Stiftung

So engagiert sich Steffi Graf für Flüchtlingskinder

Seit 20 Jahren unterstützt Steffi Graf Kinder, die Opfer von Gewalt wurden. Die Tennislegende geht in der Arbeit für ihre Stiftung auf.

Bundesjungendballett und Children for Tomorrow

Bundesjungendballett und Children for Tomorrow

Foto: Silvano Ballone Photography

Hamburg.  Etwas ängstlich schreitet das kleine syrische Kind auf die Bühne, kneift die Augen zusammen: „Das Licht blendet so.“ Steffi Graf erhebt sich von ihrem Sitz in der zweiten Reihe des Theaters „Haus im Park“ in Hamburg und bittet das Mädchen: „Schau mich an, nicht nach oben in die Scheinwerfer.“

Als die Generalprobe am Samstag endet, klatscht niemand lauter als die siebenmalige Wimbledon-Siegerin. Zwei Wochen durften 20 Flüchtlingskinder mit dem Bundesjugendballett proben, jetzt führten sie das Stück auf. Unterstützt wurde das Projekt von der Stiftung „Children for Tomorrow“, die Steffi Graf 1998 gegründet hat – und die zu ihrer Lebensaufgabe wurde.

Frau Graf, was ist Ihre ganz persönliche Erinnerung an dieses Jahr 1998?

Steffi Graf: Oh, das ist wirklich lange her. Ich laborierte 1998 noch an den Folgen einer schwierigen Knieoperation aus dem Oktober 1997 in Wien. Vor der OP konnte ich kaum noch richtig gehen, die Verletzung war falsch diagnostiziert worden. Es war ungewiss, ob ich nach dem Eingriff überhaupt noch Tennis spielen kann. Ich habe dann 1998 nach einem Jahr Pause doch mein Comeback gefeiert. Aber dieser Weg zurück war hart. Sehr hart.

Löste diese Verletzung den Impuls aus, sich mit dieser Stiftung ein Ziel für die Zeit nach der Karriere zu setzen?

Graf: Nein, diese Gedanken hatte ich schon deutlich früher. Ich war in meiner aktiven Zeit öfters in Hamburg, nicht nur durch das Turnier am Rothenbaum, sondern auch privat durch Besuche bei Bekannten. Irgendwann habe ich Prof. Peter Riedesser (einer der bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendpsychiater, Anm. die Red.) kennengelernt, ein unglaublicher charismatischer Mensch. Er hat mir von seiner Arbeit mit Flüchtlingskindern erzählt, die vom Krieg traumatisiert sind, und mich auf seine Station ins Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) eingeladen.

Ihr erster Eindruck?

Graf: Schon der erste Besuch war sehr berührend. Die Kinder haben im Krieg Schreckliches erlebt. Viele konnten einen nicht anschauen, waren völlig verschlossen, jede Freude in ihnen war erloschen. Dank der intensiven Therapie konnte Prof. Riedesser ihnen helfen. Da habe ich für mich entschieden, dass ich diese Arbeit unterstützen will.

Ihre erste gemeinsame Auslandsreise führte Sie 1999, also direkt nach Ihrer Karriere, in die Elendsviertel von Kapstadt.

Graf: Ich habe in den Slums Kinder gesehen, die mit zwei Jahren missbraucht und regelmäßig geschlagen wurden. Hilflose Mütter, die ihre Kinder einfach auf der Straße ausgesetzt haben, fünfjährige Mädchen hatten Säuglinge im Arm. Ein Mädchen hatte schwerste Brandverletzungen, die Eltern hatten sie auf eine brennende Müllkippe geworfen. Und trotz der schrecklichen Gewalterfahrungen habe ich bei vielen Kindern das Strahlen in den Augen gesehen. Sie waren nicht verloren, es gab Hoffnung, wenn man ihnen denn hilft. Nach Kapstadt hat uns eine Kunststudentin begleitet, die mit den Kindern gemalt und gezeichnet hat. Viele von ihnen hatten zuvor weder Farbe noch Stifte gesehen.

Nach dem Flüchtlingsstrom 2015 hat sich vielerorts in Europa die Stimmung gedreht. Es gibt offene Ausländerfeindlichkeit. Wie beeinflusst dies die Arbeit Ihrer Stiftung?

Graf: Ich verstehe, dass die Situation viele besorgt. Aber wir kümmern uns um die seelischen Wunden der Kinder und Jugendlichen, die vor Gewalt und Zerstörung in ihren Heimatländern geflüchtet sind. In unserer Ambulanz am UKE sind die meisten Jugendlichen alleine ohne Eltern hier angekommen, und viele sagen, dass die Flucht noch schlimmer war als der Krieg. Niemand verlässt freiwillig seine Familie, setzt sich den Gefahren der Flucht aus und flieht in ein unbekanntes Land. Diese Kinder und Jugendlichen sind die unschuldigsten Opfer, darum ist es unsere Verantwortung, ihnen zu helfen. Und gerade die psychische Heilung der Wunden ist essenziell für ihre Entwicklung und Integration.

Inwieweit hat die öffentliche Diskussion über das Schicksal der Flüchtlingskinder geholfen?

Graf: So haben wir in den letzten Jahren neue Freunde und Förderer gefunden, ohne die wir unsere Projekte nicht umsetzen könnten. Die Menschen wissen, dass wir seit 20 Jahren erfolgreiche Arbeit leisten, entsprechend groß ist die Unterstützung. Schauen Sie sich hier die Proben an. Hier studieren Kinder verschiedenster Nationalitäten und Religionen gemeinsam ein Stück ein. Das überwindet Vorurteile, die zum Glück in diesem Alter noch nicht so ausgeprägt sind.

Auch diese Kinder können sehr negative Erfahrungen machen. Möglicherweise werden sie wegen ihrer Herkunft angefeindet.

Graf: Ich mache andere Erfahrungen. Wenn ich hier Einrichtungen für Flüchtlinge besuche, sehe ich eine Welle der Hilfsbereitschaft, unglaublich viele Menschen, die sich engagieren, ihre Freizeit opfern, um anderen zu helfen. Das finde ich großartig.

Auf den Schlauchbooten bei der Flucht über das Mittelmeer spielen sich immer wieder Dramen ab, auch viele Kinder ertrinken.

Graf: Es stimmt, wir registrieren immer mehr Traumata durch schreckliche Erlebnisse bei der Flucht. Ein 16-jähriges Mädchen aus Afghanistan hat im Schlauchboot ihr sechs Monate altes Baby verloren und wollte nicht mehr leben. Wir haben ihr in der Therapie wieder Hoffnung gegeben, sie möchte jetzt Krankenschwester werden. Wir beobachten ohnehin, dass viele unserer Kinder und Jugendlichen in helfende Berufe möchten.

Wie binden Sie Ihren Mann Andre Agassi in die Arbeit Ihrer Stiftung ein?

Graf: Andre kümmert sich vor allem um seine Projekte in Sachen Bildung für Kinder. Aber natürlich reden wir über die Stiftung.

Ihre Kinder Jaden und Jaz sind jetzt 16 und 14 Jahre alt. Wissen sie, was Sie in Ihren Stiftungen machen?

Graf: Ja, unsere Kinder sehen uns viel stärker in Verbindung mit unseren Projekten als mit dem Sport. Unsere Karrieren liegen für sie viel zu lange zurück.