Konjunktur

Der Krieg beendet den georgischen Aufschwung

| Lesedauer: 7 Minuten
Eduard Steiner

Georgiens Reformwirtschaft galt als musterhaft: Seit 2003 brachten junge Unternehmer das Land nach vorn, es entstanden Banken und Immobilienunternehmen nach westlichem Vorbild, internationale Investoren brachten Geld. Nun hat der Krieg binnen Tagen vieles zunichte gemacht.


„Klein Palästina“ nennen die Georgier das acht Kilometer außerhalb ihrer Hauptstadt Tiflis gelegene Tsavkisi-Tal. 160 Villen bauen israelische Investoren dort im Moment auf. Da wollten die Araber nicht nachstehen. Mit seiner Rakeen Investment kaufte ein Scheich aus Dubai 180 Hektar in der Nachbarschaft, entwickelt 300 Villen, ein Fünfsternehotel und ein neues College. In einem Georgien, das selbst gerade einen blutigen ethnischen Territorialkonflikt austrägt, probt die Geschäftswelt aus dem nahen Osten die Nachbarschaft. In Klein-Palästina funktioniert sie dem Vernehmen nach gut.

Einer, der es wissen muss, ist Lewan Nebieridze. Vor sieben Jahren schon hat der 46-jährige Georgier ein kleines Grundstück inmitten des späteren Klein-Palästina gekauft. Er hatte eine gute Nase fürs Geschäft: Drei Dollar zahlte Lewan damals für den Quadratmeter. Heute würde er für 100 Dollar weggehen wie warme Semmeln.


Lewan freilich interessieren andere Verkäufe mehr. Mit zwei Partnern führt er drei Firmen unter dem Namen Dendro. Das Geschäft läuft mittlerweile recht zufriedenstellend. Lewan produziert die traditionelle georgische Pflaumensauce Tkemali und beliefert nicht nur Russland uns die anderen ehemaligen Sowjetstaaten, sondern etwa auch Deutschland und die USA.


Daneben exportiert er Eisenschrott in die Türkei, er unterhält eine Spedition mit 18 Lastwagen und kultiviert 100 Hektar Wein- und Obstgärten. „Wir Georgier können nicht warten, wir wollen alles sofort“, sagt Lewan, als ihm während der Autofahrt durch die Stadt ein anderer die Vorfahrt nimmt. Knapp fünf Mio. Dollar setzen Lewans Firmen mit ihren 170 Beschäftigten im Jahr um. Es könnte ruhig mehr sein, sagt er. „Aber die Marktwirtschaft ist jung. Wir sind hier erst am Anfang.“

Das, was Lewan Anfang nennt, begann 2003. Seit die damalige Rosenrevolution den Regimewechsel herbeigeführt hat, bildete sich nicht nur eine Unternehmerschicht heraus, entstanden Banken und Immobilienunternehmen. Internationale Investoren kamen und brachten Geld, sie wurden zu einem der wichtigsten Wirtschaftsmotoren. Die jungen Reformer haben das Image der ehemaligen Sowjetrepublik glänzend aufpoliert.

Zum „Reformer 2006“ hat die Weltbank Georgien geadelt und in ihrem „Doing Business“-Rating in diesem Jahr auf Platz 18 gehievt. Das lockt weitere Investoren. 5,5 Mrd. Dollar haben sich an ausländischen Direktinvestitionen angehäuft, mehr als ein Drittel davon allein im Jahr 2007. Eine stattliche Summe für ein Land mit 4,4 Millionen Einwohnern und einem Bruttoinlandsprodukt von gerade zehn Mrd. Dollar. Israelische Unternehmer haben groß zugekauft, niederländische, lettische ebenso. Die Tschechen kauften den Stromverteiler Energopro, die Kasachen den Hafen Batumi, die Deutschen kauften Zementwerke und Immobilien.

Vieles davon ging im Zuge der Privatisierungen an die neuen Eigner. „Die Privatisierung war positiv“, sagt Revaz Sakewarischwili, Georgiens führender Wirtschaftspublizist: „Aber das Schema war primitiv“. Die staatlichen Aktiva erhielt der, der am meisten zahlte. Auflagen für den Käufer gab es nicht. Sakewarischwili kritisiert, dass die Gelder nicht in einen Fond wanderten, sondern über ständige Budgeterhöhungen in Militärausgaben und Soziales. „Die Geldmasse heizte die Inflation an“, sagt er.

Hohe Inflation

Für dieses Jahr sind offiziell 12 Prozent prognostiziert, Experten befürchten aber mehr. Am meisten darunter leiden die über 13 Prozent Arbeitslosen und jenes Drittel der Bevölkerung, das ohnehin unter der Armutsgrenze lebt.

Das Wirtschaftswachstum von zuletzt zwölf Prozent freilich hat auch neue Millionäre hervorgebracht. George Kananaschwili etwa. Nach einigen Jahren im Bankensektor ging der heute 29-jährige MBA-Absolvent im Vorjahr mit einem Kollegen in die Selbstständigkeit, entwickelt mit seinen Firmen Gremic und Develux Wohnimmobilien und bietet Dienstleistungen an für andere Immobilienunternehmer. Gut 15 Mio. Dollar Umsatz erwirtschaftete er im Vorjahr mit seinen 16 Angestellten.

Dass er Jungmillionär ist, lässt er sich nicht anmerken: „Nun, ja, bin ich wohl. Das zu werden ist ja nicht so schwer“, sagt er lächelnd. Was er mit dem Geld macht? „Ich baue ein Haus, mache vier Mal im Jahr Urlaub, habe meinem Vater ein Auto gekauft und mir selbst Filme für den Fotoapparat. Das war’s dann aber schon“, sagt er. Um jeweils 30 Prozent sind die Immobilienpreise in den letzten beiden Jahren gestiegen, weil Wohnungskredite mit 13 bis 16 Prozent Zinsen als relativ günstig galten. Nun stiegen sie auf 24 Prozent. Das und die hohen Materialkosten bringen manchen Immobilienentwickler ins Trudeln.

George bleibt Optimist. Aufträge hat er genug. Aber wie alle Unternehmer im Land das Problem, qualifizierte Mitarbeiter zu finden: „Die Jungen haben keine Erfahrung, die erfahrenen Älteren keine Ahnung von moderner Technik“, klagt er. Um Leute an seine Firma zu binden, zahlt ihnen George überdurchschnittliche 500 bis 2000 Dollar im Monat, sagt er. „Wer mit Bananen zahlt, bekommt Affen, hat mir ein Engländer einmal gesagt.“

Shota Kobelia versucht seine Mitarbeiter wenigstens ab und an zu Kursen in den Westen zu schicken. Selbst hat der 32-jährige Weinspezialist vier Jahre in Amerika und zwei Jahre in Bordeaux studiert, ehe er im Vorjahr Vertriebschef der Teliani Group wurde. Die Gruppe ist einer der größten Weinproduzenten und –exporteure Georgiens. „Ich habe mich auf Wein spezialisiert, weil es Georgiens ältester Wirtschaftssektor ist“, sagt Shota. „Im Westen habe ich gelernt, aus einem nationalen Traditionsprodukt ein kommerzielles Produkt im Ausland zu machen“. Die Hälfte der Weine aus dem oberen und obersten Segment gehen nach Europa, nach Amerika und Ostasien. Der Rest wird in der Ukraine und in Georgien verkauft.

Weniger Lieferungen nach Russland

Bis 2006 gingen 65 Prozent der Produktion nach Russland. Dann kamen die Sanktionen, georgische Ware durfte nicht mehr ins Land. Von heute auf morgen mussten sich die Winzer neue Märkte suchen. Es war nicht nur von Schaden für Georgien: „Die Konkurrenz wurde größer, die Bauern produzieren jetzt besser“, sagt Shota.

Das Schlagwort Russland treibt allen Unternehmern derzeit die Sorgenfalten in die Stirn. Mit jedem Tag Krieg und russischer Truppenpräsenz gehen Verluste einher. „Die Verladungen auf Schiff sind gestoppt“, sagt Shota. Russland hat auch im Hafen Poti bombardiert. Auch George spürt die Auswirkungen: „Seit einer Woche verkaufen die Immobilienentwickler keine Wohnungen mehr“, sagt er.

Nicht nur der Öl- und Gastransport vom Kaspischen Meer durch Georgien ist gestoppt, auch der Warentransit ist zum Teil schon eingeschränkt, wie Sakewarischwili sagt. „Standard & Poor’s hat das Rating nach unten revidiert. Fitch ebenso. Seit 11.August geben die Banken keine Kredite mehr aus, alle fürchten ein verlangsamtes Wachstum“.

Genaue Prognosen wagt niemand. Die Leute gingen wegen der Unsicherheit weniger ins Café, Touristen hätten ihren Strandurlaub abgebrochen: „Das ist die Kettenreaktion, die wir bisher sehen. Vieles weitere sehen wir noch nicht“, sagt Sakewarischwili. Auch Lewan ist der Zorn ins Gesicht geschrieben: „Unser Geschäft ist erst am Anfang“, sagt er. „Deshalb brauchen wir unbedingt Frieden“.

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos