Antisemitismus

Latenter Judenhass aus der Mitte der Gesellschaft

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Antisemitische Straftaten werden zwar zu 90 Prozent von Rechtsextremen verübt. Doch auch in der Mitte der Gesellschaft sind antisemitische Einstellungen weit verbreitet.

Antisemitismus in Deutschland geht zwar zumeist von Rechtsextremen aus, ist aber auch in der Mitte der Gesellschaft verbreitet. Rund 90 Prozent der antisemitischen Straftaten sind rechtsextremen Tätern zuzuordnen, wie der Historiker Peter Longerich bei der Vorstellung des Antisemitismus-Berichts für den Bundestag sagte. Allerdings gebe es bei rund 20 Prozent der Gesamtbevölkerung einen latenten Antisemitismus.

In der deutschen Gesellschaft seien antisemitische Einstellungen in erheblichem Umfang vorhanden, und zwar in unterschiedlichen inhaltlichen Ausprägungen, heißt es in dem Bericht. Sie basierten auf weitverbreiteten Vorurteilen und tief verwurzelten Klischees, beziehungsweise auf schlichtem Unwissen über Juden und Judentum.

Von der "Israelkritik" zum "latenten Antisemitismus"

Die Forscher warnten auch davor, dass über die an sich legitime Israelkritik oftmals antisemitische Ansichten verbreitet würden. Laut Wetzel nimmt die judenfeindliche Kritik im Zusammenhang mit israelischer Politik in Deutschland derart zu, dass man von einem latenten Antisemitismus bei 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung sprechen könne.

Angesichts moderner Kommunikationswege wie dem Internet sei die Verbreitung dieses Gedankengutes kaum zu unterbinden, sagte Longerich weiter. Dadurch gerate die weitgehende Tabuisierung des Antisemitismus in Gefahr, wie sie bisher Konsens in der deutschen Öffentlichkeit gewesen sei.

Islamismus als neuer Träger von Antisemitismus

Dem Bericht zufolge gehört der Antisemitismus bei den Rechtsextremisten zum „konstitutiven Bestandteil der Ideologie“, was für den Linksextremismus nicht gelte. Gleichwohl sei er auch dort zu finden. Als neuer Träger von Antisemitismus erweist sich dem Bericht zufolge mittlerweile auch der Islamismus. Wie stark der Antisemitismus allerdings auch in der muslimischen Bevölkerung verankert ist, müsse noch untersucht werden.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) warnte bei der Vorstellung des Berichts davor, sich mit dem Antisemitismus nur im Zuge spektakulärer Vorfälle zu beschäftigen. Das Thema sei „Zyklen medialer Konjunktur“ unterworfen, nötig sei aber eine ständige Befassung damit. „Der Antisemitismus ist ein dauerhaftes Phänomen“, sagte Thierse.

Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus

Den Antisemitismus-Bericht hatte der Bundestag 2008 in Auftrag gegeben, die daraufhin eingerichtete unabhängige Expertenkommission übermittelte ihre Erkenntnisse Ende vergangenen Jahres an das Parlament. Sie wurde am Montag nun offiziell der Öffentlichkeit präsentiert.

Das Thema Antisemitismus war zuletzt durch den 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten. Bei der Zusammenkunft am 20. Januar 1942 hatten führende Vertreter des NS-Regimes über die Umsetzung des Völkermordes an den Juden beraten.

Zudem wird am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar, der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Anlass ist die Befreiung der Insassen des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz vor 67 Jahren.

( AFP/ks )