Kraillinger Doppelmord

Getötet mit einem Messer, einer Hantel, einem Strick

Thomas S. soll seine Nichten in Krailling auf bestialische Weise ermordet haben. Zum Prozessauftakt wirkte der Angeklagte geradezu entspannt.

Zwei Mädchen, elf und acht Jahre alt. Tot. Umgebracht mit einem Messer, einer Hantel, einem Strick. In ihren Kinderzimmern. Kein Mensch kann so einen Anblick verkraften, auch die erfahrensten, abgebrühtesten Ermittler nicht.

Es sei das Grausamste gewesen, was er je gesehen habe, sagte einer der Beamten über den Tatort und die Auffindesituation der Opfer im Mordfall Krailling – wo bei einem unfassbaren Verbrechen in der Nacht vom 23. auf den 24. März 2011 in Krailling bei München die beiden Schwestern Chiara, 8, und Sharon S., 11, getötet wurden.

Und es sind vor allem zwei Fragen, die seither immer wieder gestellt wurden: Wer wäre in der Lage, so ein brutales Verbrechen zu begehen? Und was könnte einen Menschen dazu veranlassen, wehrlose Kinder im Schlaf zu überfallen und eines nach dem anderen umzubringen?

Schweigen vor Gericht

Nun steht der mutmaßliche Täter in München vor Gericht. Thomas S., 51, Postbote aus Peißenberg, wird beschuldigt, Chiara und Sharon „heimtückisch und aus Habgier“ ermordet zu haben.

Zum Prozessauftakt schwieg er. „Zum jetzigen Zeitpunkt macht mein Mandant keine Angaben“, sagte sein Anwalt Adam Ahmed. Er wolle sich derzeit weder zur Sache noch zum persönlichen Werdegang äußern. Eine spätere Einlassung oder Erklärung sei aber nicht ausgeschlossen. Die Eltern der ermordeten Kinder sind in dem Prozess Nebenkläger. Sie kamen aber am Dienstag nicht zum Prozessauftakt.

Fast entspannt ließ der 51-Jährige das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen. Ohne sichtbare Regung verfolgte er die Verlesung der Anklage. Zuvor huschte sogar ein Lachen über sein Gesicht.

Der Angeklagte ist der Onkel der Opfer – Psychologen hatten den Täter gerade wegen der rauschhaften Begehungsweise von Anfang an im persönlichen Umfeld der Getöteten vermutet, die Polizei hatte sich bei ihren Ermittlungen ebenfalls schnell auf den Bekanntenkreis konzentriert. S. fiel dabei zunächst nicht auf.

Er gab freiwillig eine Speichelprobe ab, obwohl klar war, dass er sich damit bei einem späteren Abgleich seiner DNA mit etwaigem, am Tatort aufgefundenem Material selbst belasten könnte.

"Er war überhaupt nicht aufgeregt"

Ruhig und besonnen reagierte er auch, als die Polizei am Nachmittag des 1. April 2011, eine Woche nach der Bluttat von Krailling, das Haus in Peißenberg umstellte, wo er zu diesem Zeitpunkt mit seiner Frau Ursula und den vier Kindern aus dieser (zweiten) Ehe lebte. S. ließ sich widerstandslos festnehmen – und benahm sich in der Folgezeit so, als sei er rein zufällig in den Fokus der Ermittlungen geraten, als könne es sich beim Mordverdacht gegen ihn nur um ein Missverständnis handeln.

„Er war überhaupt nicht aufgeregt“, erinnert sich Karl Peter Lachniet, der S. als Pflichtverteidiger beigeordnet worden war, „Er hat sich auch nicht groß beschwert. ,Sie haben mich festgenommen, weil sie was vermuten‘, hat er gesagt, ,aber sie werden schon merken, dass nichts dran ist.‘ “

In Wirklichkeit zog sich das Netz um Thomas S. von Tag zu Tag enger zusammen. Der genetische Fingerabdruck an den Tatwaffen von Krailling – dem Küchenmesser, der Hantelstange, dem Seil – stimme mit dem des Beschuldigten überein, teilte die Staatsanwaltschaft der Öffentlichkeit mit.

Es wurde bekannt, dass sich der Postbote Thomas S. mit dem Hausbau in Peißenberg offenbar heillos übernommen hatte, dass die Zwangsversteigerung drohte und die Familie drauf und dran war, ihr Zuhause zu verlieren. S., so die Anklage, brauchte dringend Geld, das er sich von Anette S., der in Krailling lebenden Schwester seiner Frau, holen wollte. Aber der erhoffte Deal kam nicht zustande.

Es sollte so aussehen, als habe Anette S. ihre Kinder getötet

Weil Anette S. eine Eigentumswohnung nicht verkaufen wollte, die die Mutter ihr und ihrer Schwester Ursula zu gleichen Teilen vermacht hatte, habe Thomas S. beschlossen, die Schwägerin und ihre beiden Kinder Chiara und Sharon aus dem Weg zu räumen, glaubt der Staatsanwalt. Es sei S. in jener Nacht nicht nur um die Kinder gegangen:

Das am Tatort in der Kraillinger Margaretenstraße vorgefundene Bild vielmehr darauf hin, dass der Angeklagte nach dem Mord an Chiara und Sharon auch noch deren Mutter Anette S. umbringen und damit alle lästigen Miterben beseitigen wollte.

Deshalb habe er Wasser in die Badewanne laufen lassen und ein elektrisches Handmixgerät bereitgestellt – es sollte so aussehen, als habe Anette S. erst ihre Kinder und dann sich selbst getötet. Dass seine Schwägerin in jener Nacht, wie öfter mal, in der Kneipe ihres Lebensgefährten nicht weit von ihrer Wohnung jobbte und erst gegen 4.45 Uhr nach Hause kam, hätte ihr – nach dieser Theorie – das Leben gerettet.

Die Position des Angeklagten hat sich freilich nicht nur durch solche Hypothesen, durch die Indizienlage und die Schlussfolgerungen, die die Staatsanwaltschaft daraus zieht, verschlechtert. So soll sich Thomas S., der sich seit seiner Festnahme nie mehr zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen äußerte, ausgerechnet gegenüber einem Mithäftling in der JVA Stadelheim mit dem Verbrechen gebrüstet haben.

Ex-Frau als Zeugin der Anklage

Und dann ist da noch Ursula S.: die Frau, mit der er vier Kinder hat und mit der er zum Tatzeitpunkt rund 15 Jahre verheiratet war. Sie belastet ihn schwer. Dabei hatte sie ihm zunächst noch ein Alibi gegeben.

Ihr Mann, sagte sie, habe in der Tatnacht neben ihr im Bett gelegen. Später, als die Ermittler sie damit konfrontierten, dass Thomas S. sie gegen 5.37 Uhr von unterwegs auf dem Handy angerufen habe, korrigierte sie sich: Sie erinnere sich, dass er gesagt habe, er sei schon bei der Arbeit, wäre früher los, weil es viel zu tun gebe und weil er wegen Zahnschmerzen sowieso nicht hätte schlafen können.

Mittlerweile sagt Ursula S. ganz offen, dass sie es für möglich hält, dass Thomas S. der Mörder ihrer Nichten ist. Das sei auch der Grund, warum sie nicht mehr mit ihm leben wollte. Sie hat sich scheiden lassen, im Schnellverfahren, nach der sogenannten Härtefall-Regelung. Und im Prozess ist sie nun die Zeugin der Anklage.

Das hat zur Folge, dass sich nicht nur der Staatsanwalt, sondern auch Verteidiger Adam Ahmed für die 44-Jährige interessiert: Ihr plötzlicher Belastungseifer macht ihn stutzig. Dass sie von den finanziellen Schwierigkeiten, in denen die Familie steckte, angeblich nichts wusste, mag er nicht recht glauben.

Er spricht von „Ungereimtheiten“ in der Anklage, das Motiv der Habgier erscheint ihm konstruiert. Aber was kann Ahmed konkret bewirken? Wenn es im Fall S. tatsächlich belastbares DNA-Material gibt, „ist der Prozess zu Ende, bevor er überhaupt beginnt“, hat Klaus Peter Lachniet gesagt.

Lachniet hatte sein Mandat niedergelegt, weil er sich von S. nicht manipulieren lassen wollte. Nachfolger Ahmed trägt nun als „Wahlpflichtverteidiger“ die Bürde, dass der Angeklagte ihn sich ausgesucht hat.

Er sagt, dass es ihm vor allem um ein „faires Verfahren“ geht. Aber das wird ihn nicht hindern, die Indizien der Anklage zu zerpflücken, wenn es Ansatzpunkte gibt. Nach einem Spaziergang für die Anklage sieht das nicht unbedingt aus.