Castor-Proteste

Die politische Jugend ist wieder da

Plötzlich ist die deutsche Jugend wieder politisch. So scheint es zumindest. Unter den Demonstranten im niedersächsischen Wendland waren auffallend viele junge Frauen und Männer. Sie wagten den Widerstand: stellten, setzten und legten sich dem Castor-Transport entschieden in den Weg.

Foto: Reuters / REUTERS

Seit Mitte neunziger Jahre hatten sich die deutschen Jugendlichen immer weniger für Politik interessiert. Sie konzentrierten sich stattdessen auf das Private und versuchten, sich in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt zurechtzufinden. Bis im Jahr 2002 der Tiefpunkt erreicht wurde. Seither aber wächst das Interesse am politischen Geschehen wieder.

Das „emotionale Aufbäumen“ gehört zum normalen Erwachsenwerden, sagte Klaus Hurrelmann, Professor für Soziologie und Autor der Shell-Jugendstudie, WELT ONLINE. Das öffentliche Aufbegehren aber sei ein neues Phänomen und könnte sich zu einem Trend ausweiten.

Die heutige Jugend-Generation könne mit ihrer Situation und den Zukunftsperspektiven einfach nicht zufrieden sein. „Ich erwarte eine Re-Politisierung der Jugend“, sagte Hurrelmann. „Das liegt in der Luft.“

Die Anti-Atom-Proteste im Wendland könnten ein Beleg für Hurrelmanns These sein. Wie auch die G-8-Ortesten im vergangenen Jahr in Heiligendamm. Vor allem junge Frauen kämpften im positiven Sinne verbissen für ihre Überzeugung, sagte Hurrelmann. Noch allerdings ist es kleine Minderheit, die sich engagiert. Aber solche kleinen Brandherde könnten sich auch schnell einmal zu einem Flächenbrand entwickeln. Entscheidend sei, sagte Hurrelmann, dass ein Thema die Jugend emotional bewegt. Gerade der Atomausstieg und die Endlagerfrage seien solche hochemotionalen Themen.


„Gerade bei den Jüngeren gibt es eine höhere Form der Kompromisslosigkeit, eine Maxime, der man getreu lebt“, sagte der Göttinger Politikwissenschaftler Jürgen Walter Morgenpost Online. Bei seinen Milieubetrachtungen der neuen Mittelschichten hat er eine neue ökologische Rigorosität festgestellt. „Die Grünen sind mit ihrer Gruppe in einen öffentlichbediensteten Wohlstand hineingewachsen. Jetzt kommt von unten etwas Fundamentalistisches nach, und das ist gar nicht so einfach“, sagte Walter. Etablierte Grünen-Politiker, die im Wendland aufträten, passten nicht mehr dahin und würden nicht kongenial aussehen.

„Wenn die Partei der Grünen nicht aufpasst, dann werden es nicht mehr der Herr Bütikofer und die Frau Roth sein, die an der Spitze einer erwartbaren Öko- oder Bürgerrechtsbewegung marschieren“, schreibt Walter in seinem neuen Buch mit dem Titel „Baustelle Deutschland“. Demnach hat sich ein Großteil der grünen Klientel seiner Generation gesellschaftlich längst integriert. Statt in einem Protestmilieu lebe diese Gruppe in einem Statusmilieu.


„Die Kleidung ist sehr teuer, darf aber nicht teuer aussehen. Der Protest ist erheblich geringer geworden, es gibt fast schon einen Luxusmaterialismus“, sagt Walter. Im Unterschied zu den ergrauten Grünen beobachtet er bei der jüngeren Generation einen moralischen Imperativ, wie man zu sein hat. Diese Fundamentalität unterscheide sich von der in den achtziger Jahren, wo es ein expressives Hinausposaunen von Systemkritik gegeben habe. Damals, sagt Umweltstaatssekretär Michael Müller (SPD), war die Anti-Atomkraft-Bewegung noch untrennbar mit der Friedensbewegung verbunden. Sie bildeten die Keimzelle der Grünen. Vor allem die Grünen haben ihre Anhänger mobilisiert, sich an den Protesten in Gorleben zu beteiligen.

Schon seit 2005 versuchen sie verstärkt, ihr altes Markenzeichen, den Atomausstieg, neu zu beleben. Jetzt ließ sich fast die gesamte Parteiprominenz in Gorleben blicken. Nur der ehemalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin fehlte. In dieser Funktion hatte er noch 2001 an seine Parteifreunde vor Ort appelliert, nicht an den Protesten teilzunehmen. Der Atomausstieg sei beschlossene Sache und Deutschland moralisch verpflichtet, seinen radioaktiven Müll zurückzunehmen. In Gorleben sei er jetzt nicht gewesen, weil er lange zugesagte andere Termine bei den Grünen gehabt hätte, sagte Trittin Morgenpost Online. „Wir sind wieder aktiv in die Bewegung hineingegangen.“

Der Widerstand gegen den Castor-Transport hat den politischen Streit um ein Atom-Endlager wieder aufflammen lassen. Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) verlangte, den Salzstock Gorleben sofort als Atommüll-Endlager freizugeben. „Bislang gibt es kein Indiz, das gegen Gorleben als Endlager spricht“, sagte auch Christian von Boetticher (CDU), Umweltminister von Schleswig-Holstein. Im Interesse einer sicheren Endlagerung sei es aber der einzig richtige Weg, auch Alternativen zu Gorleben zu prüfen, forderte Margit Conrad (SPD), Umweltministerin von Rheinland-Pfalz. Es sei dabei allerdings bemerkenswert, sagte Conrad, „dass die größten Befürworter der Atomenergie aus Bayern, Baden-Württemberg und Hessen jegliche Untersuchung in ihren Ländern strikt ablehnen“.

Mitarbeit: Matthias Kamann