BVG-Streik

BVG-Streik: Verkehrschaos blieb aus

Trotz Ausstands bei der BVG kommen viele Pendler gut durch Berlin. Doch die Fronten sind verhärtet. Es droht ein langer Arbeitskampf.

An der Frontscheibe eines Busses der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) vor dem Betriebshof Cicerostraße steckt eine Fahne der Gewerkschaft Verdi. Sie hatte zu dem mehrstündigen Warnstreik aufgerufen, um ihren Tarifforderungen Nachdruck zu verleihen

An der Frontscheibe eines Busses der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) vor dem Betriebshof Cicerostraße steckt eine Fahne der Gewerkschaft Verdi. Sie hatte zu dem mehrstündigen Warnstreik aufgerufen, um ihren Tarifforderungen Nachdruck zu verleihen

Foto: Fabian Sommer / dpa

Bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) standen am Dienstag über Stunden die Räder still. Wegen eines Warnstreiks der Gewerkschaft Verdi blieben von morgens um 3 Uhr bis zum Mittag die Tore der Betriebshöfe verschlossen. Trotz der massiven Einschränkungen bei Bus und Bahn kamen viele Berliner gut durch den Berliner Verkehr. Ein Streiktag im Ticker.

6.45 Uhr, Bahnhof Pankow

Am S- und U-Bahnhof Pankow fanden die Fahrgäste in den S-Bahnen überraschend viel Platz. Hier blieb der befürchtete Ansturm aus.

6.55 Uhr, Ringbahn in Gesundbrunnen

Auch in der Ringbahn auf dem Nordring war von dichtem Gedränge nichts zu sehen. Die Züge waren gefüllt, aber längst nicht übervoll. In Zeiten von Corona hatte viele offenbar die Aussicht auf eine brechend volle S-Bahn abgeschreckt. Sie haben sich Alternativen gesucht. Eine dürfte mit der Entwicklung der vergangenen Monate direkt zusammenhängen: das Home-Office. Wer nicht an seinen Arbeitsplatz musste, blieb zu Hause.

7 Uhr, Schloßstraße, Steglitz

Einen großen Umweg musste Daniela Wiechert am Morgen machen. Die Steglitzerin wohnt in einer Seitenstraße der Schloßstraße und musste ins Geschäft in die Wilmersdorfer Straße. Dafür nimmt sie normalerweise die U-Bahn. Doch am Dienstag musste sie mit der S1 bis Friedrichstraße fahren und dann weiter mit den Stadtbahnlinien bis Charlottenburg. Trotzdem hätte sie nur 20 Minuten länger als sonst gebraucht, gab die 50-Jährige nach ihrer Ankunft Bescheid. Und es sei dennoch sehr entspannt zugegangen. Das lag auch daran, dass die S-Bahn mehrere dutzend Verstärkerfahrten auf den Linien S1, S3 und S5 machte. Die Züge seien voller gewesen, teilte die Deutsche Bahn mit – zum Teil auch, weil Passagiere ihre Fahrräder mitnahmen. Die meisten Fahrgäste seien rund um die Knotenpunkte Ostkreuz und Friedrichstraße zu verzeichnen gewesen. Dennoch sei der Verkehr insgesamt „entspannt und pünktlich“ verlaufen“, so die Bahn.

8.10 Uhr: Bahnhof Spandau

Wer statt mit dem Bus am Dienstagmorgen mit dem Fahrrad zum Bahnhof Spandau fuhr und dort einen Stellplatz suchte, hatte schlechte Karten. Die vorhandenen Fahrradständer waren überfüllt, Räder standen kreuz und quer abgestellt, an Laternen, Geländern oder Masten von Verkehrsschildern angeschlossen. Bessere Chancen hatte, wer sein Fahrrad in der Bahn Richtung Zentrum mitnehmen wollte – vor allem die S-Bahnen waren fast leer.

8.20 Uhr, Flughafen Tegel

Am Terminal A bildete sich eine riesige Taxi-Schlange. Lange standen die Fahrzeuge dort aber nicht. Mitarbeiter des Flughafens verwiesen die Fluggäste auf die Taxistände – die einzige Nahverkehrsangebot am Flughafen am Morgen. Im Minutentakt fuhren die Taxis Richtung Innenstadt.

8.30 Uhr, BVG-Betriebshof Halensee

Am Betriebshof Halensee versammelten sich die Streikenden BVG-Mitarbeiter zu einer Kundgebung. Mit rund 4000 Mitarbeitern hätte nahezu die komplette Schichtbesetzung am Morgen die Arbeit niedergelegt, sagte der Berliner Verdi-Sekretär Jeremy Arndt. Er verteidigte die Forderungen der Gewerkschaft. „Wir müssen die Arbeitsbedingungen verbessern und dafür noch etwas in die Hand nehmen.“ Das sei nötig, um auch künftig Mitarbeiter zu bekommen. Schon heute, so Arndt falle es der BVG immer schwerer, gutes Personal zu finden.

Verdi kämpft derzeit an gleich zwei Fronten. In Berlin fordert die Gewerkschaft die Reduzierung der Arbeitszeit bei neueren Beschäftigten auf 36,5 Wochenstunden. Zudem sollen Verdi-Mitglieder 500 Weihnachtsgeld bekommen. Auf Bundesebene geht es um eine Erhöhung 30 Urlaubstage. „Es geht nicht um mehr Geld, sondern darum Entlastung für die Beschäftigten zu schaffen“, sagte die stellvertretende Verdi-Bundesvorsitzende Christine Behle bei der Kundgebung. Behle verteidigte den Streik während der Corona-Pandemie. „Wir hätten uns das gerne gespart.“ Die Arbeitgeberseite habe ihnen jedoch keine andere Wahl gelassen. Der Streik sei zudem vier Tage vorher angekündigt worden. „Man hat gesehen, dass sich viele Menschen darauf angepasst haben.“ Unterstützung bekamen die Streikenden vor Ort von Fridays-for-Future-Aktivisten. „Wenn wir die Arbeitsbedingungen nicht verbessern, können wir den ÖPNV nicht ausbauen“, sagte Sprecherin Helena Marschall.

8.50 Uhr, auf Spandaus Straßen

Dennoch stockt der Verkehr auf vielen Straßen Richtung Zentrum, so auch vor dem Rathaus Spandau. Während die Busspuren leer sind, geht es auf den drei Fahrstreifen für Autos nur langsam voran. In Spandau staut es sich auch auf anderen Strecken in Richtung Berliner Zentrum, so etwa auf der Straße Am Juliusturm oder auf der Heerstraße. Es habe eine „erhebliche Veränderung zur normalen Verkehrslage“ gegeben, teilte Verkehrsinformationszentrale Berlin mit. „Es gibt eine Reihe von Baustellen, das wirkt sich an solchen Tagen natürlich besonders aus.“ Im Vergleich zu den massiven Staus, die der BVG-Streik noch im vergangenen Jahr auslöste, fielen die Auswirkungen am Dienstag jedoch überschaubar aus.

13.15 Uhr, Bahnhof Pankow

Um 12 Uhr endete der Warnstreik offiziell. Mehr als eine Stunde nach dem offiziellen Ende fuhr auch am Bahnhof Pankow wieder der erste Zug der Linie U2 in Richtung Stadtzentrum ab. Straßenbahnen der Linie M1 und 50 waren bereits eine halbe Stunde früher wieder im Dienst. Auch der Busverkehr in beginnt sich langsam zur normalisieren. Fahrgäste, die einen Betriebsbeginn direkt nach Ende des Streiks um 12 Uhr erwartet hatten, reagieren ungehalten, weil sie eine Stunde länger vor den verschlossenen Bahnhofstüren ausharren mussten. „Der logistische Aufwand ist enorm“, rechtfertigte BVG-Betriebsvorstand Rolf Erfurt die Verzögerung. Es müssten nicht nur alle Fahrzeuge und Fahrerinnen und Fahrer an die richtigen Startstationen kommen, es müssten auch die U-Bahnhöfe erst wieder öffnen.

Wie geht es jetzt weiter?

Nicht überall stieß der Streik bei der BVG auf Zustimmung. „Die Streiks in Bussen und Bahnen waren eine Zumutung für die Unternehmen und ihre Beschäftigten“, sagte Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg. Viele tausend Menschen hätten es nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen zur Arbeit geschafft. Der Wirtschaft habe die Gewerkschaft damit einen Knüppel zwischen die Beine geworfen. „In Anbetracht eines deutlich erhöhten Ansteckungsrisikos in S-Bahnen und Nahverkehrszügen hätte sich Verdi diesen Warnstreik sparen können.“

Doch es könnte nicht nur bei dem einen Arbeitsausstand bleiben. Auf den Verband der Kommunalen Arbeitgeber (VKA) hat der bundesweite Streik im Nahverkehr offenbar wenig Eindruck gemacht. „Wir haben mehrfach deutlich gemacht, dass die VKA nicht zuständig ist, Tarifverhandlungen für den öffentlichen Nahverkehr zu führen. Daran ändert auch ein Warnstreik nichts“, teilte Hauptgeschäftsführer Niklas Benrath am Dienstag mit. Verdi warf dem VKA dagegen ein „Verwirrspiel“ vor.

Die Gewerkschaft wolle zentrale Fragen wie Urlaub und Überstundenausgleich für die bundesweit 87.000 Beschäftigten einheitlich regeln. „Das geht nur mit der VKA als Spitzenverband.“ Davon getrennt gebe es „regionalspezifische Themen“ in den Landesverhandlungen. Dass es bei dem einen Streiktag bleibt, wollte auch Verdi-Sekretär Jeremy Arndt nicht bestätigen. „Im Moment wirken die Fronten sehr verhärtet. Das könnte nicht der letzte Streik gewesen sein.“