Kuba

"Verrat" – Juanita Castro rechnet mit Brüdern ab

Seit 45 Jahren lebt Juanita Castro im Exil. Jetzt spricht die Schwester von Fidel und Raul erstmals ausführlich über ihre Sicht auf die kubanische Revolution. Juanita wirft vor allem Fidel Castro vor, das kubanische Volk verraten zu haben, und lässt auch am Nationalhelden Che Guevara kein gutes Haar.

Foto: REUTERS

Die Abrechnung kommt spät, aber mit Wucht. Fast ein halbes Jahrhundert schon lebt Juanita Castro, die Schwester von Fidel und Raúl, im Exil. Doch erst jetzt redet sie: von ihrer idyllischen Kindheit, von der Revolution, von der verlorenen Heimat und vom großen Bruder, der sie als Máximo Líder so maßlos enttäuscht hat.

Die 76-Jährige nimmt kein Blatt vor den Mund: "Fidel hat das kubanische Volk verraten", sagte sie im spanischen Staatsfernsehen TVE, das den Dokumentarfilm "Meine Brüder und ich" ausstrahlte. Juanita war das fünfte der sieben Kinder von Angel Castro und Lina Ruz. "Wir wuchsen behütet auf und wurden verwöhnt. Doch als Fidel an die Universität ging, politisch tätig wurde und Fulgencio Batistas Staatsstreich kam, war es mit dem Frieden in der Familie vorbei."

Juanita kämpfte anfangs eifrig an der Seite des Bruders für die Revolution, sammelte Geld für Krankenhäuser. Doch Fidel errichtete eine brutale kommunistische Diktatur, bei der Menschen um ihr Hab und Gut gebracht, Andersdenkende verfolgt und erschossen wurden. Als kein Zweifel mehr bestand, dass ihr einstiges Idol keinesfalls der "Befreier des kubanischen Volks" war, habe sie sich von der Frau des brasilianischen Botschafters überreden lassen, für die CIA zu arbeiten.

Unter dem Decknamen "Donna" lieferte sie den Amerikanern fortan Informationen. Sie gab Tipps, wo sie Regime-Gegner und Spione verstecken konnten, mietete dazu eine Wohnung im Vedado-Viertel in Havanna an und verhalf Menschen zur Flucht. Doch die Familienbande waren ihr immer heilig: "Nie habe ich mich dazu verleiten lassen, dem eigenen Bruder Gewalt anzutun", sagte sie.

Aber als aus der gehätschelten "revolutionären Schwester" plötzlich eine "Verräterin" wurde, hat sie das verbittert. Geld habe sie für ihre Dienste als "Donna" nie genommen, sie habe ihr Handeln stets als patriotische Pflicht empfunden. Erst als am 6. August 1963 die Mutter im Alter von nur 57 Jahren stirbt, wird es für Juanita gefährlich.

Raúl, damals Verteidigungsminister, kommt sie besuchen. Zu ihm hat sie noch immer ein gutes Verhältnis. Er rät ihr, die Insel zu verlassen. 1964 geht sie ins Exil nach Mexiko, später nach Miami. Dort hat sie vor drei Wochen ihre Memoiren veröffentlicht, in denen sie auch mit dem Mythos um Che Guevara aufräumt: "Er erschoss Menschen kaltblütig, er hatte kein Herz."

Bei der kubanischen Administration stieß ihr 432 Seiten starkes Werk auf Ablehnung. Das Kulturministerium attestierte ihr schlechten Geschmack und "geringes moralisches Niveau". Juanita ficht das nicht an. Aufmüpfig schaute sie in die Kamera, als stünden die Brüder direkt dahinter: "Das kubanische Volk hat genug gelitten, es reicht. Es ist Zeit für einen Wechsel."

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