Biathlon-WM

Magdalena Neuner – Eine unvollendete Karriere

Elf WM-Titel hat Magdalena Neuner gesammelt. Doch seit Mittwoch ist klar: Eine Goldmedaille in der Königsdisziplin Einzelrennen wird nicht mehr hinzu kommen.

Cheftrainer Uwe Müssiggang sprang aufgeregt zwischen den drei Fernrohren umher, er hatte die lautlose Gefahr erkannt, aber ihm waren die Hände gebunden, als sich auf den Schießbahnen eins bis fünf die roten Windfähnchen bedrohlich kräuselten. Windwirbel sind von den Biathleten besonders gefürchtet, noch dazu wenn beim Anschießen eine Stunde vor dem Wettbewerb, wenn die Schützen ihre Kleinkalibergewehre scharf stellen, nur eine leichte Brise herrschte.

Erst Andrea Henkel und dann Magdalena Neuner kauerten auf den Matten für ihre ersten Schießeinlagen. Nach jeweils zwei Fehlschüssen waren die deutschen Frontfrauen nur Statisten im Einzelrennen der WM von Ruhpolding, ehe es für sie richtig begonnen hatte. „Wenn man mit zwei Fehlern das Rennen beginnt, ist das ein bisschen frustrierend“, gab Neuner zu.

Ihre sportliche Karriere bleibt jedenfalls in dieser Disziplin unvollendet. Elf WM-Titel hat die blonde Bayerin gesammelt, doch eine Goldmedaille im Klassiker, der Königsdisziplin, wird nicht mehr hinzu kommen. „Es ist kein Weltuntergang“, versuchte sie ihre Enttäuschung zu relativieren, machte gleichwohl keinen Hehl daraus, dass sie diesen kleinen Makel zum Ende ihrer Laufbahn gern tilgen wollte.

„Ich habe richtig viel dafür getan, sogar Trockentraining. Ich kann mir also nichts vorwerfen.“ Außerdem muss Neuner ihre ehrgeizige Mission „Sixpack“ stornieren. Sie wollte in jeder der sechs WM-Disziplinen eine Medaille gewinnen, jetzt hat sie noch in der Staffel am Samstag („Da haben wir einiges gutzumachen“) und am Sonntag im Massenstart zwei Schüsse frei.


Tora Bergers erster WM-Titel

Dafür schloss die Norwegerin Tora Berger eine Lücke. Die Einzel-Olympiasiegerin von 2010 gewann in der Chiemgau-Arena ihren ersten WM-Titel vor der Französin Marie Laure Brunet und der Schwedin Helena Ekholm. Die drei Medaillengewinner leisteten sich jeweils eine Fahrkarte, für Neuner blieb nach am Ende sechs Fehlschüssen Rang 23. Um einen kecken Spruch war sie auch diesmal nicht verlegen. „Richtig doof wäre es gewesen, wenn ich Vierte geworden wäre. Wenn, dann soll es mit Schwung daneben gehen.“

Die Einzel-Olympiasiegerin von 2002 Andrea Henkel registrierte vier Fehlschüsse und Platz 20 mit verkniffener Miene und mit kaum mehr als ein paar dürren Sätzen: „Die Enttäuschung ist groß. Es wäre so einfach gewesen, es war nichts Außergewöhnliches.“

Über eine meteorologische Verschwörung gegen die deutschen Skijägerinnen mochte niemand mutmaßen, denn in Darja Domratschewa saß auch Neuners Rivalin aus Weißrussland den heimtückischen Winden auf. Sie wurde 25. mit ebenfalls sechs Fehlschüssen. Im Zielbereich entfaltete sich dann aber doch im Lager der Deutschen viel Wirbel um nichts.

Ungewohnt hart ging Coach Müssiggang seine Frauen an. Von den „erfahreneren Athleten“ hätte er erwartet, dass sie flexibler auf die geänderten Bedingungen am Schießstand reagierten. Anders als Fußballtrainer dürfen die Betreuer den Biathleten mit Gewehr im Anschlag keine Anweisungen geben, dennoch hätten sie während ihrer Schleifen „laufend Informationen“ über die Windbedingungen erhalten.

Weil der Wind beim Anschießen eher von links gekommen sei und dann drehte, hätten Henkel und Neuner mittels „Rastern“ am Diopter die Ziel neu anvisieren sollen. Sie aber rasteten entweder gar nicht oder zu wenig (Neuner) oder zu spät (Henkel). So schlugen alle fehlgeleiteten Kugeln links oberhalb der schwarzen Scheiben ein.

"Damit können die Mädels nicht zufrieden sein"

Breitere Streuung war selten in der deutschen Frauenmannschaft Miriam Gössner landete auf Platz 36 (fünf Fehlschüsse), Tina Bachmann kam auf Rang 48 (sieben). „Damit können die Mädels nicht zufrieden sein“, brummte Müssiggang und versenkte die Hände in die Hosentaschen. „Das ist nicht unser Anspruch.“

Bundestrainer Gerald Hönig, der noch vor dem Wettbewerb unbeschwert Schneebälle auf ARD-Kommentatorin Kati Wilhelm warf, bilanzierte mit herunter gezogenen Mundwinkeln: „Im Prinzip war nach dem ersten Anschlag für alle das Rennen gelaufen.“

Hönigs Amtskollege Ricco Groß nannte die Umstände „schwierig, aber beherrschbar“ und wollte sich mit den Mädels noch am Abend zur Manöverkritik zusammensetzen. Dabei wollte der einfühlsame Olympiasieger auch hinterfragen, „ob wir Trainer beim Anschießen nicht zu viel Hektik hereingebracht haben“.

Während Andrea Henkel, die bis 2014 ihre Karriere fortsetzen will, die Trainer nicht brüskieren wollte und die Vorbereitung „wie immer fand“, nahm Neuner den Ball auf. Die Betreuer „haben einen nervösen Eindruck gemacht und uns immer gesagt: Schaut genau auf die Windfahnen.“

Wenn sie das nicht sagen darf, wer dann? Es war ja kein Sturm der Entrüstung, nur ein Lüftchen der Enttäuschung.