst anonym und unauffällig. „Verscharrt“ hätte eine frühere Generation gesagt. „Naturnah“ heißt es heute. Das Grab ist kein Grab, sondern laut Prospekt des „RuheForsts Nauen“ ein „RuheBiotop“.

„FriedWald“ und „RuheForst“ sind Markennamen. Die Unternehmen haben in ganz Deutschland von Städten oder Gemeinden naturbelassene Waldstücke – insgesamt über 120 – gepachtet und die Erlaubnis erhalten, pro Baum zehn bis zwölf Urnen aus biologisch abbaubarem Material zu begraben. Ein Urnenplatz für 99 Jahre kostet bei FriedWald 770 Euro, unter einem „Prachtbaum“ 1200 Euro. Man kann auch einen ganzen Baum – für sich allein, die Familie oder den Freundeskreis – für 3350 Euro erwerben. Das sind reelle Preise.


Aber nicht nur „kostenbewusste“ Kunden interessieren sich für die naturnahe Bestattung. Das „RuheBiotop“ muss nicht gepflegt werden, und man ist dem ästhetischen Horror moderner Friedhofskunst nicht ausgeliefert – ganz zu schweigen von der soldatischen Disziplin der Gräberreihen. „Ein Tipp: Im Mai ist der FriedWald Fürstenwalde besonders schön. Dann bedecken Maiglöckchen den Waldboden und verströmen ihren Duft.“ Der Prospekt des Unternehmens empfiehlt künftigen Kunden, den Wald zu besuchen und sich frühzeitig einen Baum auszusuchen. Der sommerliche Wald ist in der Tat die beste Werbung für ein Grab unter Bäumen. Am Totensonntag hingegen mag es schwerfallen, die Grabbesucher und Grabsucher von Pilzsammlern zu unterscheiden.

Gar nicht vom neuen Trend angetan ist der Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands (VFD), in dem die kirchlichen und kommunalen Friedhofsverwaltungen zusammengeschlossen sind. In einem offenen Brief an die Landesregierungen beklagen sie, dass sie ihre Preise kostendeckend kalkulieren müssten, während die neuen Konkurrenten „Gewinnmaximierung“ betrieben. „Während Friedwälder und Ruheforste auf der Basis der Landeswaldgesetze weder eine Umzäunung des ‚Friedhofes' vornehmen müssen noch eine Haftpflicht bei Unfällen tragen, wird von kommunalen und konfessionellen Friedhöfen eine umfassende Verkehrssicherungspflicht gefordert. Auch Infrastruktur in Form von Kapellen, öffentlichen Toiletten, ein gepflegtes Wegenetz sowie Wasser und Abfallbeseitigung sind selbstverständlich“ – bei den Privaten nicht.

Der VFD beendet seinen Brief mit der Aufforderung an die Landesregierungen, „die Zulassung weiterer Friedwälder und Ruheforste eingehend zu prüfen“ – sprich zu untersagen. So weit, so typisch öffentlich-rechtlich contra privat, Beamtentum contra Markt, Haftpflicht contra Risiko, Bevormundung contra Freiheit.

Schon um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden in bürgerlichen Villenvororten kommunale „Parkfriedhöfe“, die dem Wunsch eines liberalen Bürgertums entsprachen, den Tod der religiösen Deutung zu entziehen und dem Friedhof seinen ästhetischen Schrecken zu nehmen. Gleichzeitig nahm die Zahl der Feuerbestattungen zu – Ausdruck eines unsentimentalen Materialismus einerseits, andererseits einer Entkörperlichung der christlichen Religion, die ihrer eigenen Botschaft von der Auferstehung „im Fleische“ am Ende der Tage immer weniger Glauben schenkte. Während der Friedhof mitten in der Stadt oder an der Dorfkirche etwas von der Vorstellung aufrechterhält, dass die Toten gegenwärtig sind, stellen die Trabantenstädte der Toten vor den Toren der Großstädte wenig mehr als Entsorgungsanstalten dar, wenn auch mit Kapellen, Toiletten, Haftpflicht. Da ist der Schritt hinaus in den Wald nur konsequent.

Man glaubt nicht mehr an seine besondere Würde im Tod; man ist sich als Entsorgungsfall selbst peinlich. Diese Haltung hat ihre eigene Würde, jenseits vom Kitsch duftender Maiglöckchen und ewiger Kreisläufe. Wir sind erst tastend dabei, die angemessenen Formen für diese Haltung zu finden.