Kriegsverbrechertribunal

UN-Chefanklägerin Del Ponte hört auf

Carla Del Ponte: Sie wollte die Kriegsverbrechen des Balkans sühnen, hat Radovan Karadzic aber nicht fangen können. Auch Slobodan Milosevic starb, bevor er verurteilt werden konnte. Doch die Bilanz der Chefanklägerin des Haager Tribunals ist nicht schlecht. Nach acht Jahren im Amt geht die Schweizerin.

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Eigenwillig, streng und unbeliebt – wenn Carla Del Pontes Namen fällt, dann stets in einem Atemzug mit den Namen von Männern. Männer, die für ein Ausmaß an Grausamkeit stehen, wie es Europa seit dem Holocaust nicht mehr erlebt hat. Slobodan Milosevic, Ratko Mladic, Radovan Karadzic, Vojislav Seselj.

161 Personen hat Carla Del Ponte als oberste Staatsanwältin des Internationalen Gerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien angeklagt, Ende Dezember nun gibt sie diesen Posten nach acht Jahren ab.

Wenn sich Del Ponte heute mit einer letzten Pressekonferenz als Chefanklägerin verabschiedet, dann wird beim abschließenden Resümee ihrer Arbeit mindestens so viel freundliches Lob wie harsche Kritik zu hören sein, und das ist eigentlich unverständlich. Die 60-Jährige gehört zu einer weltweiten Elite von Juristen, die am Ende eines Jahrhunderts voller Kriege und Menschenrechtsverbrechen den Grundstein für ein internationales Rechtssystem legte.

Viele Angeklagte sind noch immer nicht gefasst

Der Grund für dieses uneinige Urteil liegt nicht darin, dass noch immer vier Angeklagte nicht gefasst sind, zuvorderst die Serbenführer Radovan Karadzic und Ratko Mladic, verantwortlich für den Tod von mindestens 8000 Muslimen im bosnischen Srebrenica. Del Ponte trägt daran keine Schuld, sondern Teile des serbischen Regierungsapparats und der Geheimdienste. Nicht zuletzt war es auch der Unwille von Vertretern Washingtons, Paris' und Londons, die während des Bosnienkrieges andere Interessen als die Gerechtigkeit hatten. Es ist auch nicht die Tatsache, dass Slobodan Milosevic im März 2006 während seines sich seit mehr als fünf Jahren hinziehenden Verfahrens in Haager Haft starb, ohne Urteil. Das Gericht hatte den juristischen Rahmen eingehalten und Milosevic diesen auszunutzen gewusst.

Nein, es ist die Figur der Carla Del Ponte selbst, an der sich Freunde wie Feinde abarbeiten. 53 Urteile hat das Haager Tribunal bisher gesprochen. Tausende haben Gerechtigkeit erfahren. Frauen, die ihre Männer und Söhne während der Balkankriege verloren und mit Gewalt ihr Zuhause verlassen mussten. Frauen, die in Lagern monatelang vergewaltigt wurden. Junge Männer, die ihre Väter und Brüder im Massaker an den Muslimen von Srebrenica sterben sahen. Kinder, die in Flüchtlingstrecks über schneebedeckte Straßen vor den heranrückenden Truppen der Serben, der Kroaten um ihr Leben liefen.


Es ist eine männliche Welt, die Carla Del Ponte geprägt und die Schweizerin selbst zu einer öffentlichen Person mit wenig weiblicher Ausstrahlung gemacht hat. Männer suchen die Konfrontation, Frauen den Kompromiss, sagt man gemeinhin gerne. Für eine Chefanklägerin kann es keine Kompromisse geben, wenn die Gerechtigkeit auf der Strecke bleibt. Aber braucht es dazu auch der fortwährenden Konfrontation? Und darf die Anklage so sehr polarisieren, wie sie es notorisch tat?

Gerechtigkeit war das Einzige, was Del Ponte interessierte

Gerechtigkeit, so hat Del Ponte oft genug in Interviews gesagt, war immer das Einzige, was sie interessierte und was sie wollte. Bei dieser Suche kannte die Kettenraucherin, die mit drei Brüdern in einem Bergdorf im Tessin aufwuchs, kein Zurückschrecken und auch keine Bedachtsamkeit in ihrem Auftritt. Wenn Carla Del Ponte mehrmals im Jahr nach Belgrad oder Zagreb reiste, um Regierungschefs und Präsidenten aufs Neue wegen deren ungenügender Kooperation die Leviten zu lesen, dann schlug sie auf wie der Jedi-Ritter, umringt von mindestens vier baumstarken Leibwächtern in langen Mänteln. Im Stechschritt marschierte Del Ponte ein, bevorzugt gekleidet in schwarze Hosenanzüge, bewusst gewählt der Kontrast zu ihrem blondweißen Kurzhaar, der dunkel umrandeten Brille, den massiven Goldketten und Ohrringen. "Sie hatte etwas von einem Rapstar, wenn sie in Belgrad auflief", beschreibt die Szene ein Beobachter.

Dass Carla Del Ponte in Serbien und zeitweise auch in Kroatien zu den meistgehassten internationalen Vertretern gehörte, verwundert nicht. Die Serben zumal gründen ihre Identität auf die Rolle des ewigen Opfers, das seit der verlorenen Schlacht auf dem Amselfeld 1389 die eigene Bestimmung in der Niederlage und in der Verschwörung fremder Mächte findet.


Aber auch diejenigen, die eigentlich "auf ihrer Seite" standen, teilten oft gegen sie aus, insbesondere jene, die tagein, tagaus den fragilen Frieden auf dem Balkan nach den blutigen 90er-Jahren zu wahren suchten. Zu oft hatte Del Ponte ihnen Knüppel zwischen die Beine geworfen, indem sie just dann das Kameralicht suchte, wenn etwa in Serbien Wahlen anstanden und die Umfragen wieder einmal zugunsten des nationalistischen Lagers ausfielen.


Als der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan 1999 Del Ponte zur Chefanklägerin ernannte, eilte der Bundesanwältin und Actionfilm-Liebhaberin ein Ruf voraus. "Carlita la Peste" nannte man sie in der Schweiz. Gleichzeitig aber war sie bekannt als enge Vertraute und Mitarbeiterin des berühmten Mafia-Richters Giovanni Falcone. 1992 wurde auf beide ein Sprengstoffanschlag verübt.

Auf dem Weg zur Gerechtigkeit ist kein Platz für Gemütlichkeit

Mutig, eigenwillig, unerträglich. Aus ihrem Büro in Den Haag ließ Del Ponte das dort aufgestellte Sofa samt Armsesseln sofort wegräumen. Auf dem Weg zur Gerechtigkeit ist kein Platz für Gemütlichkeit.

Die Schriftstellerin Slavenka Drakulic beobachtete über Monate die Prozesse in Den Haag und versuchte zu ergründen, wie es zu solchen Verbrechen kommen konnte. Drakulic fand keine Erklärung, aber eine Erkenntnis über den Umgang der ehemaligen jugoslawischen Staaten mit dem Tribunal: "Die Schuld wurde nicht individualisiert. Wir sind noch immer Gefangene des Kollektivismus. Schuld aber verlangt nach Individualisierung."

Carla Del Ponte hat sich um die Entwicklung der internationalen Gerichtsbarkeit verdient gemacht wie wenige andere. Dank ihrer Arbeit verurteilten die Haager Richter drinnen im Tribunal Angeklagte wie jene sechs serbischen Soldaten, die in Suva Reka eine 46-köpfige kosovarische Familie abschlachteten. Draußen aber, auf dem Balkan, hat Del Ponte ihren eigenen Kampf geführt - einen Kampf Mann gegen Mann. Sie wurde so zum fassbaren Feindbild, an dem sich das Kollektiv abarbeiten konnte.

Als Schweizer Botschafterin in Argentinien will Del Ponte demnächst ein Buch über ihre Jahre in Den Haag schreiben. Einigen Männern werden auch diese Berichte der Anklägerin schon jetzt Angst machen.