"Costa Concordia"

Das gefährliche Wrack und die Qual des Wartens

Vom havarierten Luxusschiff "Costa Concordia" geht immer noch eine tödliche Gefahr aus. An Land kämpfen die Menschen gegen Trauer und das hilflose Warten.

Foto: Reuters / Reuters/REUTERS

Auch wenn sie wehrlos auf der Seite liegt: Von der "Costa Concordia" geht noch immer Gefahr aus. Nicht nur für die Menschen, die noch in ihrem Inneren vermutet werden, sondern auch für die an Land.

2380 Tonnen Treibstoff soll die "Costa Concordia" in ihren Tanks haben. Mehr als 2000 davon in Form von mittlerweile fest gewordenem Schweröl. Die Beseitigung wird wahrscheinlich mehrere Wochen dauern. Die zähe Masse muss erst auf mindestens 45 Grad erhitzt werden, um abgepumpt zu werden. Gelangt sie ins Meer, droht eine extreme Umweltverschmutzung. Die Unglücksstelle liegt mitten im Pelagos-Meeresschutzgebiet, dem wichtigsten Walschutzgebiet im Mittelmeer.

Die Zahlen der Vermissten schwanken weiterhin, zuletzt war von 22 Menschen die Rede, unter ihnen 13 Deutsche. Das Auswärtige Amt aber teilte mit, dass dem Krisenstab zwölf polizeiliche Vermisstenmeldungen vorlägen. Doch die Suche musste am Mittwochmorgen abgebrochen werden, das Wrack droht abzurutschen. Erst muss geprüft werden, ob das Schiff weiter Halt habe, vorerst sei es zu gefährlich, sich dem Wrack "auch nur zu nähern", sagte Feuerwehrsprecher Luca Cari.

"Er lebt, er ist ein starker Junge"

An Land kämpfen die Angehörigen der Vermissten mit allen Mitteln gegen die Hilflosigkeit des Wartens. Rosa Girolamo aus Alberobello plakatiert an jeden freien Platz, den sie finden kann, das Fotos ihres Sohnes. Ein Künstler ist er, erzählt sie. Er hat sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, bis er endlich mit 30 Jahren ein erstes festes Engagement bekam. Mit seiner Band "Dee Dee Smith" spielte der Schlagzeuger seit dem 4. Dezember auf der Costa Concordia.

Freunde haben ihr erzählt, er habe schon im Rettungsboot gesessen, aber dann habe er seinen Platz für eine Mutter und deren Kind aufgegeben. "So ist er", sagt seine Mutter, "Er ist einer dieser Menschen für den der Satz: Frauen und Kinder zuerst nicht nur eine Phrase ist."

Seit Freitag hat niemand mehr Giuseppe gesehen. Journalisten fragen Rosa Girolamo nach Details über sein Leben, wie er war, was er tat, dann bricht es aus ihr heraus: "Bitte", fleht sie, "sprechen Sie nicht über ihn in der Vergangenheit. Er lebt, er ist ein starker Junge."

Giuseppe, der seinen Platz aufgab, um jemand anderen zu retten, ist nur eine der Geschichten von menschlicher Größe, wie man sie sich in diesen Tagen rund um den Ort des Unglücks erzählt.

Aus großen Augen spricht die Hoffnung

Am Hafen von Santo Stefano steht Madeleine und wartet auf die Fähre. Sie wird sie zur Insel Giglio bringen, dort irgendwo im Meer verschwand ihre kleine Schwester Freitagnacht. Madeleine ist hier, um sie zu suchen. Die Peruanerin ist leicht zu erkennen für die Journalisten. Jeder hier im Ort hat die Listen der Vermissten gelesen. Jeder kennt die Namen, die Bilder. Wenn hier jemand aus Peru auftaucht, noch dazu eine ohne Kamera oder Block in der Hand, dann muss sie etwas mit Erika zu tun haben, die 23-jährige Kellnerin der "Costa Concordia". Die ersten Kamerateams nähern sich, sie ziehen immer mehr Neugierige an. Mit einem freundlichen Lächeln beantwortet sie Fragen, aus großen dunklen Augen spricht die Hoffnung.

An die 40 Peruaner waren an Bord der "Costa Concordia". Sie arbeiteten wie Erika im Restaurant, an der Bar oder als Kabinen-Stewards. Sie alle kommen aus dem Cuzco, Peru. Ihr Freund Thomas Alberto Castilla Mendoza gehörte zu den ersten drei Toten, die geborgen wurden. Er war bei der Arbeit in einer Kabine im sechsten Stock des Schiffs, in einem Teil, der als erster betroffen war. Seine Kollegen Jimy und Edwin sind jetzt sicher an Land. Zusammen mit fast 500 anderen Mitgliedern der Concordia sind sie in Grosseto untergebracht. Sie sind noch nicht nachhause gefahren, für die meisten war seit Jahren die Concordia Zuhause. Da aber ist jetzt Sperrgebiet. Sie sorgen sich um Erika.

"Geh zurück an Bord, Arschloch"

Es gibt ein großes Bedürfnis nach Trost, die Menschen hier leben vom Meer, jeder hat einen Fischer oder einen Seemann in der Familie, die Haupteinnahmequelle ist der Tourismus. Und so wird eine der inoffiziellen Nationalhymnen Italiens immer wieder beschworen: "Gente di Mare", Meeresvolk. Das Lied wird in den Bars und Restaurants gespielt, auf Facebook und anderen Netzwerken gepostet. Die Liebe zum Meer will man sich nicht nehmen lassen.

Und so hat die Geschichte dieser Tragödie auf einen maritimen Helden bekommen: Gregorio De Falco, 46 Jahre alt, aus der Gegend um Neapel. Er hatte das Kommando im Hafen von Livorno, er war es der zum Kapitän Francesco Schettino jenen Satz sagte, den man hier sogar schon auf T-Shirts gedruckt findet: "Vada a bordo, cazzo!" – "Geh zurück an Bord, Arschloch!"

Seine Entscheidung war es, Hilfe zur havarierten "Costa Concordia" zu schicken, lange bevor ihr Kapitän das angeordnet hatte. "Ein Heiliger" rufen die ersten, "der ideale Kapitän". Francesco Schettino, der Kapitän der "Costa Concordia" hat das Image der Seeleute schwer beschädigt, umso mehr stürzen sich die Menschen nun auf De Falco. So, erzählen sie, seien die wahren Seeleute. Der Held selbst sagt: "Ich habe nur meine Pflicht getan."

Schettino wird bitter verlacht

Die ganze Wut des Landes konzentriert sich auf den Kapitän Schettino. "Männer wie er", schreibt eine Zeitung, "sind ein letztes Aufbäumen der Ära Berlusconi, die wir nun hoffentlich hinter uns haben." Nun steht er unter Hausarrest und darf er mit niemand – abgesehen von seiner im Haus wohnenden Familie – kommunizieren.

Als er nachts um kurz nach zwei in seinem Heimatort Meta di Sorrento ankam, da erwarteten ihn Journalisten aus der ganzen Welt. Seine Frau versucht, seinen Namen zu retten. Sie spricht von einem menschlichen Drama. Die Familie hatte in den ersten Tagen noch versucht zu erklären, Schettino habe durch sein Manöver nicht Menschen gefährdet sondern im Gegenteil gerettet.

Doch seit das Telefonat sich verbreitet hat und seit der Schettinos Satz bekannt wurde. "Ich bin nicht ins Rettungsboot gestiegen, ich bin dort reingerutscht." Nun wird er bitter verlacht. Beide Männer, der Held und die Hassfigur kommen aus Kampanien, aus dem armen Süden Italiens. So bleibt wenigstens der übliche Konflikt zwischen Nord und Süden aus.