Thüringen

Geiselnahme in Gefängnis unblutig beendet

Ein 52 Jahre alter Häftling hatte eine Gefängnis-Mitarbeiterin in seine Gewalt gebracht. Ein Spezialeinsatzkommando konnte ihn nach stundenlangen Verhandlungen überwältigen.

Foto: Michael Reichel / dpa

Eine stundenlange Geiselnahme im thüringischen Gefängnis Suhl-Goldlauter ist in der Nacht zum Sonnabend unblutig zu Ende gegangen. Spezialkräfte der Polizei hätten den 52 Jahre alten Geiselnehmer überwältigt und festgenommen, sagte ein Polizeisprecher am frühen Morgen. Die Geisel, eine 26 Jahre alte Angestellte der Justizvollzugsanstalt, kam unverletzt frei. Auch der Geiselnehmer blieb unverletzt.

Der mit einem Messer bewaffnete Häftling hatte die Frau am Nachmittag des Karfreitags unter bisher ungeklärten Umständen in einem Zellentrakt in seine Gewalt gebracht. Der Mann, der wegen Gewaltdelikten in der JVA einsitzt, forderte einen Rechtsbeistand und die Verlegung in ein anderes Gefängnis. Eine Verhandlungsgruppe der Polizei nahm Kontakt zu dem Mann auf, ein Spezialeinsatzkommando rückte an. Vor dem Gefängnis fuhren Krankenwagen vor.

Thüringens Justizminister Holger Poppenhäger (SPD) sagte nach dem Ende der Geiselnahme: „Die Forderungen des Geiselnehmers erschienen uns sehr wirr. Wir sind alle sehr erleichtert und froh, dass es beendet ist“. Dass die Tat etwas mit dem langen Osterwochenende zu tun habe, sei unwahrscheinlich, sagte Poppenhäger weiter. Mehrere Feiertage hintereinander wie an Weihnachten oder Ostern gelten in Gefängnissen als kritische Tage.

Der Mann sitzt nach Angaben der Staatsanwaltschaft wegen Gewaltdelikten in dem Gefängnis ein. Details darüber, wo sich der Geiselnehmer verschanzt habe, gab es bislang nicht. Unbekannt war zunächst auch, ob die Frau zum Wachpersonal gehört.

Weitere Einzelheiten sollten am Sonnabend auf einer Pressekonferenz bekanntgegeben werden.

Häftlinge meuterten wegen Verpflegung

Bereits Ende 1993 hatten Strafgefangene der Justizvollzugsanstalt Suhl-Goldlauter gegen die nach ihrer Ansicht schlechte Verpflegung in dem Gefängnis protestiert. Im Einzelnen ging es um zerkochte Klöße. Die Häftlinge hatten sich damals geweigert, in ihre Zellen zurückzukehren.

Derzeit gibt es in Thüringen sieben Justizvollzugseinrichtungen mit insgesamt rund 2000 Haftplätzen. Lediglich 984 davon sind für die gesetzlich vorgeschriebene Einzelunterbringung in den Ruhezeiten am Abend und nachts geeignet. Wegen der hohen Belegung mussten in den vergangenen Jahren in allen Anstalten die Hafträume mehrfach belegt werden. In manchen Gefängnissen sind nach Angaben des Justizministeriums sechs Häftlinge in einem Raum untergebracht.

Die Justizvollzugsanstalt Goldlauter in Suhl in Thüringen ist ein Gefängnis für Männer und verfügt über insgesamt 332 Haftplätze. 310 davon sind laut Website der JVA für den geschlossenen Vollzug vorgesehen, 22 für den offenen Vollzug. Derzeit sind dort insgesamt 167 Bedienstete tätig.

Immer wieder Geiselnahmen in Gefängnissen

Sie bringen Personal oder Mitgefangene in ihre Gewalt und sorgen für stundenlanges Bangen. Die Motive von Geiselnehmern im Gefängnis sind unterschiedlich – ein Überblick über einige Fälle in den vergangenen Jahren:

+++ Dezember 2012 +++

Ein Sexualstraftäter versucht bei einem Gottesdienst in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lübeck, eine Beamtin als Geisel zu nehmen. Der Sicherungsverwahrte will die Frau überwältigen, als sie ihm für einen Toilettengang die Türen aufschließt. Die Frau beißt den Häftling in die Hand. So gelingt es ihr, sich zu befreien und einen Notruf abzusetzen. Daraufhin überwältigen Mitgefangene und Angestellte den Straftäter. Die Beamtin wurde bei dem Vorfall nicht verletzt, kam aber vorsorglich in ein Krankenhaus.

+++ November 2010 +++

In der JVA Görlitz bringt ein 33 Jahre alter Straftäter einen Mithäftling in seine Gewalt. Er bedroht ihn mit einem spitzen Gegenstand. Das Ziel des Geiselnehmers: Er will die Abschiebung in sein Heimatland verhindern. Nach sieben Stunden beendet ein Spezialeinsatzkommando der Polizei die Geiselnahme unblutig.

+++ April 2009 +++

Im Hochsicherheitsgefängnis im bayerischen Straubing nimmt ein Schwerverbrecher die Cheftherapeutin der Haftanstalt als Geisel. Er hält sie sieben Stunden lang in ihrem Büro gefangen und vergewaltigt sie zweimal. Der wegen mehrerer Vergewaltigungen und eines Sexualmordes vorbestrafte Mann wird ein Jahr später zu 14 Jahren Haft und Sicherungsverwahrung verurteilt.

+++ November 2006 +++ Ein 36 Jahre alter vorbestrafter Sexualtäter entwischt bei einem Hofgang in der Dresdner Justizvollzugsanstalt seinen beiden Bewachern – und klettert an der Außenfassade eines Zellengebäudes in die Höhe. Stundenlang verhandeln Psychologen und Polizisten mit ihm. Erst 20 Stunden später gibt der Mann auf.

+++ April 2005 +++

In der JVA Naumburg bringen zwei 37 und 44 Jahre alte Schwerverbrecher drei Justizbeamte im Zellentrakt des Gefängnisses in ihre Gewalt. Einer der Beamten kann sich kurz danach selbst befreien. Die beiden Geiselnehmer wollen erzwingen, dass sie auf freien Fuß kommen. Nach fast neun Stunden wird das Geiseldrama beendet – ein Geiselnehmer wird verletzt.

+++ Januar 2005 +++

Ein wegen Mordes und Geiselnahme einsitzender Häftling bringt in der JVA Dresden mit einem Besteckmesser einen katholischen Diakon in seine Gewalt – in seiner Zelle. Die Forderung des 38-Jährigen: Er will mit einem bestimmten Gefangenen sprechen. Nach fünf Stunden geht die Geiselnahme unblutig zu Ende. Der Täter lässt den Gefängnisseelsorger unverletzt frei.