Trainingsauftakt

Herthas neuer Trainer Skibbe ist der Anti-Babbel

Was Michael Skibbe bei Hertha BSC anders macht als sein Vorgänger. Er will nicht zum "Minibar-Berliner" werden und sucht schon eine Wohnung in der Hauptstadt.

Das neue Jahr hat Michael Skibbe diesmal auf etwas andere Weise begrüßt – im Nordwesten der Türkei, in Eskisehir. Gezwungenermaßen. Es gab da noch einiges zu klären mit seinem alten Arbeitgeber, dem ortsansässigen Klub der Süper Lig; das bestehende Vertragsverhältnis war aufzulösen und ausstehendes Gehalt einzutreiben.

Die Dinge zogen sich länger hin als geplant, und so feierte Skibbe Silvester eben mal nicht mit der Familie in Deutschland. In Gedanken war er trotzdem in der Heimat, besser: in der neuen Heimat. Wann immer er ein Internet-Terminal und auch die Zeit dazu fand, machte der neue Trainer von Hertha BSC sich von Eskisehir aus mit dem Berliner Wohnungsmarkt vertraut.

Der viele Leerraum ließ ihn durchaus staunen. „Es wird also nicht zu lange dauern, bis ich etwas gefunden habe“, sagte Skibbe „Morgenpost Online“, und dass ihm das auch wichtig sei: Ein eigenes Bett am Abend und die Ruhe am Morgen bei einem selbstgekochten Kaffee – solche Kleinigkeiten braucht der 46-Jährige für sein Seelenheil.

Eine Immobilie „nah am Olympiastadion“ möchte er finden, was hochgradig sinnvoll ist für einen, der dort von Dienstag an beinahe täglich beruflich zu tun hat – um 10 Uhr leitete Skibbe erstmals das Training beim Hauptstadt-Klub, der sich seinerseits kurz vor Weihnachten gleichermaßen überraschend wie Aufsehen erregend von Markus Babbel, seinem erfolgreichen Übungsleiter, getrennt hatte.

Ihren Streit in der sogenannten Lügenaffäre haben beide Seiten offiziell inzwischen aus der Welt geschafft, aber vorläufig schwebt Babbels Geist noch über Berlin. Babbel, das war der Mann, der nie so recht warm geworden war mit der Hauptstadt und ihren Millionen Einwohnern, der über eineinhalb Jahre im Hotel wohnte und deshalb als „Minibar-Berliner“ verspottet wurde , aber im August vergangenen Jahres trotzdem die Expertise parat hatte, der (wahre) Berliner an sich neige tendenziell zum Größenwahn und sei dazu auch noch arbeitsfaul: „Er ist laut, redet viel, will viel – aber getan wird oft erst mal wenig.“

Skibbe geht die Dinge ein wenig schlauer an. Er sagt, dass er selbstverständlich keine Parallelen ziehen wolle zum Kollegen und Vorgänger. Aber er erzählt mit Verve davon, dass er „sicher schon 40-, 50-mal in Berlin gewesen“ sei. Und dass er trotz allem, was er schon kenne, sich noch immer auf neue Erlebnisorte freue. Ähnlich wie bei Frankfurt, seiner vorangegangenen Station, reize ihn der Stilmix aus Lokalkolorit und Internationalität. „Ich werde in Berlin sehr schnell zu Hause sein“, sagt Skibbe.

Die rasch entwickelte Verbundenheit mit dem neuen Arbeitgeber Hertha BSC hatte er ohnehin schon bei seiner Vorstellung zwei Tage vor Weihnachten recht flüssig und selbstverständlich artikuliert. Skibbe, für den Hertha der fünfte Klub in dreieinhalb Jahren ist, sagt, dass das durchaus so sein dürfe. Der Trainerberuf bringe es nun mal mit sich, „dass du ganz schnell eine große Identifikation zu dem entwickelst, was du gerade oder demnächst tust“.

Gestern Eskisehir, heute Berlin, sonst wäre es womöglich Leverkusen geworden – „wir Trainer“, sagt Skibbe, „werden wie vom Wind getragen, mal nach hier, mal nach da“. Wie er es erzählt, klingt das beinahe lyrisch, aber auch pathetisch. Doch nein, nein, Bedauern verspüre er nicht. Mit all seinen Trainerstellen, ob nun in Deutschland in Dortmund, Leverkusen oder Frankfurt oder in der Türkei beim Großklub Galatasaray Istanbul oder zuletzt in der Provinz in Eskisehir – Skibbe sagt, er habe „überall gern gearbeitet und überall Freunde getroffen, die ich mit weniger Reisen nicht kennengelernt hätte“.

In Berlin wird Skibbe neben der neuen Mannschaft außerdem rasch kennenlernen, in welchem Maße Stadt und Menschen nicht nur zu ihrer Fehlbarkeit stehen, sondern mitunter sogar regelrecht damit kokettieren. Und er, der Fehlerflüsterer ? Skibbe sagt, dass er sich als einen sehr ausgeglichenen und sehr offenen Menschen charakterisiere, der genauso viele Fehler habe und mache wie jeder andere auch. „Perfekt zu sein, ist nicht das Maß aller Dinge. Im Gegenteil, da würde eine Menge Menschlichkeit verloren gehen.“

Aber aus seiner Zeit als Bundestrainer-Doppelspitze mit Rudi Völler und nur aufgrund eines zweifelhaften Fotodokuments auf ewig als Fehlerflüsterer stigmatisiert zu werden – das nervt dann doch auch den ausgeglichenen und offenen Skibbe. „Ich bin weit davon entfernt, Fehler zu flüstern“, sagt er. „Ganz im Gegenteil: Ich denke, ich bin ein sehr erfahrener und auch guter Trainer und entsprechend in der Lage, auch Hertha weiter zu entwickeln. Das ist mir bis jetzt bei allen Mannschaften gelungen, die ich übernommen habe.“ Und nur mal nebenbei: Mit ihm, dem stattdessen im März gefeuerten Trainer, „wäre die Eintracht nie im Leben abgestiegen“. Da ist Skibbe ganz sicher.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Skibbe dann auf die Geschichte mit Ibrahim Tanko und Lars Ricken zu sprechen kommt. Damals, in der Saison 1994/1995, als Ottmar Hitzfeld in Dortmund auf dem Weg der Borussia zum Meistertitel seine komplette Sturmbesetzung um die Ohren flog, er nach den Ausfällen von Karlheinz Riedle und Stephane Chapuisat aber „nicht den defensiven Mittelfeldspieler Michael Zorc zum Angreifer umfunktionierte“, sondern eben Tanko und Ricken, der eine 17 und der andere auch erst 18 Jahre alt, „zwei-, dreimal mittrainieren und volles Programm spielen ließ – auf Geheiß von Boekamp und Skibbe, die gesagt haben: ‚Hey, das sind gute, torgefährliche Jungs.’“

Michael Skibbe, der zu der Zeit Trainer der A-Junioren des BVB war, ist stolz auf diese Anekdote. Und unausgesprochen soll sie wohl auch Hertha Mut machen. Denn besagter Edwin Boekamp, damals für die Reserve der Borussia verantwortlich, feierte nun mit Skibbe in Eskisehir ins neue Jahr. Gemeinsam flogen sie am Montag nach Berlin, wo Boekamp bei Hertha pünktlich zum Trainingsstart einen Vertrag als Skibbes Assistent erhielt.