City West

Endlich ist die Schmuddel-Ecke am Bahnhof Zoo weg

Leuchtend blauer Durchblick: Der Komplex an der Joachimsthaler Straße, in dem sich einst das Beate-Uhse-Museum befand, ist abgerissen.

Dieser Himmel – plötzlich so viel Blau! Womöglich ist hier der hellste Ort der Stadt. Was ist hier los? Ein finsterer Ort wurde abgerissen. „Schmuddelecke“ hat man den Gebäude-Komplex aus Aschinger-Haus und Leineweber-Haus zuletzt genannt, doch eigentlich war das Wort schmuddelig noch zu mild.

Betrat man die „Arkaden“ am Beate-Uhse-Museum, diesen düsteren, stinkenden, von Kreaturen der Nacht bevölkerten Tunnel, der entlang der Joachimsthaler Straße zum Bahnhof Zoo führte, dann war man an einem finsteren Ort – das Land Mordor von West-Berlin. Sex-Shops mit Video-Kabinen, Pfandleiher, Spielhalle, ein heruntergekommener Donut-Laden, Sportwetten, Döner-Buden und China-Imbisse, dann wieder Sex. World of Sex.

Und der Geruch erst. Immer stank es irgendwo nach Urin. Eine Rolltreppe führte zum A&O-Hostel hoch, die fast nie funktionierte. Müll. Wer klug war, mied die Passage und ging lieber außen entlang, am Blumenstand vorbei. Auch da hieß es Obacht! Die Busfahrer hielten nicht viel von herumirrenden Fußgängern auf ihrer Spur.

Der Sumpf von West-Berlin

Außerdem verpasste man dann die Bambule in den Arkaden. Ein Mann, breitbeinig, Gesicht zur Wand, der Polizist drückt ihn an die Leuchtreklame des Sex-Shops, der Verhaftete beschwert sich lautstark. „Sei froh, dass du hier verhaftet wirst und nicht in deinem Land“, raunzt der Polizist zurück. „Wir sind nicht so schlimm.“ Die Szene ist noch keine vier Monate her.

Es ist der Sumpf von West-Berlin, der hier mit dem Abriss verschwindet. Ein Relikt der 70er- und 80er-Jahre, als die Stadt im Mauerschatten im Leerlauf vor sich hin murkelte. Baugrund war begrenzt – und damit Spekulationsobjekt. Die Bauskandale West-Berlins sind legendär. Den ersten großen löste der Architekt Dietrich Garski aus, Kopf der „Bautechnik AG“ mit 200 Mitarbeitern. Ihren Firmensitz hatte sie im nun verschwundenen Aschinger-Haus – dort, wo zum Schluss das A&O-Hostel die Doppelstockbetten an junge Berlin-Touristen vermietete. Garski entwarf den beigen Betonbau selbst, der seit 1973 an der Ecke Hardenberg- und Joachimsthaler Straße stand. Er nahm zwei Drittel des Straßenblocks ein, dagegen wirkte das Leineweber-Haus mit seinem Beate-Uhse-Museum fast klein.

Als der Architekt in Schulden versank

„Architektonischer Ehrgeiz war ihm auch fremd, als er einen Neubau für das nach der Billiggaststätte benannte ,Aschinger-Haus’ nahe dem Bahnhof Zoo errichtete und schließlich nach etlichen Winkelzügen weit unter dem Gestehungspreis erwarb“, schrieb Wilfried Rott über Dietrich Garski in seinem Buch „Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins“. Trotzdem nannte die „BZ“ Garskis Gebäude direkt nach seiner Eröffnung ein „Schmuckstück“. Aber da war Garski auch noch gut gelitten und seine Frau galt als die bestangezogene Dame West-Berlins.

Dass der Architekt mit seiner Firma längst in Schulden versank und nur noch Kredite umschichtete, für die der Senat bürgte, das wollte lange niemand bemerkt haben. Dietrich Garski hatte mit großen Investoren geblendet, mit seinen Bauprojekten in Saudi-Arabien und Jordanien. Am Ende ging „Bautechnik“ bankrott, Garski ins Gefängnis und der Regierende Bürgermeister Dietrich Stobbe musste 1981 seinen Posten räumen. Die SPD, jahrzehntelang gewohnt, den Regierenden zu stellen, ging danach für viele Jahre in die Opposition. Die Skandale hörten trotzdem nicht auf, zu eng, zu verfilzt war das alte West-Berlin.

Abgerissen. Das Aschinger-Haus ist weg

Natürlich, so ganz wird das Schmuddel-Milieu wohl nie verschwinden. Es sitzt in der DNA des Bahnhof Zoo. „Wir gingen in eine Pinte im Bahnhof Zoo, die schon aufhatte. Ich kam sofort mies drauf. Ich war zum ersten Mal auf dem Bahnhof Zoo. Es war ein unglaublich mieser Bahnhof. Da lagen Penner in ihrer Kotze, überall hingen Besoffene rum“, stand damals in „Christiane F.“.

Seitdem hat sich viel getan, die Deutsche Bahn versucht immer wieder, den Bahnhof Zoo in den Griff zu bekommen – die Läden sind heller, die Imbisspassage einladender. Und nun wird auch versucht, das Bahnhofslokal, die Zoo-Terrassen, wieder zum Leben zu erwecken. Das Lokal, in dem Christiane F. mit ihrem Freund Detlef stundenlang herumhing. Doch wer ab und zu bei Ullrich am Zoo einkauft, der weiß, sie kriegen es nie in den Griff. Drogensüchtige, Obdachlose, Trinker hängen dort noch immer vor dem Eingang herum. Zoo bleibt Zoo.

Nachkriegsmoderne neu entdeckt

Drumherum blüht der alte Westen wieder auf, entdeckt seine Nachkriegsmoderne neu. Das Bikini-Haus ist ein Renner, aller Gammel ist dort verschwunden, jetzt ist es Trend. Sogar vor Ullrich sprechen einen plötzlich schöne ausländische Touristinnen an, teuer gekleidet: „Do you know where I can find the art gallery?“ Gemeint ist die c/o Galerie im Amerika-Haus, diesem Relikt aus dem Schaufenster des Westens.

Karstadt-Sport an der Joachimsthaler sieht plötzlich überhaupt nicht mehr nach „Bilka“ aus, das Gebäude des Architekten Hanns Dustmann wirkt unter seinem neuen Nachbarn, dem gläsernen Kranzler-Eck, angenehm retro. Gegenüber ein echtes Waldorf-Astoria, dessen teuer zahlende Gäste sich sicher sehr über den Blick auf das Beate-Uhse-Museum gewundert haben. Ein bisschen zu viel urban charme.

Beate Uhse eröffnete ihr Museum 1995 im ehemaligen Leineweber-Haus, das 1955 erbaut wurde. Die Leinewebers waren eine alte Berliner Textilfamilie, deren erstes Geschäft in der Oranienstraße lag. Doch zurück zur Erotik. Beate Uhse, diese Frau mit der bemerkenswerten Biographie, die als Pilotin in der NS-Zeit begann und später in der Nachkriegszeit mit ihrem „Versandhaus Beate Uhse“, einem Institut für „Ehehygiene“, zur erfolgreichen Geschäftsfrau aufstieg, hatte diesmal nicht den richtigen Riecher.

Die Sex-Welt veränderte sich, sie wurde cleaner, ästhetischer, Lifestyle halt. Spätestens die Fernsehserie „Sex and the City“ brachte ab 1998 die selbstbewusste weibliche Spaß- und Sex-Toys-Welt à la „Amorelie“ in alle Wohnzimmer.

Geruch von Schmuddelsex der 70er-Jahre

Durchs Beate-Uhse-Museum dagegen wehte noch der saure Geruch von Schmuddelsex der 70er- und 80er-Jahre, den keiner treffender beschreibt als der Filmemacher Oskar Roehler. Eine Unterwelt der schmutzigen braunen Teppichböden, der Video-Kabinen, der schnellen Nummer. Roehler arbeitete 1984 als Putzmann in einer West-Berliner Peepshow. „Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich mich an dieses düstere Jahrzehnt erinnern konnte“, sagte er einmal im Interview zu seinem Film „Mein Leben als Affenarsch“, der dieses Jahrzehnt zum Thema hat. „Dieses Berlin kam einem vor wie unter einem Brennglas, wo man Zerstörung und Vergangenheit ganz deutlich gespürt hat. In jedem Haus, jedem Hinterhof, jeder Wohnung war man wie in der Nachkriegszeit. Es gab keine Gegenwart.“

Als unglaublich deprimierend beschreibt er die 80er-Jahre Berlins. Das Beate-Uhse-Museum mit seinen sonderbaren, mit kupferfarbener Folie zugeklebten Fensterscheiben, die immer ein wenig an die Scheibenfront des Palasts der Republik erinnerten, gehörte von Anfang an der Vergangenheit an. Beim Abriss konnte man in sein Inneres schauen, sah hinter der abgerissenen Fassade die orange-blauen Peep-Kabinen. Heute wirken sie nur noch aus der Zeit gefallen.

Eine neue Ära bricht im Bahnhofsviertel an

Vorbei, verschwunden. Eine neue Ära bricht an. Natürlich gibt es schon Pläne für die neue Bebauung. Diesmal soll die Fassade strahlend weiß sein, ins Erdgeschoss will ein Modegeschäft einziehen, darüber gibt es Büros. Keine Pfandleihe mehr, keine Hostelbetten oder Döner-Buden. Kein Sex. Nur über den Wiedereinzug des Schnellrestaurant denkt man nach, Fast-Food am Bahnhof geht immer. Allerdings ist auch besagtes Schnellrestaurant inzwischen in Schieflage geraten, nachdem eine Under-Cover-Reportage aufdeckte, unter welch ekligen Verhältnissen in manchen seiner Filialen die Burger gebraten wurden.

Genug davon. Genießen wir die freie Fläche, den weiten Himmel über Berlin, die Schönheit der rollenden Züge, wenn sie sich auf ihrer Trasse in die Kurve legen und den ollen, struppigen Bahnhof Zoo umfangen. Das Aschinger-Haus und Leineweber-Haus, sie waren nicht zu retten. Es hat Versuche gegeben – Spiegel an die Decke der Passage, grelleres Licht. Schon wenn man das schreibt, klingt es schrecklich. Jetzt ist das alles weg. Endlich!

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