9. November

Ein Schicksalsdatum im Lauf der Geschichte

Kaum ein Tag prägte Deutschland so oft und so nachhaltig wie der 9. November. 1989 war es einer der hehrsten Tage der deutschen Geschichte, mit dem 9. November 1938 begann ihr dunkelstes und verabscheuungswürdigstes Kapitel. Gedanken über zwei Tage, die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Neun gilt durch die Dreimaligkeit der ersten Primzahl drei als die Zahl der Vollendung, fast als eine mystische Zahl in beinahe allen Kulturen. Bei den frühen Chinesen galt zum Beispiel die neunstöckige Pagode als irdische Darstellung des Himmels. Das Christentum weiß um die neun Chöre der Engel, und der Tod Jesu fiel in die neunte Stunde. Früher legte man Kindern neun Körner ins Bad, um sie gegen Hexen zu schützen. Gerade im vorigen Jahrhundert begegneten wir der Jahreszahl neun auch oft in der Politik.

Fangen wir mit 1919 an. Da wurde Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten gewählt, und in Weimar wurde die Reichsverfassung unterzeichnet. Unterschrieben wurde ebenso der ominöse Versailler Vertrag. Im Jahre 1919 kam es in Berlin auch zur Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Im Jahre 1929 starb der bedeutende deutsche Staatsmann Gustav Stresemann. In New York kam es zum Krach an der Börse mit all den üblen Auswirkungen auch für Deutschland. Im Jahre 1939 begann mit dem deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg. Vorangegangen waren einerseits die Zerschlagung der Tschechoslowakei und andererseits der unselige Hitler-Stalin-Pakt, der eine neuerliche Teilung Polens einleitete.

Im Jahre 1949 war der Krieg schon wieder vorbei. Über 50 Millionen Menschen wurden entweder ermordet oder fielen dem Bombenhagel zum Opfer oder sind gefallen. Die Bundesrepublik Deutschland, das heißt Westdeutschland, wurde gegründet und auch die DDR. Zeitgleich wurde die Nato, das atlantische Verteidigungsbündnis, geschaffen. In demselben Jahr flohen die Anführer der Nationalchinesen nach Taiwan. Mao stand vor einem Sieg. Im Jahre 1959 ergriff Fidel Castro auf Kuba die Macht. 1969 trat Charles de Gaulle als französischer Präsident zurück. Aber viel wichtiger: Der erste Mensch setzte seinen Fuß auf den Erdtrabanten, den Mond. 1979 kehrte Ayatollah Khomeini in den Iran zurück, und im Nachbarland Irak ergriff Saddam Hussein die Macht. In Deutschland beschloss der Bundestag die Aufhebung der Verjährung bei Mord und Völkermord.

Und nun kommen wir zum Jahr 1989, dem Jahr, in dem dank des Freiheitswillens der Mehrheit in der DDR die Grenzen innerhalb Deutschlands fielen. Dem Jahr der unblutigen Revolution in Deutschland. Auch in der Kultur spielte die Jahreszahl neun eine besondere Rolle. Vor 100 Jahren – 1909 – komponierte Gustav Mahler seine „Neunte Symphonie“. Und dann kommen die Nobelpreise für Literatur: 1929 erhielt ihn Thomas Mann, 1999 Günter Grass und 2009 Herta Müller.

Aber auch der 9. November ist irgendwie ein magischer Tag in der deutschen Geschichte. Am 9. November 1918 dankte Wilhelm II. als Kaiser ab, um sich ins holländische Exil zu begeben. Am selben Tag rief Philipp Scheidemann vom Reichstag die erste deutsche Republik aus. Fast gleichzeitig verkündete Karl Liebknecht im Stadtschloss die Schaffung einer „freien sozialistischen Republik“, zu der es zum Glück nie kam. Am 9. November 1923 versuchten Adolf Hitler, Erich Ludendorff und andere Rechtsradikale in München die Weimarer Republik zu stürzen, die bayerische Polizei konnte das verhindern. Aber später, nach der „Machtergreifung“, der Regierungsübernahme durch Hitler, wurden die 9. November regelmäßig als nationalsozialistische Gedenktage, zur Erinnerung an diesen missglückten Staatsstreich, gefeiert. Der schlimmste und folgenreichste 9. November war der im Jahre 1938, verbrämt als „Reichskristallnacht“ bezeichnet, der von uns allen – bei aller Freude über das Geschehen vom 9. November 1989 – nicht vergessen werden darf.

Denn an jenem Tag wurde die Gesetzlosigkeit, die in Deutschland schon lange herrschte, zur Selbstverständlichkeit, ja zur Richtschnur. Man erkannte damals noch nicht, dass das die Einleitung zum Genozid war. Denn die nationalsozialistische Taktik in den Jahren 1933 bis 1939 war, durch Entwürdigung und Entmündigung die Juden in Deutschland zur Auswanderung zu drängen. Kurze Zeit später kam es dann zur zwangsweisen Vertreibung von zu Hause, zu den Deportationen und schließlich zum millionenfachen Mord. Ebenso wie der 9. November 1989 einer der hehrsten Tage der deutschen Geschichte war, hatte mit dem 9. November 1938 das dunkelste, das verabscheuungswürdigste Kapitel dieser Geschichte begonnen.

Ich will darüber nicht viel klagen. Aber an jenem Tag kamen Nazi-Schergen in unsere Wohnung, zertrümmerten das geliebte Cello meines Vaters und zerschlugen die kleine, aber exquisite Porzellansammlung meiner Mutter. Nur kurz sei hier noch bemerkt, dass die beiden zusammen mit meinem Bruder in der Karwoche des Jahres 1942 in den Osten deportiert wurden. Wir haben nie wieder von ihnen gehört.

Ich selbst – der ich später auswandern konnte – wurde am 10. November 1938 nördlich von Breslau von Nazis in vielerlei Uniformen gefangen genommen. Schließlich kam ich ins Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Darüber möchte ich heute nicht sprechen, denn ich weiß, dass später, nach 1945, viele Unschuldige in ähnliche Lager verschleppt wurden, und dass manche drin umkamen, wie damals in Buchenwald. Es genügt, wenn ich sage: „Der Aufenthalt im KZ war die schlimmste Zeit, die ich je durchlebte.“ Dass es später – bei den Deportationen und dem Mord an sechs Millionen – noch schlimmer kommen würde, konnte ich damals noch nicht ahnen. Jetzt jedoch weiß ich es.

Heute aber denken wir hauptsächlich zurück an das Wunder deutscher Geschichte, an die unblutige Revolution vom 9. November 1989. Noch im Sommer desselben Jahres hatte Erich Honecker gereimt: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf.“ Nein! Es waren weder Ochsen noch Esel, sondern es waren die nach Freiheit dürstenden Demonstranten im heutigen Ostdeutschland, die – den bedrohlichen Gefahren trotzend – für die Einheit ihres Vaterlandes auf die Straßen gingen und so die Wende schufen. Besonders ihnen sei gedankt. Und Gott, der das ermöglichte.

Der Text ist ein Auszug aus Ernst Cramers Rede vom 9.11.2009 in der Berliner Kapelle der Versöhnung. Der Autor wurde 1913 als Sohn einer jüdischen Familie in Augsburg geboren. Er konnte in die USA emigrieren. Seine Eltern und sein Bruder wurden von den Nazis ermordet. Als GI kam er 1944 nach Europa zurück. 1958 holte Axel Springer ihn in seinen Verlag; er war dessen engster Vertrauter. Seit 1981 leitet er die Axel Springer Stiftung.

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