Führungskrise

Ramelow zieht im Linken-Streit die Frauenkarte

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Foto: AP

Die Linke steckt in der Führungskrise. Bei der Fraktionsklausur hatte Gregor Gysi seinen langjährigen politischen Weggefährten Dietmar Bartsch offen attackiert. Im Morgenpost Online-Interview erklärt Thüringens Linken-Fraktionschef Bodo Ramelow, wie es die Linke aus der Führungskrise schaffen kann.

Morgenpost Online : Herr Ramelow, hat sich Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch illoyal gegenüber Oskar Lafontaine verhalten?

Bodo Ramelow : Das weiß ich nicht, weil ich der Präsidialrunde nicht angehöre und nicht weiß, was dort beredet worden ist. Ich kann nur das zur Kenntnis nehmen, was Gregor Gysi am Montag öffentlich geäußert hat.

Morgenpost Online : Und wenn die Vorwürfe zutreffen?

Ramelow : Sollte es solche Probleme gegeben haben, wäre eine personelle Lösung sicherlich richtig, aber meines Erachtens nur hinter verschlossenen Türen. Personalentscheidungen im inneren Führungszirkel gehören nie in die Öffentlichkeit, auch wenn es um so einen Vorwurf geht.

Morgenpost Online : Gysi wirft Bartsch unter anderem vor, er habe öffentlich gesagt, dass Oskar Lafontaine schon länger vorhatte, sich vom Fraktionsvorsitz zurückzuziehen.

Ramelow : Ich war selbst schon Gegenstand von solch ungemütlichen Situationen. Man autorisiert Zitate, die dann losgelöst von dem ursprünglichen Kontext zu einer völlig anderen Deutung führen. Das hat auch Gysi schon selbst erlebt.

Morgenpost Online : Wie geht es jetzt weiter?

Ramelow : Ich erwarte von Gregor Gysi, dass er jetzt die Verantwortung für das, was er am Montag begonnen hat, auch weiterhin übernimmt – nämlich dafür, ein starkes Zentrum dieser Partei zu bilden und sich um die inneren Wachstumsprozesse zu kümmern.

Morgenpost Online : Was heißt das konkret?

Ramelow : Wir müssen einen Parteivorstand bilden, den Parteitag in Rostock vorbereiten, Personalentscheidungen treffen und warten, was Oskar Lafontaine entscheidet.

Morgenpost Online : Wie belastend ist für die Partei, dass Oskar Lafontaine über seine Zukunftspläne schweigt?

Ramelow : Das ist belastend für Oskar Lafontaine, weil er nicht gesund ist. Krebs verbietet es, in irgendeiner Form darüber zu spekulieren.

Morgenpost Online : Bleibt Dietmar Bartsch bis zum Parteitag Bundesgeschäftsführer?

Ramelow : Davon gehe ich aus.

Morgenpost Online : Wird der Umgang mit Bartsch zu einer Revolte führen? Die Ost-Landesverbände stehen bislang geschlossen hinter ihm.

Ramelow : Sie stehen hinter einer Person, die die Partei in den letzten Monaten im Tagesgeschäft praktisch geführt hat. Insoweit glaube ich, dass wir uns jetzt schnell überlegen müssen, wie wir das Tagesgeschäft führen. Wir müssen eine Führung nach innen aufbauen, die man dann auch in die Lage versetzen muss, die Partei zu führen.

Morgenpost Online : Könnten dieser Führung unter Umständen doch auch künftig beide angehören, Lafontaine und Bartsch – wie es einige Ost-Landesverbände fordern?

Ramelow : Derzeit sehe ich nicht die Möglichkeit, dass so getan wird, als habe es die Ansage von Gregor Gysi nicht gegeben.

Morgenpost Online : Aber wer steht denn für die künftige Führung zur Verfügung? Sie?

Ramelow : Ich werde meinem Landesvorstand vorschlagen, beim nächsten Parteivorstand in Rostock die weibliche Karte zu spielen.

Morgenpost Online : Bislang hieß es, den Linken-Frauen würde für eine Spitzenposition noch das Profil fehlen.

Ramelow : Solange das Männer sagen, halte ich das für verlogen.

Morgenpost Online : Denken Sie an jemand bestimmten?

Ramelow : Nein, aber wir haben in den vergangenen Tagen ein Männerschauspiel erlebt. Das würde ich gern beendet sehen, indem mehr weibliche Kraft und mehr weibliche Intuition in die Führungsstruktur meiner Partei einzieht.

Morgenpost Online : Ost oder West?

Ramelow : Ost und West. Denn es gibt starke Frauen Ost und starke Frauen West. Ein Beispiel: Dora Heyenn aus Hamburg. Die kennt kein Mensch außerhalb Hamburgs. Dabei hat sie einen Superjob im Wahlkampf gemacht und ist jetzt eine ganz traumhafte Fraktionsvorsitzende. Die wird gar nicht bemerkt.

Morgenpost Online : Herr Bartsch steht wie Sie auch für eine eher realpolitische ausgerichtete Linie. Ist diese Linie jetzt geschwächt?

Ramelow : Nein. Was wir klären müssen, ist der inhaltliche Prozess. Das hat Gysi ja auch am Montag richtig angesagt. Was passiert denn, wenn wir in Nordrhein-Westfalen in den Landtag kommen, es über fünf Prozent schaffen und mit diesen fünf Prozent das Zünglein an der Waage wären? Dann wird sich die Frage ganz schnell beantworten müssen, ob sich unsere Partei einer strategischen Veränderung in NRW verweigern will und es damit dann Jürgen Rüttgers überlässt, weiterzumachen, oder ob man Alternativen dagegen setzt. Das wird an praktischen Ergebnissen festgemacht, nicht an theoretischen.

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