Krise in Griechenland

Ein entstellter Staat kommt nicht zur Ruhe

Die Unruhen in Athen haben nicht nur mit der Perspektivlosigkeit der Jugend zu tun. Griechenland ist zwar kein gescheiterter Staat, aber doch seit Jahrzehnten von Vetternwirtschaft und Korruption entstellt. Hoffnung, dass die nun in Gewalt eskalierte Krise schnell gelöst wird, gibt es nicht.

Die Kreuzung, an der die Messolongiu- und die Tzavela-Straße sich treffen, ist derzeit der stillste Ort in Athen. An dieser Stelle inmitten einer schmalen Fußgängerzone im Stadtteil Exarchia starb am Samstag vor einer Woche der 15 Jahre alte Schüler Alexandros Grigoropoulos.

Etwa fünfzehn Meter von hier entfernt hatte ihn eine Kugel in die Brust getroffen, die der Polizist Epaminondas Korkoneas abgefeuert hatte. Ein 37 Jahre alter Mann, der drei kleine Kinder hat, und den seine Kollegen „Rambo“ nennen. Ein Warnschuss sei es gewesen, in die Luft, sagt er. Freunde schleiften Alexandros noch ein Stück.

An der Kreuzung steht jetzt ein Glasschrein mit Kerzen. Blumen liegen davor, ein Schal des Fußballvereins Panathinaikos, dessen Fan Alexi war. An der Hauswand lehnen Pinnwände, an die Freunde Abschiedsbriefe geheftet haben. Oberhalb der Graffiti, die in Exarchia jede Fassade flächendeckend bis in die zweite Etage zieren, hat jemand ein Straßenschild mit dem Namen des Toten angebracht. „15 Jahre“ steht darunter. Es ist Freitagabend und es regnet. Passanten kommen vorbei, schauen auf die Zeichen der Trauer, halten inne. In einer Zeit des Aufruhrs scheint diese Kreuzung einer der wenigen Orte zu sein, an dem Griechenland kurz zur Besinnung kommt.

Auch am siebten Tag nach den tragischen Ereignissen in Exarchia gibt es wieder Demonstrationen. Im Fernsehen laufen Sondersendungen unter dem Banner „Chaos in Griechenland“. Um 12 Uhr protestieren Schüler und Studenten am Freitag auf dem Omonia-Platz, um 14 Uhr ziehen sie die Stadiou-Straße zum Syntagma-Platz hinunter, vor das Parlament. Kurz darauf fliegen Steine. Tränengasgranaten explodieren.

Was zuerst flog, ist nicht zu erkennen. Die Demonstranten stieben auseinander. Die Polizei setzt nach, hält dann inne, zieht sich zurück – und setzt wieder nach. Es sieht nicht so aus, als folge sie einer Taktik. Eltern stellten sich mit einem Transparent zwischen die Polizei und ihre demonstrierenden Kinder. Auf den Stufen vor dem verbretterten Eingang des Luxushotels „Grande Bretagne“ verfolgen Hotelgäste, Passanten, Kameraleute und ein orthodoxer Priester das ernste Spiel. Tränengasgranaten zischen, getroffene Studenten flüchten sich vor das Hotel, knien auf den Stufen nieder. Sie spucken, ihre Augen sind rot und geschwollen.

Evin, ein 19 Jahre alter Student, hat versucht, seine Haut mit Vaseline vor dem CN-Gas zu schützen. Seine Schleimhäute brennen. Sein Gesicht ist puterrot. „Warum tun die das?“ fragt er keuchend und deutet auf die Polizisten, die mit Schutzschildern und Gasmasken vom Parlamentshügel auf die Demonstranten zumarschieren. „Wir haben nichts gemacht, wir haben friedlich protestiert.“

Wogegen, sagt er nicht. Hinter ihm versucht ein vermummter Teenager, die verbarrikadierte Tür des Grandhotels einzutreten. Eine Viertelstunde später hat sich der Platz beinah geleert, nur unten, vor dem Gerippe des Weihnachtsbaums, den Demonstranten bereits am Montag anzündeten, sammeln sich noch ein paar Hartnäckige. Die griechische Polizei versucht es jetzt mit onkelartigem Zureden: „Seid vernünftig Kinder, geht nach Hause.“

Es geschieht gerade vieles gleichzeitig in Griechenland – und es kommt einiges zusammen. Das macht es nicht leichter zu erklären, was vor sich geht: „Wir erleben eine mehrschichtige Krise“, versucht es Paschos Mandravelis, einer der bekanntesten Kolumnisten Griechenlands, der für die Tageszeitung "Kathimerini" schreibt. „Die Wirtschaft ist am Boden, unsere Institutionen sind es, und das Bildungssystem sowieso.“ Hinzu komme die Enttäuschung über die „gebrochenen Versprechen“ einer Regierung, die ursprünglich einmal angetreten sei, um „Korruption zu bekämpfen“ und „effizienter“ zu regieren – die aber nun selbst in einen Korruptionsskandal um dubiose Grundstücksverkäufe des Klosters Vatopeidi verstrickt ist und offenbar weder Waldbrände noch Straßenschlachten einzudämmen vermag.

Der Bestsellerautor Petros Markaris sieht eine „Kettenreaktion von schockierenden Ereignissen“. Für Markaris erlauben die – bislang noch sehr widersprüchlichen und nur inoffiziell durchgesickerten – Ergebnisse der ballistischen Untersuchung „keinen Zweifel“: Es war „Mord“. Der zweite Schock ist für den Schriftsteller „das Ausmaß der Wut“. Zwar habe er als „langjähriger Beobachter Griechenlands“ sehen können, wie die Wut angewachsen sei, doch was da nun ausbreche, sei „zu brutal, zu extrem“.

Der Politologie-Professor Theodorous Kouloumbis von der Athener Universität spricht von „unmittelbaren“ und „langfristigen“ Problemen, die in „konzentrischen Zirkeln“ miteinander verwoben seien. „Unmittelbar“ habe der Tod eines jungen Menschen die Griechen tief geschockt.

Die Proteste gegen diese Tat würden nun von einer kleinen, radikalen Minderheit „gekapert“, denen es nur um Gewalt gehe. Das Vandalentum der Minderheit werde durch ein „schwachsinniges Asylrecht“ geschützt, das es ihr erlaube, sich auf Universitätsgelände zurückzuziehen, welche die Polizei nicht betreten darf. Das Privileg entstand 1974, gewissermaßen aus Dankbarkeit der jungen Demokratie den Studenten gegenüber, welche die Militärdiktatur mit in die Knie gezwungen hatten.

Ebenfalls im Inneren von Kouloumbis’ Erklärungszirkeln befinden sich die politischen Parteien und die Gewerkschaften, die sich nun dem abgestandenen „Spiel gegenseitiger Schuldzuweisungen“ hingäben. Die Opposition habe nichts Besseres zu tun, als zu Demonstrationen aufzurufen – welche die „Kapuzenträger“ dann doch nur in Zerstörungsorgien verwandeln, klagt Kouloumbis. Zudem gebe es noch – dies ist der „äußere Problemzirkel“ – eine „allgemeine Stimmung der Unzufriedenheit und Unsicherheit“. Kouloumbis nennt dies „den globalisierten Blues“, der weite Teile der griechischen Jugend erfasst hat. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei 20 Prozent, viele finden trotz Studienabschluss keinen vernünftigen Job, die „700-Euro-Generation“ ist in aller Munde.

Bei diesem Stichwort kann Panos Livadás nur mit den Augen rollen. Livadás ist „Generalsekretär für Information“ der griechischen Regierung und hat die derzeit sehr undankbare Aufgabe, das Ansehen Griechenlands in aller Welt zu fördern. Er hat Zahlen parat, die belegen sollen, dass die Behauptung, den jungen Griechen gehe es immer schlechter, gar nicht stimmt.

Die Wachstumsrate sei immer noch doppelt so hoch wie im restlichen Europa, die Arbeitslosigkeit habe man von elf auf 7,4 Prozent heruntergebracht, die Staatsverschuldung reduziert (von 98 auf 91 Prozent des Bruttosozialproduktes, aber immerhin). Nach zwei Jahren intensiver Debatten habe man eine Bildungsreform im „größtmöglichen Konsens“ verabschiedet. Griechenland sei der Energieumschlagplatz für Südosteuropa und man habe einen Superdeal mit den Chinesen für den Hafen in Piräus abgeschlossen. Und so weiter.

Livadás gibt zu, dass Demonstrieren in Griechenland eine Art Volkssport ist: „Wir glauben nun einmal an die absolute Freiheit der Meinungsäußerung“, aber er versteht nicht wirklich, was diese Demonstranten da draußen eigentlich wollen. Wie einst Richard Nixon hofft er auf die „schweigende Mehrheit“.

Livadás hat in Amerika studiert und beherrscht die bei amerikanischen Neocons beliebte rhetorische Technik, kritische Fragen selbst zu stellen, um sie im nächsten Atemzug scheinbar zu entkräften: „Können Sie die Erfolge dieser Politik heute schon spüren? – Nein, wahrscheinlich nicht, aber langfristig?…“ Es ist eine Rhetorik, die Dialog simuliert, statt ihn zu führen. Die augenscheinlich nicht vorhandene Polizeistrategie verkauft Livadás wie sein Premierminister Kostas Karamanlis als „defensive Herangehensweise“. „Top-Priorität“ sei es, Leben zu schützen.

Dem Kolumnisten Mandravelis fällt dazu ein, dass der ehemalige Leiter der Terrorabwehr der Polizei, den die vorherige Regierung ernannt hatte, und der als echter Fachmann galt, heute irgendeine Polizeiwache in einer Athener Vorstadt leitet. Gut möglich, vermutet Mandravelis, dass es dem ehemaligen Polizeichef für Aufstandsbekämpfung ähnlich ergangen sei. Das habe man jetzt davon. Jede neue Regierung wechsle stets die Funktionsträger aus und besetze die Posten mit ihren Leuten – ungeachtet der Qualifikation. „Unsere Regierung ist praktisch nicht vorhanden“, findet Mandravelis.

So ziemlich die einzige Maßnahme, die Karamanlis bislang traf, war, den Ladenbesitzern, die von den Zerstörungen betroffen sind, 10?000 Euro Soforthilfe zu versprechen. Ähnliche Zusagen gab es nach den schweren Waldbränden im vorigen Jahr. Angekommen sind die Zahlungen meist nicht. Selbst wenn nun Geld flösse, würde das nicht den Zorn der Studenten mildern, die um ihre Zukunft bangen.

Ohne Beziehungen habe man überhaupt keine Chance, klagt die 20 Jahre alte Biologie-Studentin Popi Pervolaraki, die am Omonia Platz kommunistische Flugblätter zum Preis von einem Euro verteilt. Für das spezifische Modell der Vetternwirtschaft gibt es auf Griechisch einen Begriff: „koubaria“. Der „koubaros“ ist der Trauzeuge oder Pate – der einem im Zweifel einen Job besorgt. Die Hoffnung, dieses System je überwinden zu können, hegt kaum jemand ernsthaft.

„Der eine Teil der Bevölkerung beschwert sich darüber, dass von den Korrupten niemand schuldig gesprochen wird, der andere Teil findet es unverschämt, dass er von der Korruption nicht selbst profitiert“, fasst Petros Markaris die Lage zusammen. Griechenland sei eine ausgesprochen „konsumorientierte Gesellschaft“. Umso enttäuschter seien die Menschen nun in der Krise, wenn die Regierung ihre Ansprüche nicht befriedigen könne, glaubt Markaris.

Die Lust am Konsum lässt sich jedoch für viele Griechen verbinden mit einer im europäischen Vergleich überdurchschnittlich großen Begeisterung für linksradikale Illusionskunst. Manche erklären das mit einer historischen Verspätung: Erst mit dem Ende der Diktatur 1974 wurde die Kommunistische Partei nach Jahren der Unterdrückung in Griechenland wieder legal. „Das hat zu einer gewissen Nachsichtigkeit gegenüber linken Extravaganzen geführt“, glaubt der Kolumnist Paschos Mandravelis. Sie drücke sich etwa darin aus, dass der Fraktionsvorsitzende der linken Syn-Partei im Parlament sagt, wenn ein Jugendlicher nur einmal einen Stein werfe, sei das ja vielleicht noch nicht so schlimm.

Das Zentrum der Anarchie befindet sich auf dem Gelände der technischen Universität im Stadtteil Exarchia. Hier hat der harte Kern der Randalierer von der Polizei unbehelligt seine „Raketenabschussbasis“ aufgeschlagen, wie der Politologe Kouloumbis es nennt. Rings um den Campus stehen Dutzende ausgebrannter Autos. Kioske wurden zerstört, Scheiben eingeschlagen, Computer- und Handygeschäfte geplündert. Am Tor der Universität grüßt ein junger Mann unter einer Motorradmaske. Doch, klar, man dürfe hereinkommen.

Innen sieht es aus wie nach einer riesigen Party, die mindestens drei Tage zu lange gedauert hat. Scherben, Dosen, Essensreste, Müll. Ein Lagerfeuer brennt. Drei Jungs Anfang zwanzig sitzen herum, die Augen gerötet. Lange Nächte, eine Menge Drogen. Einer trinkt Red Bull, einer starrt ins Leere, einer kichert. Die Wände der Gebäude, die gerade mit 14 Millionen Euro renoviert wurden, sind mit schwarz-rotem Graffiti verschmiert, die den Volkszorn beschwören. Auf die Frage, wofür sie kämpften, gibt es keine Antwort. Sondern einen Angriff auf den Fragenden. Journalisten akzeptiere er nicht. „Nichts Persönliches, aber du bist Teil des Systems.“

Draußen in der Stournara-Straße kehren die Ladenbesitzer derweil die Scherben zusammen und setzen neue Scheiben ein. Man hat in diesem Kiez eine gewisse Routine im Umgang mit Rebellion. Exarchia wird gern als „Anarchisten-Hochburg“ beschrieben, aber es ist vor allem ein Szeneviertel mit vielen Restaurants, Cafés und Bioläden, in dem das linke Milieu es sich gemütlich gemacht hat. Gleich neben dem Ort, an dem Alexandros Grigoropoulos erschossen wurde, verkauft ein Spielzeugladen Drachen und Jo-Jos. Man gibt sich hier gern antiautoritär, begrüßt kleine Ordnungswidrigkeiten.

„Was sind schon diese Plünderungen gegen die große Plünderung, die der Räuberkapitalismus ist“, sagt der Steuerberater Vassilis Stebilis, der in Exarchia arbeitet. Man müsse sich fragen, ob 500 Euro Gehalt nicht auch eine Form von Gewalt seien. So sieht man die Lage in Exarchia. Aber Stebilis sieht auch die Widersprüche: Wo man Plünderungen lobe, gebe es eben kein verantwortliches Bürgertum. Ein Milieu, das Widerstand romantisiere, habe lange die Augen verschlossen vor den Aktivitäten einer immer radikaleren Szene.

Die Polizei traute sich in manche Ecken des Viertels kaum noch, weil sie regelmäßig mit Steinen und Molotowcocktails beworfen wurde. Das, so die Polizisten, sei am Samstag vor einer Woche auch geschehen. Tatzeugen sprachen dagegen lediglich von einer verbalen Auseinandersetzung zwischen den Beamten und den Jugendlichen. „Die Hand, die geschossen hat, hat nur das umgesetzt, was ‚brave Bürger‘ in Griechenland seit Langem fordern“, sagt Stebilis – dass man den „Kapuzenträgern“ mal eins draufgebe. „Doch als man gesehen hat, wer unter der Kapuze war – ein Junge aus guter Familie –, war das ein Schock.“

Der Verteidiger des Polizisten, Alexis Kougias, ein landesweit bekannter „Staranwalt“, ließ seinen Mandanten erklären, der Junge habe eine gewalttätige Vorgeschichte und sei von der Schule verwiesen worden. Die Schule hat das inzwischen dementiert, der Innenminister kritisierte den Verteidiger öffentlich. Am Freitag zerstörten Demonstranten Kougias’ Büro.

Am Montag sollen endlich die Ergebnisse der forensischen Untersuchung vorliegen. Die Zeitung „Kathimerini“ will erfahren haben, dass es sich bei der tödlichen Kugel um einen Querschläger gehandelt haben soll. Der Polizist soll aber Funkbefehle zum Rückzug ignoriert haben. Möglich, dass Epaminondas Korkoneas schon deshalb schuldig sein muss, damit die Lage nicht weiter eskaliert. Am Freitag kursierte die Meldung, der Polizei solle das Tränengas ausgehen. Stimmt nicht, sagte der Innenminister.

Es gibt wenig Hoffnung auf Besserung, aber auch keine Panik. Griechenland sei kein gescheiterter Staat, findet Professor Kouloumbis, aber der politischen Kaste fehle eine Vision. Früher wollte man Demokratie und in die EU, heute wisse man nicht mehr, was man wolle. „Griechenland hat sich immer durchgewurschtelt. Wir werden uns weiter durchwurschteln.“

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