Selbstverwirklichung

Der Traum vom eigenen Modedesign - und die Wirklichkeit

Von klein auf hatte unsere Autorin Viktoria Solms einen heimlichen Berufswunsch. Nach sechs Jahren als Journalistin erfüllte sie ihn sich und besuchte einen Kurs in Modedesign.

Do, 15.08.2013, 17.44 Uhr

Berliner Crashkurs in Modedesign

Video: Max Boenke/BMO
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Jeder hat einen Traum, den er sich nicht erfüllt hat. Manchmal haben ihn andere kaputt gemacht. Oder man hat sich vielleicht einfach nicht getraut, ihn zu verwirklichen. Oft ist es auch nur so, dass man stattdessen einem anderen Traum nachgegangen ist. Und sich dann doch hinterher irgendwann fragt, ob das die richtige Entscheidung war.

Besonders häufig stellt man sich diese Frage nach sieben Jahren. Das verflixte siebte Jahr gibt es nämlich wirklich. Nach der Zeitspanne gehen die meisten Beziehungen zu Bruch. Im Büro ist einem der Blick aus dem Fenster vertrauter als der aus der eigenen Wohnung. Spätestens jetzt weiß man mit absoluter Sicherheit, dass man wirklich nur die Sachen bereut, die man nicht getan hat.

In meinem siebten Berufsjahr meldete ich mich bei der Berliner Modeschule Esmod – eine Abkürzung für das französische "École Superieure des Arts et Techniques de la Mode" – zu einem Sommerkurs in Modedesign an. Was genau ich mir davon erhofft habe, kann ich nicht sagen. Ich wusste aber sehr genau, was dagegen sprach. Der Preis (500 Euro), der Zeitaufwand (eine Woche), das Alter (34). Kurz gesagt, ein völlig aussichtsloses Unterfangen.

Dennoch bin ich hingegangen. Vielleicht weil es mit einem heimlichen Berufswunsch genau so ist wie mit einer unerfüllten Teenager-Liebe. Man erfährt nie, was für ein grandioser Reinfall sie gewesen wäre. Oder aber weil ich lange genug in Amerika gelebt habe, um zu wissen, dass man in jedem Alter noch ein erfolgreicher Koch oder Künstler werden kann. Ein paar Korrekturen kann man immer machen. Das Schlimmste ist es, die Suche zu früh aufzugeben.

Tag 1

Es fühlt sich ein bisschen an wie Schulanfang für Erwachsene. Die Esmod, man darf sie eine renommierte Institution nennen, liegt direkt am Görlitzer Park. Der gute Ruf basiert auf einer praxisnahen Ausbildung. Viele Absolventen bekommen tatsächlich einen Job, in der Modebranche ist das keinesfalls die Regel. Außerdem legt sie einen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit bei der Herstellung von Mode. Auch das ist bei weitem keine Selbstverständlichkeit.

In dem Backsteingebäude am Standort in Berlin war auch schon vor 100 Jahren eine Schule untergebracht. Über dem einen Seitenflügel steht Knaben, über dem anderen steht Mädchen. Heute laufen eben diese nicht mehr ganz so jungen Knaben und Mädchen zum Sommerkurs nebeneinander die Treppen hoch. Alle sind ein wenig aufgeregt. Wird man sich verstehen? Sind sie alle schon weiter als ich? Und wo ist eigentlich mein Kurs?

Alles ganz entspannt. Ganz so wie man sich das Leben eines Modedesigners vorgestellt hat. Am ersten Tag geht es erst einmal ins Museum. Im Gropius-Bau soll uns die Ausstellung des Künstlers Anish Kapoor zu einer Kollektion anregen. Aus allen möglichen Materialien von Stein, Glas und Holz bis hin zu High-Tech-Stoffen hat der Künstler Skulpturen entworfen. Viel Rot und Grau ist darunter. Manches wirkt, als hätte ein wütendes Kind mit seinem Malkasten die Wand vollgespritzt und dann noch Knetmasse darauf geklebt. Die Schüler des Modekurses erkennt man ihrem ratlosen Blick. Verwirrt sind sie nicht von der Kunst, sondern vom dem, was daraus werden soll.

Ich muss plötzlich an Laquan Smith denken. Er hatte auch eine ungewöhnliche Inspirationsquelle für seine erste Kollektion. Der junge Designer aus New York lernte von seiner Großmutter nähen, da war er gerade mal 13 Jahre alt. Bei den angesehenen Modeschulen wurde er nicht genommen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, selbst seine ausgefallensten Entwürfe anzuziehen, sich ohne Einladung auf alle angesagten Modepartys in New York zu schmuggeln und auf diese Weise plötzlich die Popsängerin Lady Gaga als Kundin zu gewinnen.

Für seine erste große Kollektion ließ er sich vom Meer inspirieren. Aber nicht vom Atlantik, der einige Kilometer von seinem Haus im Arbeiterstadtteil Queens entfernt ans Ufer schwappt. Laquan Smith sah den Film "Arielle, die Meerjungfrau" und stellte fest, wie schön die Welt unter Wasser sei. Daraufhin faltete er eine Jacke an den Ärmeln wie eine Muschel zusammen. Für ein Hängerkleid aus zartem, blau schimmerndem Stoff diente ihm eine Qualle als Vorlage.

Doch was soll ich aus der Kunst von Anish Kapoor machen? Eine Hose im Stil einer Blutwurst?

Tag 2

Nähen ist mühsam. Es ist eine wunderbare Tätigkeit, keine Frage, aber anstrengend. Stundenlang sitzt man ruhig vor seiner Maschine und versucht millimetergenau die Naht zu halten. Der Rücken krümmt sich unweigerlich, die Augen werden müde. In Sachen Handwerk ist genau diese Tätigkeit seit jeher die Stunde der Wahrheit: Der Nachwuchs kommt mit vielen großartigen Ideen in die Werkstatt und hat nun die Aufgabe, eine wirklich gerade Naht zu fabrizieren. Da steigen die ersten schon aus. Und Profis müssen aufpassen, dass sie bei der mechanischen Tätigkeit nicht zu sehr ins Grübeln geraten. Eine alte Weisheit besagt: Schneider haben zu viel Zeit zum Nachdenken, das macht sie zuweilen wunderlich.

Bislang dachte ich immer, das Nähen wäre der anstrengendste Teil bei der Entstehung eines Kleidungsstücks. Nun merke ich, dass es vorher nicht weniger aufreibend ist: Den Bleistift habe ich fest umkrallt, langsam zittere ich Linien aufs Papier. Eine Bluse, eine Hose oder ein T-Shirt entstehen hier noch lange nicht. Ich kämpfe noch damit, überhaupt erst eine Figurine zu zeichnen. So nennt man die blanken Körper, die anschließend den Entwurf tragen sollen. Meine Figurine hat keinen Hals, viel zu lange Arme und erstaunlich aussehende Füße. Die Rettung zeigt uns der Kursleiter erst nach einer Weile.

An einem von unten hell erleuchteten Tisch kann man die perfekte Figurine einfach abpausen. So sieht jede gleich aus, was die anschließende Arbeit mit den Entwürfen sehr erleichtert. Es ist nicht das einige Hilfsmittel, das wir bekommen. Im Internet soll sich jeder einen Entwurf von Viktor & Rolf heraus suchen. Dieser wird anschließend mit einem Beamer an die Wand geworfen. Auf diese Weise kann man problemlos die Umrisse und Schatten nachzeichnen. Kompliziert wird es erst wieder, als wir die Figur mit schwarzer Tinte ausmalen sollen. Von hell zu dunkel sollen wir zeichnen. Und das Blatt quer nehmen. Dann wird der Schwung angeblich besser. Das kann ich bislang nicht behaupten. Auf meinem Blatt sieht es aus, als sei ein Öltanker untergegangen.

Neben mir sitzt Jaqueline. Sie geht auf einem Internat in England zu Schule und überlegt, Modedesign zu studieren. Aus dem Grund macht sie den Sommerkurs an der Esmod. Am zweiten Tag ist sie allerdings noch nicht wirklich schlauer als vorher. Vor uns steht ein Modell mit einem schwarz-weiß gestreiften Kleid, das wir abzeichnen sollen. Es hat an den unmöglichsten Stellen Ausbeulungen. Die Streifen gehen auch nicht in einer Richtung rund herum, sondern laufen kreuz und quer. Meine Zeichnung erinnert an ein Streifenhörnchen. Auch Jaqueline ist nicht wirklich zufrieden mit ihrem Ergebnis. Am Ende des Tages überlegt sie, ob es nicht vielleicht besser wäre ins Modemanagement zu gehen, sagt sie. Also das zu verkaufen, was sich andere ausgedacht haben. Andere, die etwas besser zeichnen können.

Tag 3

Bastelstunde. Wir erstellen ein sogenanntes Mood-Board. Angeblich macht das jeder Designer am Anfang seiner Kollektion. Im Prinzip ist das wie eine Pinnwand, an die man alles heftet, was einem gefällt. Sobald man mit der Kollektion ins Stocken gerät, soll der Blick auf das Mood-Board helfen, wieder in Stimmung zu kommen. Daher auch der Name. Die Esmod hat selbst eine kleine Bibliothek im Erdgeschoss. Dort sind nicht nur alte Ausgaben von Magazinen wie Vogue oder A.D., sondern auch Bildbände über Nepal, Reiseführer von Polen und Kunstbücher.

Ich kopiere Fotos von traurig schauenden Frauen in wunderschönen Abendkleidern aus den 20er-Jahren. Dazu einen Schwan, einen roten Salon, Bilder aus der blauen Stunde. Die Bilder klebe ich auf einen großen Pappkarton. Den Borstenpinsel tauche ich in karmesinrote Farbe, damit verpasse ich dem Schwan einen blutrünstig aussehenden Schnabel, danach ein paar Spritzer über das ganze Ensemble. Genug Anish Kapoor.

Nun muss langsam die Kollektion entstehen. Kunst und Mode gehören eng zusammen. Daher soll uns der Museumsbesuch zu ausgefallenen Hosen, Jacken und Kleidern anregen. Die Kollektion soll den Zeitgeist widerspiegeln oder am besten vorwegnehmen. Aus dem Grund finden wir manche Schnitte nach ein paar Jahren schrecklich und ein Jahrzehnt später wieder wundervoll. Genauso wie sich unsere Vorlieben für Musik und Filme ändern, entwickelt sich unser Geschmack.

Das erklärt allerdings nicht, wieso wir so viele Kleidungsstücke aufheben, die uns nicht mehr passen. Diese Schwäche hat wiederum gar nichts mit Mode zu tun. Bei einer Umfrage unter 300 Männer und Frauen gab ein Drittel an, mehr als elf Kleidungsstücke im Schrank zu haben, die nicht mehr passen, also zu eng, zu kurz oder sonst wie aus der Form gegangen sind. Bei diesen Hosen, Blusen und Röcken besteht allenfalls der Hauch einer Chance, sie jemals wieder zu tragen.

Das ist eine Menge. Aber sie kommt schnell zusammen, wenn man an seine eigene Kommode zu Hause denkt. Die beste Erklärung dafür lieferte einst Miranda in der Serie "Sex and the City". Sie entdeckte ihre Skinny Jeans wieder, als sie nach der Geburt ihres Babys stark abgenommen hatte, schlüpfte hinein und hatte wohl nie ein besser geformtes Hinterteil. Angeblich hat jede Frau in ihrem Schrank eine Skinny Jeans. Diese eigentliche viel zu enge Hose hebt sie auf in der vagen Hoffnung, eines Tages wieder hineinzupassen.

Um die Passform meiner Kollektion mache ich mir jetzt noch gar keine Gedanken. Stattdessen blicke ich dem Schwan auf meinem Mood-Board in die blutrot unterlaufenen Augen und warte auf Ideen. Irgendwann male ich ein enges Kleid, das voluminöse Falten wirft, die mit viel gutem Willen an die Federn des Schwans erinnern. Vorteilhaft geschnitten ist es nicht wirklich. Vermutlich würde es nicht lange dauern, bis dieses Kleid zu den nie getragenen Teilen im Schrank gehört.

Tag 4

Heute ist der bislang beste Tag. Vermutlich weil wir tatsächlich Stoff in der Hand halten und etwas passiert. Jeder steht an einer Büste und soll sie in eine Bluse einkleiden. Dafür muss der Stoff erst zugeschnitten werden. Anschließend wird er an der Büste festgesteckt. Dabei entscheiden wenige Millimeter darüber, ob eine Falte elegant und schwungvoll oder einfach nur schlampig aussieht. Schon mittags sind meine Finger von den Stecknadeln zerstochen.

Andere stellen sich etwas geschickter an. Die meisten haben schon Erfahrung in der Modebranche. Dieser Kurs in Modelismus richtet sich auch an Fortgeschrittene. Anders als in den Tagen zuvor, an denen ich im Anfängerkurs Modedesign und Illustrierung war. Um einen möglichst guten Einblick zu bekommen, mache ich nicht nur einen Kurs mit, sondern springe zwischen den verschiedenen Angeboten hin und her.

In diesem Kurs haben die meisten anderen Schüler schon seit Jahren einen ganz anderen Beruf. Anna ist aus Schweden und arbeitet für eine dänische Modefirma. Dort ist sie unter anderem für die Stoffauswahl verantwortlich. Für den Kurs an der Esmod hat sie Urlaub genommen. Ebenso Melody, die aus Beirut angereist ist. Die 23-jährige Apothekerin entwirft nebenher Accessoires, näht und will über verschiedene Sommerkurse Modedesign lernen. James wiederum arbeitet als Änderungsschneider in der Herrenabteilung des Kaufhauses Selfridges in London. Er kann das, was er in dem Kurs lernt, zwar auch für seine Arbeit nutzen. Doch ihnen allen geht es auch noch um ein wenig mehr. Sie wollen besser verstehen, wie aus einer Idee irgendwann ein fertiger Entwurf wird. Und wie dieser nach mühsamem Nadelstechen von der Büste schließlich auf Papier in einen Schnitt umgewandelt wird.

Nur ein Mädchen in diesem Kurs ist aus Berlin. Alle anderen sind aus Italien, England, Schweden und allen möglichen anderen Länden angereist. Jeder hat seinen festen Beruf, aber alle wollen noch etwas dazu lernen. Oder eben etwas völlig Neues ausprobieren. Genau diese Haltung eint alle. Man könnte hier Bäcker sein und sie würden es völlig normal finden, dass man statt Brezen nun eben Stoffstreifen wickeln will.

Tag 5

Mein letzter Tag an der Esmod. Ich starre auf mein Mood-Board und versuche, mich an die Ausstellung von Anish Kapoor zu erinnern. Dann schneide ich aus dünnem Pergamentpapier ein Kleid für meine Figurine. Es soll sich wie Wellen um meine Figurine legen. Unten ist es ausgefranst. Reicht das als Hommage an den Künstler?

Ein wenig erinnert mich mein Entwurf an Bücher, die ich als Kind hatte. Darin waren verschiedene Kleidungsstücke aus dünner Plastikfolie, die man den Figuren auf den beschichteten Seiten des Buches anziehen konnte. Tatsächlich hat auch die Arbeit hier etwa Spielerisches, Verträumtes. Ob sie das auch noch hätte, wenn man damit tatsächlich Geld verdienen müsste, ist fraglich. Wenn es einem nicht nur selbst gefallen muss, sondern auch den Kunden, die den Entwurf kaufen. Die Chancen meiner – nüchtern betrachtet – leicht verwahrlost aussehenden Figurine mit ihrem Fransenkleid will ich mir lieber nicht ausrechnen. Ehrlicherweise würde ich das Kleid wohl nicht mal selbst anziehen.

Dennoch wäre es am schönsten, daraus nun auch noch einen Schnitt zu entwickeln, um das Kleid anschließend tatsächlich zu schneidern und in der Hand zu halten. Doch dafür reicht ein Sommerkurs natürlich nicht aus. Einige Schüler haben sich im Laufe der Woche tatsächlich dazu entschlossen, sich an der Esmod zu bewerben. Wenn sie aufgenommen werden und das Studium erfolgreich abschließen, können sie fortsetzen, wofür beim Sommerkurs nicht genügend Zeit ist.

Ende

Nichts ist langweiliger, als keinen Traum zu haben. Und nichts ist trauriger, als ihm nie nachzugehen.

Richtig scheitern kann man dabei eigentlich gar nicht. Ich habe in dieser Woche wahnsinnigen Respekt vor meinen Kleidern bekommen. Vor den Menschen, die sie sich ausdenken und vor jenen, die sie hinterher zusammennähen.

Mache ich weiter? Ein wenig fühle ich mich, als würde sich Heidi Klum gerade von mir verabschieden. Keiner sagt in Amerika so schön "Auf Wiedersehen" wie Heidi Klum. Dort ist sie Mitglied in der Jury von "Project Runway". Die Fernsehsendung funktioniert ganz ähnlich wie "Germany's next Topmodel". Nur dass dort junge Modedesigner Aufgaben lösen müssen und die Jury rund um Heidi Klum anschließend entscheidet, wer eine Runde weiter kommt.

Wer rausfliegt, hört ihr zuckersüßes "Auf Wiedersehen". Genau das geht mir durch den Kopf, als ich die Esmod durch das Tor zum Hof verlasse. Und irgendwie ist das ganz in Ordnung.

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