Griechenland

Warum eine Nation im Chaos versinkt

| Lesedauer: 8 Minuten
Florian Eder

In Griechenland liegen nicht nur Schaufenster in Scherben. Zerstört ist auch das Vertrauen der Bürger in ihren Staat, vor allem in die Polizei. Reformen laufen schleppend, die Korruption blüht. Viele Griechen zieht es in Ausland. Gerade die junge Generation ist in einer Lage, die ihr wenig Hoffnung lässt.

Ada De Giorgi bringt kaum einen Bissen hinunter. Etliche Male presst sie die Zitrone noch über der gegrillten Dorade aus, als schon längst kein Tropfen mehr herauszupressen ist, stochert in den gebackenen Kartoffeln und ist dem Weinen nahe. Doch der Appetit kommt auch davon nicht zurück. Ada De Giorgi und Oronzo, ihr Mann, sind zu einem Freudenfest aus Lecce in Italien nach Thessaloniki gekommen, ihre 37-jährige Tochter hat hier am Vorabend ihren griechischen Freund geheiratet. Aber nun zieht der beißende Gestank von Tränengas durch die Stadt am Meer, vor ihrem Hotel, nur ein paar Meter entfernt an der Egnatiatraße, einem der besseren Häuser der Stadt, brennen Müllcontainer, und auch draußen vor dem kleinen Fischlokal ist die Luft geschwängert vom Rauch der Brandsätze.

Der Schuss eines Polizisten, durch den am Samstag ein 15-Jähriger starb, hat zur Eskalation geführt. Es ist noch nicht geklärt, ob der Beamte auf den Demonstranten zielte oder ein Querschläger ihn getötet hat. Seither findet Griechenland keine Ruhe mehr. Die Nächte gehören den Gewaltbereiten, vermummt mit Motorradhelmen und Mützen. An der Egnatiastraße, Thessalonikis zentraler Durchgangsachse, fliegen auch Montagnacht Steine. Sie treffen eine Starbucks-Filiale, ein Kosmetikgeschäft, Läden von Mobilfunkanbietern.


An jeder einzelnen Bushaltestelle entlang der kilometerlangen Straße ist das Glas zerstört. Eine Postfiliale hat gebrannt, vielleicht ein Kollateralschaden des Anschlags auf die Bank nebenan. Am Morgen danach fährt ein Lastwagen vor, Postbedienstete rollen ihre versengten Bürostuhle und Computer heraus. In Athen, dem Zentrum des Aufruhrs, ging es kaum weniger schlimm zu. Die Wut sucht sich Ventile im ganzen Land. In zehn Städten berichtete die Polizei von Krawallen, auch auf den Ferieninseln Korfu und Kreta.


In Scherben liegt mehr als das Glas der Schaufenster. Zerbrochen ist das Vertrauen der Griechen in ihren Staat, und das nicht erst am Samstag. „Unsere Gesellschaft trägt tiefe Wunden“, sagt der Journalist Grigoris Roubanis von der linken Tageszeitung „Elevtherotypia“. Reformen im maroden Gesundheits- und Bildungssystem haben viele Regierungen versprochen, die Griechen warten aber noch immer darauf.

Die "700-Euro-Generation" findet keine Arbeit

In Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt des Landes, fehlte über Jahrzehnte jegliche Raumplanung. Wo eine Lücke ist, wird gebaut, schnell und billig hingestellte Gebäude prägen das Stadtbild. Im ganzen Land haben Korruption und Vetternwirtschaft weit um sich gegriffen. Die Sozialisten fordern den Rücktritt des konservativen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis und seines Kabinetts. „Die Regierung hat das Vertrauen der Öffentlichkeit verloren“, sagte der Vorsitzende der Sozialistischen Partei (Pasok), Giorgos Papandreou. Und jüngst verstrickte sich auch die orthodoxe Kirche, die jahrzehntelang einende Kraft der Gesellschaft, in einen Skandal.

Politiker wurden reich, das Pro-Kopf-Einkommen Griechenlands liegt aber seit je am unteren Rand der EU-Länder. Besonders trifft es die Jungen. Bei den unter 25-Jährigen hat Griechenland eine Arbeitslosenquote von 23 Prozent. Die Zeitungen schreiben schon von der „700-Euro-Generation“, die nur schlecht bezahlte Jobs, aber keine Arbeit finden, die keine Zukunft für sich sehen in Griechenland.


Das alles erklärt nicht die Brandsätze, schon gar nicht auf Geschäfte wie das an der Ecke Egnatiastraße und Aristotelesplatz. Keinen Weltkonzern hat es da getroffen, nicht die angeblichen Gewinner der Globalisierung auf Kosten der Armen. Am Vortag hingen in den angestaubten Schaufenstern ältliche Hosen und blasse Pullover, wollene Socken und warme Unterwäsche. In der Nacht haben Vermummte einen Brandsatz hineingeworfen, am Dienstag fegt der Besitzer die Trümmer seiner Existenz auf.


Der Tag gehört wieder dem friedlichen Protest. Tausende ziehen durch die Straßen, zur Stunde, da in Athen der getötete 15-jährige Alexis Grigoropoulos zu Grabe getragen wird. „Gerechtigkeit für Alexis“, skandieren sie und „gegen Polizeiwillkür“. Schüler und Studenten sind darunter, ihre Lehrer und Professoren, aber auch Alte fassen sich an den Händen und ziehen mit. Die vorneweg marschieren, verteilen Rosen an Passanten, auch an Polizisten. Die haben einen miserablen Ruf im Land, nicht erst seit Samstag. Schlecht bezahlt und ausgebildet, gelten sie zumindest als ruppig. Schlimmer noch: Seit 1974, dem Ende der Militärdiktatur, hat es in Griechenland 15 Tote durch nachgewiesene Polizeigewalt gegeben.

In manche Straßen traut sich die Polizei nicht hinein

In den vergangenen Tagen zeigten Fernsehbilder, wie Polizisten am Boden Liegende schlugen, wie sie nach Frauen wie Männern traten. „Alexis war kaum älter als ich, das ist doch eine Tragödie. Aber solange die Polizei von der Politik gedeckt wird, wird es weitere Tote geben“, sagt eine Schülerin, als sie durch Thessaloniki zieht. Ein traurig-kämpferisches Bild gibt sie ab, das rote Banner der Linken in der Hand, auf dem Rücken einen rosa Mädchenrucksack.

Das Eigentum von Ladenbesitzern und Restaurantbetreibern aber konnte die Polizei trotz massiver Präsenz nicht schützen. In manche Straßenzüge Athens traue sich die Polizei schon lange nicht mehr hinein, sagt der Fotograf Kostas Lalas, der Bruder des Bräutigams von De Giorgis Tochter. Er hat es selbst erlebt, dass die Polizei gerufen wurde, aber nicht kam. Zu oft seien die Ordnungshüter einer Falle aufgesessen, als dass sie in gewissen Gegenden noch kämen, um einen schlichten Autounfall aufzunehmen. Die Politik hat darauf vertraut, dass es reicht, die Autonomen, die sich in der Athener Innenstadt eingenistet haben, in Ruhe zu lassen. Doch diese Taktik hat die Autorität des Rechtsstaates untergraben.

Ministerpräsident Karamanlis versprach, dass es damit ein Ende haben soll. „All die gefährlichen und unakzeptablen Ereignisse, die es wegen des tragischen Zwischenfalls gegeben hat, können und werden nicht toleriert“, sagte er in einer landesweit übertragenen Fernsehansprache. Krisensitzungen reihten sich aneinander in Athen, den vom Innenminister angebotenen Rücktritt hat der Premier erst einmal nicht angenommen. Der Staat werde die Gesellschaft fortan beschützen, versprach er. Wahrscheinlich schon am Mittwoch wird sich zeigen, ob er das noch kann – die griechischen Gewerkschaftsverbände haben dann zu einem 24-stündigen Generalstreik und Kundgebungen aufgerufen.

„Soll ich auf die Polizei vertrauen? Sicher nicht“

Die Inhaberin eines kleinen Ladens für Damenmode glaubt es dem Premier nicht. Gestern ließ sie sich zwei Feuerlöscher liefern. „Soll ich auf die Polizei vertrauen? Sicher nicht“, sagt sie. Sie will sich einschließen in ihrem Laden und selbst retten, was zu retten ist, wenn es so weit kommt. Andere Geschäftsleute sperren erst gar nicht auf, wer Metalljalousien oder wenigstens Gitter vor den Fenstern hat, der lässt sie herunter. Aber wer kann, der ist ohnehin längst weggezogen, möglichst weit weg.

So wie Athanasios Lalas, der Bräutigam, und seine frisch vermählte Frau Valentina, die vor 17 Jahren als Austauschstudentin aus Italien nach Griechenland kam. Lalas, Fotograf wie der Bruder in Athen, hat seine Heimat Thessaloniki schon lange verlassen. Der 37-Jährige lebt in Mailand, wo es genug Arbeit gibt für die Fleißigen, die Talentierten und die Kreativen. Es zieht ihn jeden Sommer zurück in die Heimat, er hat eine Wohnung am Meer gekauft, vom Balkon aus überblickt er die ganze Bucht von Thessaloniki, der Strand ist gleich vor der Haustür.


Deswegen kommt er gern zurück, und vor allem der Mutter wegen, die ihn und seine beiden Brüder großgezogen hat. Der jüngste lebt seit zehn Jahren in den USA, Athanasios fast genauso lange in Italien. Auch Kostas, der älteste, will weg aus Athen. Er fotografiert viel in Dubai derzeit. Sobald das mehr ist als ein Nebenerwerb, sollen ihm Frau und Tochter folgen.

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