Demokraten

Jo Biden bringt Obamas Parteitag zum Kochen

Barack Obama wurde als Präsidentschaftskandidat nominiert – aber der Abend gehörte Joe Biden. In seiner Rede griff er Herausforderer McCain ausgerechnet in der Außenpolitik an. Mit seiner persönlichen Ansprache gewann er die Herzen der Wähler. Damit tat er genau das, was Obama sich von ihm erhofft hat.

Als Joseph Biden die Stimmung des Parteitags ohnehin schon an den Siedepunkt geführt hatte, trat der Kandidat persönlich aus den Kulissen hervor und brachte den Saal vollends zum Kochen. Barack Obama zeigte sich am Mittwochabend ohne Vorankündigung erstmals auf der Bühne des demokratischen Parteitags in Denver, umarmte seinen Vizekandidaten Biden und winkte den Delegierten zu, die sich in der Gewissheit ihrer historischen Leistung ganz dem Jubel hingaben.

Denn kurz zuvor hatten sie Obama einträchtig als ersten Schwarzen zum Präsidentschaftskandidaten einer großen US-Partei gewählt. Nun zelebrierten sie ihre Vorfreude auf den Machtwechsel, den sie mit diesem Tag ein Stück näherrücken sehen.


Obama beschränkte sich auf einige Dankesworte, denn dieser Abend sollte Biden gehören, der sich den Delegierten als künftiger Vizepräsident vorstellte. Der 65-jährige Senator war genau der Richtige, um den Parteitag anzuheizen. Biden war bissig, souverän griff er den Republikaner John McCain ausgerechnet in dessen Paradebereich Außenpolitik an, und er erfüllte damit jene Rolle, die Obama ihm im Wahlkampf zugedacht hat: der Mann für die furchtlose Attacke zu sein. „Diese Zeiten erfordern mehr als einen guten Soldaten“, sagte Biden. „Sie erfordern einen weisen Führer, der Wandel bewirken kann.“



Kritik an einem Freund


Das saß. Der Soldaten-Verweis galt natürlich dem Vietnam-Veteranen McCain, dessen Nimbus als Kriegsheld bislang unangreifbar war. Der junge Kandidat Obama kann die lebende Legende McCain auf diesem Gebiet nicht wirklich attackieren, es würde anmaßend und unbotmäßig wirken. Hier ist der ehrwürdige Politiksenior Biden gefragt. „John McCain ist mein Freund, wir kennen uns seit dreißig Jahren“, begann Biden fast im Flüsterton.

„Johns Mut und sein Heldentum bringen mich immer noch zum Staunen.“ Dann folgte die Kritik, die er seinem Senatskollegen auf gleicher Augenhöhe auftischte: McCain sei der Strohmann der Großkonzerne. Er kenne die Alltagssorgen der Bürger nicht. Und er habe sich in den großen außenpolitischen Fragengeirrt: Irak, Iran, Afghanistan.


Die Delegierten dankten es ihm – mit Jubel, Siegeszuversicht und wohl auch etwas Erleichterung über den harmonischen Verlauf des Tages: Erst Obamas offizielle Nominierung als Kandidat, bei der seine frühere Gegnerin Hillary Clinton noch einmal ihre Unterstützung für Obama bekundete. Dann der offizielle Segen von Ex-Präsident Bill Clinton, der seine kaum verborgene Abneigung gegen Obama zumindest für diesen Tag aufgab und Obama die Befähigung zum Präsidentenamt attestierte. Und nun die Rede von Biden, der seinen Wert für Obama und die Partei rhetorisch geschickt unter Beweis stellte.



Biden rührt die Herzen der Wähler

Biden sprach viel von sich selbst, seine Biografie ist ihm ein wichtiges Argument in der Politik. Er erzählte von seiner Jugend, die geprägt war von Entbehrung, Existenzsorgen und seinem Stotter-Leiden. „Mein Vater hatte finanziell zu kämpfen, aber er sagte mir immer: Junge, wenn dich einer niederschlägt, steh auf.“ Dies habe ihm auch geholfen, als seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall ums Leben kamen. Diese Geschichte ist zwar hinlänglich bekannt. Sie hat aber immer noch das Potenzial, die Herzen der Wähler zu rühren.

Biden, der tapfere Mann aus dem Volk: Damit soll er die Wähler der weißen Unter- und Mittelschicht mobilisieren helfen, die Obama bislang noch nicht als überzeugenden Vertreter ihrer Interessen und Wertvorstellungen sehen. Gleich nach Obamas großer Abschlussrede, die für Donnerstagabend geplant war, soll Biden mit dem Kandidaten eine Bustour durch die alten Industriestaaten Ohio, Pennsylvania und Michigan starten – dorthin also, wo dem Afroamerikaner Obama noch einige Vorbehalte entgegenschlagen.

Mit Bedacht hatte die Parteitagsregie das Lied ausgewählt, das nach Bidens und Obamas Auftritt aus den Boxen schallte: „We are Family“ – die Demokraten als eine große Familie.

(AFP)

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