Spandauer Islamist

Rafik Y. befand sich in „psychischem Ausnahmezustand“

Werner Platz, renommierter Berliner forensischer Psychiater, hält es für möglich, dass der Messerstecher Rafik Y. psychisch gestört war

Rafik Y.

Rafik Y.

Foto: dpa Picture-Alliance / Marijan Murat / picture alliance / dpa

Werner Platz, Arzt für Psychiatrie, Neurologie und forensische Psychiatrie, leitet die Psychiatrische Institutsambulanz am Vivantes Humboldt-Klinikum. Immer wieder ist er vor Gericht als Gutachter tätig. Seiner Einschätzung nach könnte der am Donnerstag durch einen Schuss getötete Messerstecher Rafik Y. unter einer psychischen Störung gelitten haben, wie er im Interview erklärt.

Berliner Morgenpost: Herr Dr. Platz, Rafik Y. hat sich am Donnerstagmorgen bei seinen Attacken auf ihm völlig fremde Passanten sehr merkwürdig benommen. Woran kann das gelegen haben?

Dr. Werner Platz: Es deutet vieles darauf hin, dass sich der Täter in einem psychischen Ausnahmezustand befand. Es waren ja Handlungen, die sich auch mit menschenverachtender Logik nicht erklären lassen.

Zeugen sagen, dass Rafik Y. schon in den Monaten zuvor mehrfach durch äußerst aggressives Verhalten auffällig wurde. Es lief gegen ihn deswegen ja auch ein Ermittlungsverfahren.

Deswegen würde ich bei diesem Täter an eine psychiatrische Erkrankung denken. Vorstellbar wäre hier eine Psychose. Das würde auch erklären, warum der Mann loszog und Passanten bedrohte und sogar attackierte. Bei einer Psychose können andere Menschen, ohne dafür auch nur annähernd einen Anhaltspunkt zu liefern, von dem psychisch Kranken als Bedrohung empfunden werden. Er denkt: Warum gucken die mich so komisch an? Wollen die mich angreifen, wollen sie mir vielleicht sogar ans Leben? Und er schlägt dann, quasi vorbeugend, selber zu.

Aber warum hat er sich vorher die Fußfessel abmontiert? Das spricht doch irgendwie für eine geplante Tat.

Muss es nicht zwingend. Jedenfalls nicht für die konkrete Handlung, die dann folgte. Dem Täter war offenbar bewusst, dass er sich ohne diese Fußfessel zumindest einige Zeit unbeobachtet bewegen kann. Es könnte sich aber auch um einen unterbewussten Hilferuf handeln; weil er nicht mehr weiter wusste und für sich keinen Ausweg mehr sah.

Rafik Y. war Islamist und einschlägig vorbestraft. Ist es nicht doch möglich, dass hier gezielt ein Terrorist agierte?

Ich kenne die Umstände zu wenig, um das mit Sicherheit auszuschließen. Ich habe gelesen, dass Rafik Y. nach wie vor wie ein Islamist aufgetreten ist, islamistische Sprüche gemacht und entsprechend gedroht haben soll. Dabei kann es sich aber auch um Übertragungszwänge handeln – als scheinbare Begründung für das aggressive Handeln – die aber nicht im Vordergrund standen.