USA

"Joe, der Klempner" ist neuer Star des Wahlkampfs

Seit dem Fernsehduell der Kandidaten für das Präsidentenamt hat Amerika eine neue Symbolfigur für den amerikanischen Mittelstand. Sein Name: Joe, der Klempner. John McCain brachte den Handwerker immer wieder ins Spiel, der ausgerechnet Barack Obama sein Leid geklagt hatte.

Foto: REUTERS

Joe Wurzelbacher, ein Klempner aus Holland (Ohio), ist John McCains neuer Lieblingswähler geworden. Wurzelbacher Angst vor Barack Obamas Steuerplänen. McCain scheint deshalb zu glauben, vielleicht könne für ihn aus Holland doch noch die Rettung nahen. Er eröffnete vorgestern Abend die letzte der drei Fernsehdebatten zwischen ihm und Barack Obama mit einem passionierten Plädoyer für Joe Wurzelbacher.

In Holland, einem Vorort der Stadt Toledo, will der Klempner den Betrieb kaufen, in dem er arbeitet. Obama hat angekündigt, Amerikaner mit einem Jahreseinkommen von mehr als 200.000 Dollar sollten höhere Steuern zahlen. John McCain behauptet seit langem, das treffe auch Kleinfirmen mit entsprechendem Jahresumsatz. Bisher ist er bei den Wählern auf taube Ohren gestoßen. Aber offenbar nicht bei Wurzelbacher. Montag war Obama in Toledo, und Wurzelbacher sagte ihm die Meinung. „Ich will eine Firma kaufen, die so zwischen 250.000 und 270-, 280.000 Dollar macht. Sie wollen mich höher besteuern. Mehr und mehr Steuern, das macht den amerikanischen Traum immer schwerer!“ Obama erwiderte ihm unter anderem: „Wir müssen den Wohlstand breit streuen.“


Mittwochabend eröffnete Barack Obama die Fernsehdebatte mit Ausführungen über die Finanzkrise. Vier Punkte, darunter eine „Steuerentlastung für alle Amerikaner unter 200.000 Dollar Jahreseinkommen“. Dann kam McCain an die Reihe, nannte den Namen Joe Wurzelbacher und schaute direkt in die Kamera. „Joe, ich werde Ihnen helfen, den Betrieb zu kaufen, für den Sie Ihr ganzes Leben geschuftet haben. Ich werde Ihre Steuern niedrig halten und für eine erschwingliche Krankenversicherung sorgen.“ Krankenversicherungen sind Sache der Arbeitgeber, und ein Kostenproblem für viele Betriebe. McCain, zu Obama: „Und was Sie Joe dem Klempner und Millionen anderen antun wollen ist, die Steuern zu erhöhen und ihnen den amerikanischen Traum von der Selbständigkeit zu zerstören.“

Der Moderator zu Obama: „Wollen Sie das?“ McCain: „Joe glaubt – ja.“ Obama: „Er hat Senator McCains TV-Spots gesehen. Lassen Sie mich sagen, was ich tatsächlich tun will. Der Kern der Steuerpläne Senator McCains ist ein zusätzlicher Steuernachlass von 200 Milliarden Dollar für einige der größten Konzerne Amerikas. Exxon Mobil Öl und andere würden vier Milliarden Steuernachlass bekommen.

Ich will Steuernachlässe für 95 Prozent der arbeitenden Bevölkerung, 95 Prozent. Wenn Sie mehr verdienen – wenn Sie weniger als eine Viertelmillion im Jahr verdienen“, und Obama schaute nun ebenfalls direkt in die Kamera, „dann wird Ihre Einkommensteuer nicht erhöht, Ihre Kapitalertragsteuer nicht und auch nicht Ihre Lohnsteuer. Ihre Steuer geht um keinen Cent nach oben.“ Experten hätten errechnet, dass der Obama-Plan dreimal so viele Steuernachlässe für den Mittelstand gewähre wie McCain.


„Ich will, dass der Klempner, die Krankenschwester, der Feuerwehrmann, der Lehrer, der Jungunternehmer das Geld haben, das sie jetzt brauchen.“ 98 Prozent der Kleinbetriebe machten weniger als 250.000 Dollar Umsatz. „Denen will ich zusätzliche Steuererleichterungen verschaffen.“ McCain: „Senator Obama hat Joe dem Klempner gesagt, wir müssten den Wohlstand breit streuen. Mit anderen Worten, wir nehmen Joe das Geld weg, damit Senator Obama den Wohlstand streuen kann. Ich will, dass Joe der Klempner den Wohlstand streut. Senator Obamas Konzept ist Klassenkampf.“


Und so ging es weiter. Obama über den Milliardär Warren Buffett: „Mein guter Freund Warren Buffett hat gesagt, er könne ein wenig mehr Steuern zahlen, um...“ McCain: „Wir reden von Joe dem Klempner.“ Obama: „...um Joe dem Klempner Steuersenkungen zu geben, bevor er 250.000 Dollar macht.“ Niemand möge Steuern. „Aber letztlich müssen wir für die Schlüsselinvestitionen aufkommen, die die Wirtschaft stark machen, und irgendwer muss das bezahlen.“ McCain: „Niemand mag Steuern. Also lassen wir Steuererhöhungen, ok?“

Damit genug von Joe dem Klempner? Nein. Eine halbe Stunde später, McCain zur Krankenversicherung: „Nun ist da draußen ja mein alter Kumpel, Joe der Klempner. Joe, wenn Sie einen Kleinbetrieb haben und Ihr Krankenversicherer den Kapitalertrag nicht hat, den ihm Senator Obama ja wegnehmen will; wenn Sie, mein Freund, da draußen Angestellte haben und Kinder und Sie Obamas Gesundheits-Pflichtversicherung nicht wollen – dann wird Senator Obama Ihnen eine Strafgebühr aufbrummen.“ McCain bezog das auf Obamas Kinderpflichtversicherung, die zu unterlaufen Strafe kosten soll. Obama: „Joe, wenn Sie da draußen sind – Ihre Strafe wird null Cent sein. Kleinbetriebe sind von der Gebühr ausgenommen.“


Blitzumfragen nach der Debatte legten nahe, dass Obama auch Joe den Klempner nicht zu fürchten braucht. Die Mehrheit der Befragten sagte, Obama sei besser gewesen. Aber dieser riecht eine letzte Chance, den Trend zu drehen. Tags zuvor hatte Wurzelbacher einen Telefon-Auftritt in einer konservativen Talkshow. Habe Obama ihn umstimmen können? „Im Gegenteil. ,Den Wohlstand streuen‘, das macht mir Angst. Das ist Sozialismus.“


Wurzelbacher hat es auf 12.300 Einträge bei Google gebracht. „Aberwitzig, mein Name in einer Präsidentendebatte“, sagte er gestern. John McCain, der Obama bissig entgegenhielt „Wenn Sie gegen George W. Bush antreten wollten, hätten Sie das vor vier Jahren tun müssen. Ich bin nicht George Bush“, wird ihn wohl bald einladen, auf Veranstaltungen zu sprechen. Joe, mein Freund, Dich hat der Himmel geschickt.

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