Kritik

„Wolken.Heim.“ von Jelinek: Eine anstrengende Angelegenheit

Elfriede Jelinek widmete sich in dem Text der Frage „Was ist das Deutsche?“ Nun wurde das Stück am Deutschen Theater inszeniert.

Lorena Handschin (vorn) im Stück "Wolken.Heim" auf der Bühne.

Lorena Handschin (vorn) im Stück "Wolken.Heim" auf der Bühne.

Foto: Arno Declair

Einer nach dem anderen schieben sie sich durch den Vorhang auf die Bühne. Fünf Menschen in grasgrün-glitzernder Garderobe, die wie futuristische Waldwesen aussehen. Und hinter dem Vorhang, da rumpelt und leuchtet es, als würde ein Ufo, mit dem sie womöglich gerade gelandet sind, noch ein bisschen nachbeben.

Man weiß ja nicht, ob die aus der Zukunft oder der Vergangenheit kommen, aber eins ist mal klar: Sie fühlen sich erstmal ganz wohl hier, machen es sich bequem in fünf Campingstühlen, die auf dem Kunstrasen stehen und sagen Sätze wie „Jetzt sind wir zuhaus“ oder „Wir sind bei uns.“

Text Wolken.Heim. von Elfriede Jelinek entstand 1988

Überhaupt sagen sie ziemlich oft „Wir“. Denn darum geht es in Elfriede Jelineks Text „Wolken.Heim.“, den Regisseur Martin Laberenz in den Kammerspielen des Deutschen Theaters auf die Bühne bringt. Entstanden ist er schon vor gut 30 Jahren, kurz vor dem Mauerfall, also bevor das „Wir“ im vereinten nationalen Freudentaumel neu vom Volk vereinnahmt wurde.

Nicht an dieses und auch kein anderes konkretes historisches Ereignis ist Jelineks mäanderndes Stimmengewirr geknüpft, das fast ausschließlich aus Zitaten besteht. Es gräbt sich vielmehr tief durch Vorstellungen vom deutschen Nationalgefühl; von Heimat, Boden, Blut, Vaterland ist die Rede.

Auch aus Briefen von RAF-Mitgliedern wird zitiert

Hölderlin, Hegel, Fichte, Heidegger, Kleist kommen zu Wort. Auch aus Briefen von RAF-Mitgliedern wird zitiert. Aus all dem hat Elfriede Jelinek, die Österreicherin, eine Collage gebaut, die ein ideologisch überhöhtes und einigermaßen schauriges Bild der deutschen Seele zeichnet. Und die, das ist vielleicht sogar das Stärkste, weil natürlich Hochaktuelle an diesem Text, die ideologischen Einsatz- und auch Missbrauchsmöglichkeiten der Sprache selbst deutlich ausstellt.

Zurück zu unserem Fünferkollektiv, das die grünen Outfits jetzt in dunkle Kleider und Anzüge tauscht: Hinter dem Vorhang verbarg sich dann doch kein Ufo, vielmehr wird hier nach und nach aus hölzernen Einzelteilen der riesige Sockel eines Denkmals errichtet. Das anfängliche Selbstbewusstsein der Truppe bröckelt derweil längst, das „Wir“ ist verunsichert, das Sprechen wird zum Akt einer immer zögerlicher werden Selbstvergewisserung.

Wolken.Heim. am Deutschen Theater: Es wird auch gesungen

Das arbeitet Regisseur Laberenz gemeinsam mit dem Ensemble (Edgar Eckert, Birgit Unterweger, Lorena Handschin, Holger Stockhaus, Regine Zimmermann) tatsächlich sehr schön heraus. Ab und an wird ein Lied angestimmt, zum Beispiel singt Lorena Handschin ganz oben auf dem Sockel stehend den „Mont Klamott“-Song von Silly, der sich auf den aus Kriegsschutt errichteten Trümmerberg im Volkspark Friedrichshain bezieht.

Trotz dieser Auflockerungen ist der Abend letztlich aber eine eher anstrengende Angelegenheit. Was nicht nur an der Komplexität des Textes liegt (auch die Souffleuse hatte am Premierenabend gut zu tun), sondern auch daran, dass der Regisseur keine echte inszenatorische Verortung für ihn findet.

Die Idee mit dem Denkmalsockel, der Rohbau bleibt, tragfähig genug zwar, um ein wenig auf den Urnen der Ideologiegeschichte zu turnen, aber eben noch nicht (und wahrscheinlich niemals) fertig, ist zwar ganz hübsch, aber letztlich dann doch insgesamt ein bisschen zu wenig für einen Stoff mit dieser Tiefe und Komplexität.

Deutsches Theater, Schumannstraße 13a, Kartentel. 28 441 225. Nächste Termine: 07.12., 13.12., 29.12.