Drogeriemarkt-Kette

Der harte Kampf der Erben bei der Schlecker-Rettung

Obwohl die neuen Geschäftsführer, Lars und Meike Schlecker, in diesem Jahr schon rund 800 Filialen Jahr geschlossen haben, kommt die Konsolidierung nicht voran.

Foto: Michael Trippel/laif

Einsam klebt der bunte Kreis auf der Fensterscheibe des kleinen Ladenlokals mitten in Berlin-Kreuzberg. „For you. Vor Ort“ steht darunter, der neue Slogan der Drogeriemarktkette Schlecker. Das Wortspiel soll den Neuanfang markieren, den das Familienunternehmen nach handfesten Skandalen um den Umgang mit den eigenen Mitarbeitern dringend braucht.

Doch hinter dem bunten Logo erscheint die Filiale so trist wie eh und je, von Aufbruch und Erneuerung keine Spur. Im Inneren blendet grelles Neonlicht, die Regale stehen dicht gedrängt. Allein Kunden sind keine zu sehen. Dabei ist die geografische Lage auf dem lauten und geschäftigen Kottbusser Damm gut. Das beweist Konkurrent Rossmann auf der anderen Straßenseite. Dort stehen die Kunden Schlange. Die Schlecker-Filiale scheint ihre beste Zeit hinter sich zu haben. Wie so viele andere auch.

800 Filialen hat Schlecker in diesem Jahr schon geschlossen und damit mehr als bislang geplant. Und die Konsolidierung geht auch im kommenden Jahr weiter. „ Wir rechnen mit der Schließung von mehreren Hundert Filialen “ sagte Achim Neumann, der bei der Dienstleistungsgesellschaft Ver.di für die Drogeriemarktkette zuständig ist.

Aufgeschreckt von der Art und Weise der Konsolidierung haben die Arbeitnehmervertreter in dieser Woche das Gespräch mit den beiden neuen Konzernchefs Lars und Meike Schlecker gesucht. Und das Ergebnis der Zusammenkunft am Schlecker-Stammsitz in Ehingen bei Ulm ist beunruhigend für den Gewerkschafter. Denn eine Vielzahl von Jobs steht auf dem Spiel.

„Bisher haben wir keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen. Wir können aber nicht garantieren, dass das im nächsten Jahr so bleibt“, sagte Lars Schlecker der „Morgenpost Online“. Der Sohn von Firmengründer Anton Schlecker weiß natürlich, dass noch bis Juli 2012 ein Beschäftigungssicherungsvertrag gilt. Man sei mit Ver.di intensiv im Gespräch, sagt der Geschäftsführer. „Das erste Quartal wird noch von Schließungen geprägt sein“, kündigt er bereits an. „Aber 2012 werden wir den Turnaround schaffen.“

Sanierungsprogramm "Fit for Future“

Der Filialabbau ist Teil eines Zukunftsprogramms, das sich Schlecker mit dem Einstieg der Gründerkinder ins operative Geschäft vor rund einem Jahr auferlegt hat. „Fit for Future“ heißt das Sanierungskonzept. Doch ob Deutschlands größte Drogeriefachmarktkette tatsächlich noch eine Zukunft hat, ist unsicher. Zuletzt machten sogar Gerüchte um Geldprobleme bei dem schwäbischen Familienunternehmen die Runde – weil es in den vergangenen Wochen in vielen Filialen plötzlich an Ware fehlte.

Ein Sprecher erklärte den Notstand bei Shampoos, Klopapier und Zahnpasta damit, dass die Bestellungen zurückgefahren wurden, um die Waren der zahlreichen im November und Dezember geschlossenen Läden auf die übrigen Filialen zu verteilen. „Es gibt keine Probleme mit Lieferanten. Vereinzelte Regallücken schließen sich gerade“, versichert Meike Schlecker. Und auch mögliche Geldprobleme weist sie zurück. „Es gibt sehr viele Gerüchte im Markt“, sagt die Managerin, aber Tatsache sei, dass die Restrukturierung aus eigener Kraft bezahlt wird: „Auch das Weihnachtsgeld haben wir ohne Verzögerungen gezahlt.“

Gemeinsam mit ihrem Bruder Lars soll Meike Schlecker die Drogeriemarktkette zukunftsfähig machen. Doch die Neuausrichtung ist längst noch nicht so weit gediehen wie erhofft. Denn aus dem einstigen Erfolgsrezept des verschlossenen Firmengründers ist mittlerweile ein existenzbedrohendes Problem geworden.

Alte Fehler zeigen sich

„Schlecker bekommt gerade mit voller Wucht die Fehler der vergangenen zehn Jahre zu spüren“, sagt ein Handelsexperte. Das Unternehmen habe zum Beispiel zu lange auf schnelle Expansion gesetzt und darüber hinaus am Sortimentemix wie auch dem wenig e inladenden Erscheinungsbild der Filialen festgehalten.

Konkurrenten wie dm, Rossmann und Müller dagegen sind den Kampf um Marktanteile nachhaltiger angegangen: Sie versuchten, mit schickem Ladenbau, Qualität, Beratung und dem Aufbau der eigenen Marke mit einem sauberen Image dauerhaft weitere Marktanteile zu erobern. Und dabei waren sie oftmals auch noch günstiger als der scheinbar billige Marktführer. „Schlecker hat die aufstrebenden Wettbewerber unterschätzt“, sagen Branchenkenner.

Zwar hat Schlecker bereits die dringend notwendige Modernisierung angestoßen. Im Zuge dessen werden zum einen bestehende Läden renoviert und – wie es im Unternehmen heißt – „heller, freundlicher und übersichtlicher“ gestaltet. Zum anderen eröffnet Schlecker sogenannte XL-Filialen, die mit 600 Quadratmetern etwa so groß sind wie die von dm und Rossmann. Was richtig ist – schließlich steigen die Umsätze in den aufgehübschten Märkten deutlich. Um acht bis 30 Prozent, wie es bei Schlecker heißt. Doch die Aktion kommt spät, sehr spät.

Dass die beiden Junior-Schleckers schon mehr Läden dichtgemacht haben als zunächst angekündigt, zeigt, dass sie es ernst meinen. Es dürfte aber auch bedeuten, dass die Situation noch deutlich ernster ist als zuletzt angenommen – und damit der Handlungs- und Schließungsbedarf größer wird. Der Ausgang der Rettungsaktion der jungen Garde ist vollkommen offen. „Für Schlecker wird es eine echte Herausforderung mit ungewissem Ausgang, eine ganz neue Strategie auf den Markt zu bringen und das Image zu verbessern“, glaubt Michael Kliger, Geschäftsleiter Retail bei der Beratung Accenture.

Eisiges Betriebsklima

Ebenso wichtig wie die Neuordnung von Filialnetz, Sortiment und Logistik ist allerdings die Arbeit am Betriebsklima. Das war über Jahre hinweg eisig, die Aufgabenverteilung unmissverständlich: Die Mitarbeiter hatten zu funktionieren, die Zentrale und das Mittelmanagement hatten immer recht. Jetzt verkünden die jungen Chefs das Tauwetter, eine Art Drogeriemarkt-Perestroika.

„Bei Schlecker tut sich jetzt endlich was. Aber wenn man über Jahrzehnte den Mitarbeitern nur mit Misstrauen begegnet ist, lässt sich das in solch einem großen Unternehmen nicht so schnell umstellen“, sagt Thomas Schark, Bezirkshandelssekretär von Ver.di in Karlsruhe. Vom Niveau eines dm, wo die Filialmitarbeiter motiviert sind, regelmäßige Weiterbildung genießen und Einfluss auf die Personal- und Produktauswahl sowie die Öffnungszeiten ihrer Läden haben, sind sie im zentralistischen Schlecker-Reich allerdings noch meilenweit entfernt.

Immerhin sucht das Unternehmen nun den Kontakt zu Ver.di, um den zum Amtsantritt der Nachwuchschefs verkündeten Neuanfang zu bekräftigen. Denn nach Streitereien über die tarifgerechte Entlohnung, die Bespitzelung von Mitarbeitern und dem Wirbel um gekündigte Mitarbeiter, die als Zeitarbeiter zurück ins Unternehmen kommen sollten, war das Verhältnis zerrüttet.

Verstoß gegen den Sozialtarifvertrag

Die anstehenden Gespräche über Filialschließungen und Jobabbau dürften nun zur Bewährungsprobe werden, zumal Schlecker die Gewerkschaft erneut verärgert hat. Denn Bezirksleiter sollen vielerorts ratlosen Mitarbeitern Kündigungsverträge ohne Abfindung angeboten haben. Damit verstoße Schlecker gegen den Sozialtarifvertrag, schimpfen Ver.di-Vertreter. Noch dazu kamen angeblich etliche Schließungen aus heiterem Himmel.

Der Betriebsrat sei mancherorts erst am Tag selbst informiert worden. „Für eine Beratung bleibt da keine Zeit“, sagt eine Betriebsrätin. Dabei schreibt das Gesetz die Information der Arbeitnehmervertreter vor, allein schon, damit ein Interessensausgleich vorgenommen werden kann. „Schlecker verstößt gegen das Betriebsverfassungsgesetz“, heißt es dazu bei Ver.di. Es habe massenhaft Anrufe von Mitgliedern gegeben wegen der plötzlichen Schließungen. „Die Mitarbeiter haben Panik bekommen“, meldet die Gewerkschaft.

Das Versprechen, einen besseren Umgang mit den Mitarbeitern zu finden, ist damit nicht eingelöst worden. Dabei steht in den neuen „Führungsgrundsätzen Deutschland“, die Schlecker von einer Werbeagentur hat entwerfen und in diesem Jahr an das Führungspersonal verteilen lassen: „Wir sprechen mit unseren Mitarbeitern offen und konkret darüber, was wir von ihnen erwarten, und machen auch die Hintergründe verständlich. Dazu gehört auch ein kontinuierliches Informieren über das Unternehmen Schlecker als Ganzes“.

Umgangston ist freundlicher geworden

Es ist von Respekt die Rede, von Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern. „Der Ton hat sich schon verändert“, gibt die Betriebsrätin zu, der Umgang sei freundlicher geworden. Aber in der Sache habe sich kaum etwas verändert. Die neue Kultur werde von oben nicht genügend durchgesetzt und kontrolliert.

Die Gewerkschaft will den in sechs Monaten auslaufenden Beschäftigungssicherungs- und Sozialtarifvertrag verlängern. Zugleich muss Schlecker auch eine Lösung für die Mitarbeiter der geschlossenen Filialen finden. Auch Ver.di sieht, dass bei einem Personalkostenanteil von rund 30 Prozent nicht alle Mitarbeiter, deren Arbeitsplatz verloren ging, weiterbezahlt werden können. „Das wäre eine betriebswirtschaftlich ungesunde Situation für das Unternehmen“, sagt Ver.di-Vertreter Neumann. Wenn die Abfindungen für die Finanzkraft von Schlecker zu viel seien, müsse der Konzern eben auf die Gewerkschaft zukommen: „Unter bestimmten Voraussetzungen sind wir bereit zu reden.