Serbien

Die Belgrader lieben Verschwörungstheorien

Erst kam der Sozialismus, dann Slobodan Milosevic und der Balkan-Krieg. Doch der triste Schleier, der sich über das öffentliche Leben in Serbiens Hauptstadt gelegt hatte, lüftet sich jetzt endlich ein wenig. Das hindert die Belgrader natürlich nicht daran, weiter ihrem Lieblingshobby zu frönen.

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Verschwörungstheorien gehören nach Serbien wie türkischer Kaffee und Slibowitz. In einem kleinen Café zu diskutieren, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Belgrader. Auch Aleksander, der sonst gern an der Donau fischt, kennt natürlich die neuesten Gerüchte: "Sieh dir das an!", schimpft er auf der Hauptverkehrsader Belgrad, der Knez Milosa, und zeigt auf einen prunkvollen Säulenbau, dessen Eingeweide von einer Bombe zerrissen wurden. "Das soll jetzt ein Luxus-Hotel werden. Und weißt Du für wen? – Für amerikanische Senioren!", sagt er aufgeregt. "Ihr wisst es bestimmt nicht, aber die Amis haben nur die Häuser bombardiert, die sie später kaufen wollen." Wie kann es auch anders sein?

Fast acht Jahre ist mein letzter Besuch in Belgrad her. Damals, direkt nach der Bombardierung durch die Nato, war es fast schon gefährlich zuzugeben, eine deutsche Mutter zu haben. Es war die Zeit, als Medikamente wegen des Embargos nur unter der Hand gedealt wurden und Slobodan Milosevics Porträt in manchen Wohnungen sogar die Träume im heimeligen Doppelbett (oder sonstige Tätigkeiten in den ehelichen Gemächern) bewachte.


Doch nun hebt sich langsam der bleierne Schleier, der Belgrad, die weiße Stadt, ergrauen ließ: Serbien ist aus seiner Isolation zurückgekehrt, auch wenn die Nachwehen, wie etwa ein von Bomben zerstörtes Prunkgebäude, noch zu spüren sind. Wer es bislang noch nicht mitbekommen hat, der weiß es seit dem überraschenden Grand-Prix-Sieg von Marija Serifovic mit ihrem Lied "Molitva" (Gebet) vergangenes Jahr längst.


Globale Geschäfte statt sozialistischem Arbeiterlook


Die Gebete derjenigen, die nach dem Mord an dem westlich orientierten Ministerpräsidenten Zoran Djindic im Jahr 2003 die Hoffnung längst aufgegeben hatten, dass sich das Land doch irgendwie zum Besseren verändert, wurden tatsächlich erhört. Und die Betenden waren meist die jungen Belgrader.

"Vielleicht gehe ich noch einmal nach Amerika für ein Studienjahr", sagt die 22-jährige Natasa, die gerade im Medizinstudium steckt, euphorisch. Eben war sie ein paar Tage in Bremen, und ein Austauschplatz für Brasilien ist ihr auch schon sicher.


Sie ist wie alle junge Belgrader ganz verrückt danach, die Welt zu entdecken, zumal Serben wieder Visa erhalten. Während und vor allem nach dem Krieg waren diese so gut wie gar nicht zu erhalten. Doch Reisen, andere Länder sehen, ohne gleich als Regime-Flüchtling zu gelten – das ist neu. Aber für längere Zeit leben will Natasa nirgendwo anders als in Belgrad. "Wir haben doch alles", sagt sie und zählt zu allererst die vielen Diskotheken auf, die gerade erst entstanden sind. Politik oder das Kosovo interessiere sie weniger. "Wen interessiert schon das Kosovo. Das ist alles nur Augenwischerei", heißt es in Natasas Familie.

Tatsächlich sind auch auf der Fußgängerpromenade, der Knez Mihailova, die in den Park der alten Festung Kalemegdan mündet und die für die Belgrader den Nationalstolz symbolisiert, die verstaubten Läden namens "Export", die Arbeitskittel in gedeckten Farben mit Blümchen im sozialistischen Arbeiterlook verkauften, verschwunden.


Dafür sind jede Menge Bücherläden mit internationaler Literatur hinzugekommen; fast jedes Geschäft einer deutschen Einkaufspassage findet sich wieder – sogar eine große deutsche Drogeriemarktkette; die Cafés sind voll besetzt mit den berühmten "schönsten Frauen des Balkans" und die Stadt platzt fast aus allen Nähten vor Autos. Vor ein paar Jahren war es noch besser, keinen guten, geschweige denn einen neuen Wagen zu fahren: Entweder er wurde verbeult, weil nachts jemand den Tank leer saugte und die Diebe das Benzin morgens zum Rückkauf an der Straße anboten, oder es wurde gleich das komplette Auto gestohlen.


Für 500-Milliarden-Dinar ein Brot

"Es gibt wieder Arbeit und frische Ideen, um Probleme zu lösen", sagt mein Cousin Misko. Inzwischen ist er zum Geschäftsführer eines Unternehmens aufgestiegen, das Autos auf umweltfreundlichen Gasantrieb umrüstet. Nebenbei vermietet er Baugerüste. Das Geschäft boomt, denn viele ehemalige Flüchtlinge bauen.


Vor allem diejenigen, die direkt nach ihrer Flucht aus dem Kosovo, ihre Schweine und Hühner noch auf dem Balkon im 19. Stockwerk hielten und ihr Brennholz zur Freude ihrer Nachbarn im Aufzug stapeln mussten, den sie anschließend auch noch mit einem Vorhängeschloss verriegelten. "Nur bezahlt wird die Arbeit noch sehr schlecht“, sagt Misko. Knapp 250 bis 300 Euro verdient heute ein Durchschnitts-Belgrader. Nicht viel, aber verhungern muss damit keiner.


Endlich ist auch die Inflation vorbei. Wer einmal miterlebt hat, wie derselbe 500-Milliarden-Dinar Schein morgens noch ein Laib Brot wert ist und abends nicht mal mehr eine Zigarette, freut sich selbst über völlig überhöhte Preise für Shampoo. Außerdem: "Die schönsten Frauen hat Belgrad mit oder ohne Inflation", sagt Misko.

Es gibt noch ein paar Flecken

Doch das frische Weiß Serbiens hat immer noch ein paar – vor allem braune – Flecken. Besonders das Kosovo bleibt eine dunkle Stelle. Was passiert, wenn sich die Provinz für unabhängig erklärt, ist keineswegs klar. Auf der Straße zumindest rechnen viele mehr mit einer neuen Flüchtlingswelle, als mit einem neuen Balkan-Krieg. Internationale Hilfsorganisationen bereiten sich im Stillen bereits auf einen neuen Exodus vor.


In Belgrad ist gerade erst ist die öffentliche Entrüstung über den deutschen Botschafter abgeflaut, der vor wenigen Wochen behauptete, nach der Autonomie des Kosovo müsse man auch über die Autonomie anderer Provinzen sprechen – etwa der Vojvodina an der Grenze zu Ungarn.


"Der ganze Krieg, die angeblichen Verbrechen und die Diskussion um das Kosovo – das ist doch sowieso alles nur westliche Propaganda“, sagt Oma Vera über das heikle Thema. "So sehr die Serben ihr Kosovo mögen, dort leben will ja trotzdem keiner. Also, was sollen wir damit?" Was dann die vielen Graffitis zu bedeuten haben, die Unbekannte an ein Belgrader Café gesprüht haben, kann die alte Frau aber auch nicht sagen: "Srbija je Kosovo, Kosovo je nas!" – "Serbien ist Kosovo, Kosovo ist unser!", steht da in großen Lettern.


Hinter vorgehaltener Hand werden ihre Besucher dann aber doch aufgeklärt: "Weißt Du warum Europa uns das Kosovo abnehmen will? Da liegen Unmengen von Bodenschätzen – und Du weißt ja, wie die sind, wenn es um Öl geht". Darauf einen Slibowitz.