Marius Müller-Westernhagen

"Als Musiker hast du eine Vision"

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Olaf Neumann

Der Rocksänger Marius Müller-Westernhagen spricht über sein neues Live-Album "Hottentottenmusik" und verrät, wovor er seine Tochter beschützen will.

Marius Müller-Westernhagen reizt die musikalische Selbstverwirklichung mehr als der Erfolg. Auf seinem neuen Live-Album „Hottentottenmusik“ kreiert der Sänger einen feinsinnigen Roots-Sound aus Folk, Blues, Country und Rock’n’Roll.

Morgenpost Online : "Hottentottenmusik" oder "Negermusik", so haben in den 50er, 60er Jahren die Erziehungsberechtigen auf die Rockmusik der Jugend geschimpft. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Marius Müller-Westernhagen : Als ich anfing, Rock’n’Roll zu hören, schimpfte meine Mutter immer: "Mach die Hottentottenmusik aus!" Das war halt die Generation, die solche Begriffe sehr despektierlich benutzte. Meinen Wunsch, diese Musik zu hören, hat das nur verstärkt. Meine Generation ist mit amerikanischer Musik groß geworden. Nach dem Krieg gab es in Deutschland nichts, was uns angezogen hätte. Schlager haben wir alle gehasst.

Morgenpost Online : Als der Rock’n’Roll populär wurde, warnten Kirchen, Schulbehörden und Politikern vor der "obszönen Negermusik". Haben Sie das auch zu spüren gekriegt?

Müller-Westernhagen : Wenn man in den 1960ern in einer Band spielte, war man ein Outlaw. Wer lange Haare hatte und sich unkonventionell anzog, wurde beschimpft und bedroht. Ich trug damals hautenge lila Samthosen, zweifarbige Schuhe und lange Schals. Das machte mich bei den Mädchen attraktiv, aber mir wurden Sprüche wie "Ich hau dir auf die Schnauze, du Schwuler!" hinterher geschrien. Meine Generation wollte anders sein als die Eltern. Durch diesen Kampf entwickelten wir mehr Leidenschaft, wir empfanden Musik viel tiefer. Heute ist es ja oft wieder so, dass man um jeden Preis dazu gehören möchte.

Morgenpost Online : Ist die junge Generation heute wieder stärker angepasst an die Gesellschaft?

Müller-Westernhagen : Junge Menschen wollen zum Teil schon so werden wie ihre Eltern, nur besser, sprich: noch ein bisschen wohlhabender und erfolgreicher. Wir wollten das halt nicht. Der Karrieregedanke spielte damals keine Rolle. Für unsere Musik gab es anfangs auch gar keinen Markt.

Morgenpost Online : Was ist heute Ihr Antrieb?

Müller-Westernhagen : Wenn man das so lange macht, muss man wohl getrieben sein. Als Musiker hast du eine Vision, wie deine Songs klingen sollen. Es zu 100 Prozent zu erreichen, ist wahrscheinlich nicht möglich. Aber ich versuche, ihm immer näher zu kommen.

Morgenpost Online : Ist das neue Live-Album ein entscheidender Schritt dahin?

Müller-Westernhagen : Ja, ein elementarer. Für "Williamsburg" stand ich plötzlich mit Musikern im Studio, von denen ich vor ein paar Jahren noch dachte, die würden nicht einmal mit mir reden. Die Leute kann man nicht einfach so buchen. Der Schlagzeuger Aaron Comess etwa muss nicht unbedingt mit mir auf Tour gehen, er hat mit den Spin Doctors genügend Platten verkauft. Mit solchen Koryphäen zu spielen, schiebt einen in eine andere Dimension. Sie fordern sehr viel von mir und ich muss wachsen und mit ihnen mitziehen.

Morgenpost Online : "Stadiumrock war gestern", heißt es in der Presseinfo zur CD. Gehen Sie heute anders an eine Live-Platte heran?

Müller-Westernhagen : Erst einmal ist die Qualität des Spielens heute sehr viel höher. "Westernhagen Live" war eine extrem erfolgreiche Platte. Eine einzige Mitsing-Arie des Publikums. Das wollte ich diesmal nicht. Deshalb habe ich das Publikum so weit wie möglich zurückgefahren, so dass man das Gefühl hat, in der ersten Reihe oder mit auf der Bühne zu stehen. Das war gar nicht so einfach, weil das Publikum wieder sehr laut mitgesungen hat.

Morgenpost Online : "Westernhagen Live" war vor 20 Jahren ein Nummer-1-Erfolg. Ist ein Konzertalbum heute noch ein Thema für die Charts?

Müller-Westernhagen : Ich habe keine Ahnung. Charts haben jegliche Bedeutung verloren. Man kann inzwischen mit ein paar tausend verkauften Platten die Charts anführen. Ein Nummer-1-Hit in Deutschland bringt heute nur noch ein Zehntel des Gewinns von 1995.

Morgenpost Online : Heutzutage wird eine mittelmäßige Live-Platte verschenkt, damit das aktuelle Studiowerk Gold geht. Manche Bands verkaufen sogar direkt nach dem Konzert USB-Sticks. Ist das Format Live-Album tot?

Müller-Westernhagen : Live-Platten sind leider zu einem Nebenprodukt geworden. Diese USB-Sticks wurden vor der letzten Tour an mich herangetragen. Ich finde die furchtbar, weil man keinen Einfluss auf den Klang hat. Ich kenne Bands, die bitter bereuen, das gemacht zu haben. Für ein Live-Album muss man eine ganz andere Dramaturgie entwickeln als für einen Bühnenauftritt. Die Konzertalben, die ich so geliebt habe, sind "Get Yer Ya-Ya’s Out" von den Rolling Stones oder "Live At Leeds" von The Who. Da wurde nichts manipuliert.

Morgenpost Online : Die Rockmusik von heute ist sehr nostalgisch. Woher kommt diese Rückbesinnung?

Müller-Westernhagen : Die Popmusik bietet mehr Möglichkeiten, weil sie ins Synthetische gegangen ist. Aber im Pop höre ich momentan viel von dem, was ich hasse: die Achtziger. Für mich die schlimmste musikalische Dekade überhaupt, als Dilettantismus zur Kunst erklärt wurde. Spannend hingegen finde ich aktuelle Bands wie die Black Keys. Auf ihrem Album "Brothers" hörst du kleine Riffs und Effekte anstelle von Chords. Dadurch bekommt die Musik viel Luft. Das ist eine echte Weiterentwicklung, aber es bleibt authentischer Rock’n’Roll. Eine Dixielandkapelle, die auf einem deutschen Bierfest spielt, klingt grauenhaft. Hört man aber in New Orleans die Originale, schwingt da sehr viel Blues mit. Ähnlich verhält es sich mit dem Rock’n’Roll.

Morgenpost Online : Inwieweit darf sich ein Künstler, dessen Name zu einer Marke geworden ist, überhaupt weiterentwickeln?

Müller-Westernhagen : Es gibt zwei Dinge im Leben, die man wirklich tun muss: Steuern zahlen und sterben. Über alles andere kannst du selbst entscheiden. Das war immer meine Kraft in diesem Business. Viele haben das nicht verstanden und dachten, man müsste mir einfach mehr bieten, dann würde ich es schon machen. Geld war nie mein Antrieb. Ich mache das, weil ich das machen will.

Morgenpost Online : Ihr Song "Mit beiden Füßen auf dem Boden" vom letzten Album handelt von einem gefallenen Star. Die Inspiration dazu war Amy Winehouse . Er klingt wie eine Vorahnung auf den Tod.

Müller-Westernhagen : Amys Ende hat mich zutiefst traurig gemacht, wie bei Lennon und Hendrix. Amy war ein Jahrhunderttalent. Aber für dieses Geschäft, das inzwischen derart zynisch ist, nicht taff genug. Heutzutage muss man sich eine sehr dicke Haut zulegen. Das Wichtigste ist immer, zu erkennen, was Realität ist und was nicht.

Morgenpost Online : Haben Sie manchmal Angst um Ihre Tochter ?

Müller-Westernhagen : Genau wie ihr Vater hat sie nicht das geringste Interesse, sich selbst zu zerstören durch Drogen oder Alkohol. Bei ihr besteht eher die Gefahr, dass sie zu ehrgeizig ist. Dann wird man schneller verletzt. Natürlich versuche ich, meine Tochter vor Dingen zu bewahren. Nachdem sie in diesem Geschäft ihre ersten Erfahrungen gemacht hat, weiß sie auch, dass der Alte nicht nur rumschwätzt. Dementsprechend hört sie mir auch immer mehr zu.