Pakistan

Die Polizei ist den Terroristen nicht gewachsen

Das Leben eines Polizisten in Pakistan ist hart: Das Gehalt ist niedrig, Waffen sind veraltet, und die Gefahr für Leib und Leben ist hoch. Dementsprechend prekär ist die Personalsituation: Teilweise ist ein einziger Polizist für 500 Kilometer Straße zuständig. Die Terrorgruppen sind finanziell und technisch weit überlegen.

Foto: AFP

Die Brüder Mushtaq und Ishaq Ali aus dem Nordwesten Pakistans waren bis vor kurzem noch Polizisten. Dann aber mussten sie miterleben, wie einige ihrer Kollegen auf einer Dorfstraße vor den Augen entsetzter Anwohner enthauptet wurden. So wollten sie nicht sterben, und deshalb quittierten sie ihren Dienst. Zudem ließen sie über eine örtliche Zeitung die gezielte Botschaft an die Taliban verbreiten, dass sie nun nicht mehr zur Polizei gehörten und deshalb doch bitte verschont werden sollten.

So wie diese beiden Brüder haben schon viele Beamte in Pakistan ihren Job aufgegeben. Angesichts einer chronischen Unterfinanzierung und mangelhaften Ausstattung ist die Polizei zunehmend demoralisiert. Sie sieht sich kaum noch in der Lage, den vor allem im Nordwesten agierenden Aufständischen die Stirn zu bieten. Und wer könnte sie schützen, wenn sie bedroht werden? Ihre Kollegen bestimmt nicht, ist in Interviews mit Polizisten immer wieder zu hören.


Die Übergriffe auf die Polizei in Pakistan haben in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen. Laut amtlichen Statistiken gab es 2005 landesweit 113 Überfälle, 2007 waren es bereits 1820. Und die Zahl der getöteten Polizisten stieg im selben Zeitraum von neun auf 575. In diesem Jahr kamen allein im nordwestlichen Grenzgebiet zwischen Pakistan und Afghanistan schon 127 Beamte ums Leben, häufig bei Selbstmordanschlägen. 260 weitere wurden zum Teil schwer verletzt.


Das Gehalt macht diese Risiken keinesfalls wett. Die Mehrheit der rund 383.000 Polizisten in Pakistan ist unterbezahlt, im Durchschnitt gibt es ein Monatseinkommen von umgerechnet 60 Euro. Ein einfacher Taliban-Kämpfer bekommt mehr als das Doppelte, wie Malik Naveed Khan, der Polizeichef der Nordwest-Provinz, bitter anmerkt. Selbst bei Todesfällen könne seine Organisation mit den Taliban nicht mithalten. Diese zahlten der Familie eines Selbstmordattentäters umgerechnet mehr als 15.000 Euro. Die Hinterbliebenen eines getöteten Polizisten erhielten vom Staat höchstens 4750 Euro.

Waffen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs

„Das Geld der Aufständischen kommt zu einem großen Teil aus dem Opium-Handel“, meint Khan. Zudem würden sie von wohlhabenden Muslimen im Nahen Osten unterstützt. Die Polizei habe indessen ständig mit knappen Kassen zu kämpfen. „Mir steht jeweils nur ein Polizist für einen Streckenabschnitt von 500 Kilometern zur Verfügung - und das in einer der gefährlichsten Gegenden der Welt“, beklagt der Polizeichef.

Nach Khans Worten stammen viele der Waffen seiner Beamten noch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Seine 18 gepanzerten Fahrzeuge seien zum Teil so alt und klapprig, dass immer ein Mechaniker mit auf Patrouille gehen müsse. Schusssichere Westen und Helme hätten die Polizisten auch nicht, und vielfach fehle es ihnen sogar an der Ausbildung, um Sprengsätze von Terroristen überhaupt zu erkennen. Unter diesen Bedingungen seien die weitaus besser ausgerüsteten Aufständischen eigentlich gar nicht zu schlagen.


Warten, wer als nächster stirbt

Dies betätigt auch Akhtar Ali Shah, ein Polizei-Inspektor aus dem Swat-Tal. Er hat mit angesehen, wie sechs seiner Beamten von einem Sprengsatz zerrissen wurden, mit dem sie nicht gerechnet hatten. „Wie sollen wir Terroristen das Handwerk legen, wenn wir technisch noch nicht einmal in der Lage sind, ihre Telefongespräche abzuhören?“ fragt Shah verzweifelt. „Wir können eigentlich nur noch darauf warten, wer von uns als nächster umgebracht wird.“ Allein im Swat-Tal haben unlängst 300 Polizisten ihren Dienst quittiert.

Die Überlegenheit der Terroristen bekommt auch die Justiz zu spüren, wie der Gefängnisaufseher Imtiaz schildert, der seinen vollen Namen nicht nennen will. Er erhalte mitunter Drohanrufe, dass er einsitzende Aufständische gut zu behandeln habe. Vor einem anstehenden Prozess sei ein Richter bedroht worden - und habe die Angeklagten freigesprochen.

Informationsministerin Sherry Rahman räumt ein, dass dem Land das Geld für eine bessere Ausrüstung der Polizei fehle. Man sei deshalb auf internationale Unterstützung angewiesen. Pakistan erhält von den USA zwar Militärhilfe im Umfang von rund 800 Millionen Dollar (600 Millionen Euro) im Jahr. Die Polizei und das Justizwesen wurden indessen 2007 nur mit 4,9 Millionen Dollar bezuschusst. Analysten sind jedoch überzeugt, dass gerade die Polizei gefördert werden müsse, um wieder Glaubwürdigkeit als Verfechter von Recht und Ordnung zu erlangen.

In einigen Gegenden im Nordwesten haben sich zivile Einheiten gebildet, die sich den Aufständischen in den Weg stellen - ähnlich wie die sogenannten Erweckungsräte im Irak. Ihnen ist es mancherorts tatsächlich gelungen, für Recht und Ordnung zu sorgen. Dies mag für die Einwohner eine gute Sache sein. Doch die Autorität der Polizei wird dadurch eher noch weiter untergraben.

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