Tier-Mensch-Forschung

Unterhaus billigt Herstellung von Mischwesen

| Lesedauer: 4 Minuten
Claudia Ehrenstein

Mit großer Mehrheit hat das britische Unterhaus das seit langem umstrittene Embryonengesetz verabschiedet. Es erlaubt eine Schaffung von Mensch-Tier-Embryonen zu Forschungszwecken. Auch dürfen nun künstlich gezeugte Kinder hergestellt werden, um mit dem Erbmaterial ein krankes Geschwister zu heilen.

Schon aus persönlichen Gründen hat sich der britische Premierminister Gordon Brown vehement für die Stammzellenforschung eingesetzt. Sein Sohn Frazer leidet unter Mukoviszidose – einer tödlichen Erbkrankheit, die möglicherweise eines Tages mit einer Stammzellentherapie behandelt werden könnte. Auch Millionen Patienten mit Alzheimer, Diabetes, Krebs oder Parkinson hofften auf Heilung durch Stammzellenforschung.


Großbritannien sei es künftigen Generationen schuldig, die Stammzellenforschung zu fördern, sagte Brown. Und so plädierte er auch für die umstrittene Forschung mit sogenannten Chimären, die das britische Unterhaus jetzt mit 355 gegen 129 Stimmen gebilligt hat. Danach soll es britischen Forschern künftig erlaubt sein, im Labor Mischwesen aus Mensch und Tier zu schaffen. Der Abstimmung waren Monate teilweise erbitterter Diskussionen vorausgegangen. Konservative und Kirchen hatten der Labour-Regierung vorgeworfen, „Monster“ per Gesetz erschaffen zu wollen. Bislang war die Herstellung von Chimären in Großbritannien nur mit einer Sondergenehmigung erlaubt. Die Forscher setzten Erbgut aus der Hautzelle eines erwachsenen Menschen in die zuvor entkernte Eizelle einer Kuh ein und regten die Zellen an, sich zu teilen. So entstanden Embryos, die die Forscher als Quelle nutzten, um daraus embryonale Stammzellen für ihre Experimente zu gewinnen.


Nicht nur in Großbritannien stieß das Gesetz auf Kritik. Die Arbeiten mit Embryonen aus Tier und Mensch seien wissenschaftlich problematisch und wenig zielführend, sagte Professor Jörg Hinrich Hacker, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Er forderte einen „sehr behutsamen“ Umgang mit dem Thema. In Deutschland hätten Experimente mit Chimären ohnehin keine Chancen, da die Bevölkerung bei der Stammzellenforschung eine sehr restriktive Auffassung habe. Zudem verbietet das deutsche Embryonenschutzgesetz die Herstellung von Mensch-Tier-Mischwesen.


Die britischen Forscher sehen darin eine Möglichkeit, die ethisch ebenfalls problematischen Eizellspenden zu umgehen. Menschliche Eizellen sind rar und teuer. Es ist schwer, Eizellspenderinnen zu finden – unter anderem, weil sie sich vor der Eizellspende einer Hormontherapie unterziehen müssen. Dagegen sind Kuh-Eizellen in den Schlachthöfen preiswert und in nahezu unbegrenzter Menge vorhanden. Das neue Gesetz schreibt vor, dass die Mensch-Tier-Embryonen nach spätestens zwei Wochen zerstört werden. Und: Sie dürfen auch Frauen nicht in die Gebärmutter eingepflanzt werden.


„Es geht in den Experimenten darum, die Differenzierungsvorgänge von Zellen zu erforschen“, sagte der Stammzellenforscher Jürgen Hescheler von der Universität Köln der WELT. Erst wenn diese Prozesse im Detail beherrschbar sind, werden im Labor gezüchtete menschliche Hirnzellen, Nervenzellen, Nieren- oder Leberzellen beim Menschen zur klinischen Anwendung kommen.


Die Herstellung einer echten Chimäre, also die Vermischung des Erbguts von Mensch und Tier, sei auch in Großbritannien verboten, sagte Hescheler. Er plädierte zugleich für große Offenheit in der Diskussion über Stammzellen, um Angst und Horrorszenarien zu verhindern. Letztlich sei es das Ziel der Forscher, eines Tages Ersatzzellen und Gewebe zu züchten, das nach der Transplantation von den Patienten nicht abgestoßen wird.


Die Frage, ob auf dem Weg dorthin tatsächlich Experimente mit Mensch-Tier-Zellen notwendig sind, sei in Deutschland „keine aktuelle Frage“, sagte die FDP-Forschungspolitikerin Ulrike Flach Morgenpost Online. Das britische Vorgehen beobachte sie zwar „mit hohem Fachinteresse“. Der Mangel an menschlichen Eizellen könne aber auch anders ausgeglichen werden. So hat etwa der Stammzellenforscher Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster aus den Stammzellen von Mäusen erfolgreich Eizellen gezüchtet. Und japanische Forscher haben die Hautzellen eines erwachsenen Menschen zu Eizellen reprogrammiert.


Positiv bewertete Flach die Entscheidung des britischen Unterhauses, mit dem neuen Gesetz auch die Produktion sogenannter Rettungsgeschwister zu erlauben. Das sind Kinder, die gezeugt werden, um ein lebensbedrohlich erkranktes Geschwister etwa durch eine Knochenmarkspende zu retten. Nach der Befruchtung im Reagenzglas sollen die Mediziner nun einen Embryo auswählen dürfen, der genetisch am besten zu dem erkrankten Kind passt. Die Neuregelungen müssen noch das Oberhaus passieren und können mit der Zustimmung der Queen möglicherweise schon im November in Kraft treten.

( KNA/dpa/lk )

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos