Kaiserreich

Die Stimme aus dem Grab – Bismarck spricht zu uns

Eine verloren geglaubte Tonaufnahme ist nach 123 Jahren aufgetaucht. Sie bietet eine überraschende Einsicht: Der Eiserne Kanzler hatte doch keine Fistelstimme.

Den Stenografen des Reichstages war es spürbar peinlich – musste er sich doch despektierlich über den größten Deutschen seiner Zeit äußern: "Aus diesen kolossalen Mann spricht eine fast frauenhaft schwache Stimme, die, namentlich wenn er von seinen nervösen Affektionen heimgesucht wird, in jedem Satz von ein bis zwei donnernden Räuspern unterbrochen wird."

Was? Ausgerechnet der "Eiserne Kanzler" geschlagen mit einer Fistelstimme?

Auch der Diplomat Arthur von Brauer, immerhin Bismarcks persönlicher Referent in dessen letzten beiden Jahren als Reichskanzler, wusste wenig Erbauliches über das rhetorische Talent seines Chefs zu berichten: "Er sucht nach Worten, holt den passenden Ausdruck gleichsam mit Gewalt herbei. Zuweilen zögert er vor dem entscheidenden Wort. Dazwischen räuspert er sich oder greift nach dem Glas, um einen Schluck seiner Wasser-Cognac-Mischung zu trinken."

In seinen Reden entstünden "Pausen, die beinahe peinlich wirken".

Jetzt allerdings, 114 Jahre nach Bismarcks Tod, wird die Annahme, dass der mit 28 Jahren am längsten amtierende Ministerpräsident und Kanzler der deutschen Geschichte aus seinem mächtigen Brustkorb nur fistelige Worte hervorpressen konnte, in Frage gestellt.

Eine Wachswalze birgt den Schatz

Denn überraschend ist eine verloren geglaubte Tonaufnahme aufgetaucht, die tatsächlich die Stimme des legendenumwobenen Politikers hörbar macht .

Die Aufnahme, erhalten in Form einer Wachswalze, ist von ergreifend schlechter Qualität; zum größten Teil sind die Nebengeräusche der rotierenden Walze lauter als die damit aufgezeichnete Stimme.

Dennoch, sagt Ulrich Lappenküper, der Chef der Bismarck -Stiftung in Friedrichsruh, handele es sich "für die Bismarck-Forschung um eine sensationelle Entdeckung".

Rollen bereits 1957 entdeckt

Andreas von Seggern, Historiker bei der Stiftung, fügt hinzu: "Das Frappierendste ist aus unserer Sicht neben dem auditiven ‚Hauch der Geschichte‘, dass die Aufnahme uns einen neuen, unmittelbareren Zugang zum Objekt unserer Forschungs- und Bildungsbemühungen verschafft."

Seit 2005 hatten Lappenküper und seine Mitarbeiter nach dem Tondokument gesucht – und die Hoffnung beinahe schon aufgeben. Dabei waren die Rollen bereits 1957 entdeckt worden, ohne allerdings abgespielt werden zu können.

Erst im vergangenen Jahr gelang es Jerry Fabris, dem Kurator des "Edison Laboratory" in West Orange (US-Bundesstaat New Jersey), die Aufnahme hörbar zu machen. Die digitalisierte Fassung verbreitete er in Expertenkreisen, um die Stimmen zu identifizieren.

"Wangemann. Edison"

Ein entscheidender Hinweis fand sich schließlich auf der Holzkassette, in der die Wachswalzen aufbewahrt wurden. Hier war nämlich etwas eingeritzt: "Wangemann. Edison".

Damit konnten die Aufnahmen identifiziert werden. Denn Adelbert Theodor Edward Wangemann, der seit 1888 für Thomas Alva Edison arbeitete, reiste nachweislich im Juni 1889 mit dem erst kurz zuvor entscheidend verbesserten Tonaufnahmegerät "Phonograph" nach Europa, um hier Aufnahmen prominenter Zeitgenossen sowie Musiker zu machen.

Am 7. Oktober 1889 suchte der gebürtige Deutsche Wangemann den greisen Kanzler in dessen Landsitz Friedrichsruh auf. Hier hielt er sich seit der Thronbesteigung des jungen Kaisers Wilhelm II. immer öfter auf – mit dem forschen Enkel Wilhelms I. kam der Kanzler nicht zurecht.

Stimmen der kaiserlichen Prinzen

Nach dem Bericht der "Neuen Preußischen Zeitung" vom 9. Oktober 1889 spielte Wangemann Bismarck zunächst einige aufgenommene Musikstücke vor, darunter populäre Arien der Komponisten Bellini, Gounod und Massenet.

Auch die Stimmen der kaiserlichen Prinzen wurden vorgeführt, was dem Kanzler große Freude bereitet haben soll. Der Reichskanzler war beeindruckt von der "getreuen Wiedergabe der Töne" und "versuchte alsdann, auf Anregung seiner Gemahlin, seine eigene Stimme auf das Instrument zu übertragen".

Zunächst zitierte er das amerikanische Revolutionslied: "In Good Old Colony Times", dann den Anfang von Johann Ludwig Uhlands Gedicht: "Als Kaiser Rotbart lobesam" und die erste Strophe der deutschen, auf lateinisch gedichteten Studentenliedes "Gaudeamus igitur".

Dann folgten einige Worte an seinen Sohn, Außenminister Herbert von Bismarck. Er sollte prüfen, ob er die Stimme seines Vaters durch den Apparat wiedererkennen könne.

"Verwirklichung der Münchhausen-Geschichte"

Nicht erwähnte die "Neue Preußische Zeitung", dass Bismarck auch die Anfangszeilen der französischen Nationalhymne "Marseillaise rezitierte. Auch in keinem anderen deutschen Blatt war darüber etwas zu lesen – sehr wohl dagegen nach Wangemanns Rückkehr in der "New York Times".

Der Reichskanzler zeigte sich beeindruckt und nannte Edisons Aufnahmegerät "a clever instrument". Der Apparat käme ihm vor wie die "Verwirklichung der Münchhausen-Geschichte, wo der Ton in dem Horn festfror und später aufzutauen begann". Nach einem Bericht Johanna von Bismarcks in einem Brief war ihr Mann so fasziniert von dem Gerät, dass Wangemanns Besuch beim Kanzler statt wie geplant bis 16 Uhr immerhin bis 23.30 Uhr dauerte.

Dank der Arbeit von Jerry Fabris, Lappenküper, Seggern und anderen kann man jetzt erstmals einen eigenen Eindruck von Bismarcks Stimme gewinnen. Das Ergebnis: zwar entsprach sein Organ nicht der Erwartung an den massigen Körperbau des Kanzlers, und besonders laut sprach er wohl auch nicht – eine andere jetzt entdeckte Aufnahme vom noch einmal 15 Jahre älteren Feldmarschall Helmuth von Moltke ist wesentlich besser zu verstehen.

Aber eine "Fistelstimme" hatte der Eiserne Kanzler eben auch nicht, und jedenfalls spontan konnte er flüssig rezitieren. Viele Biografen werden nun ihre Bücher für die nächsten Auflagen umschreiben müssen.