Börsen-Talfahrt

Dax-Anleger büßen bitter für Versagen der Politik

Gruseliger Kurseinbruch: Wer seit 1998 Aktien hält, hat an der Börse nichts verdienen können. Wesentlichen Anteil daran tragen unsolide Staatsfinanzen.

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Früher spielten Gruselgeschichten in dunklen Wäldern oder finstren Verliesen. Heute spielen Gruselgeschichten an der Börse. Was Anleger da erleben müssen, hat das Zeug, ihnen das Blut in den Adern gefrieren zu lassen. Ein Kursmassaker folgt dem anderen. Auf die Anlageklasse Aktie fällt ein schwarzer Schatten.

Am Freitag sackten die Kurse an den internationalen Börsen weiter ab. Erst am Nachmittag konnte eine robuste Wall Street die Kurse stabilisieren. Besonders schwer traf es den Dax, der von allen europäischen Aktienindizes am stärksten unter die Räder kam. Zeitweise stand das deutsche Börsenbarometer 4,7 Prozent im Minus . Die meisten anderen Indizes konnten ihre Verluste auf zwei bis drei Prozent begrenzen.

Auf dem Frankfurter Börsenparkett war von einem Käuferstreik die Rede. Sprich: Es fanden sich kaum Anleger, die bereit waren, für die Aktien irgendeinen vernünftigen Preis zu bieten. So rauschten selbst die Kurse deutscher Qualitätsaktien nahezu ungebremst in die Tiefe. Lufthansa, BASF, Daimler, BMW, Deutsche Bank, ThyssenKrupp, Adidas, Linde und Allianz verloren zwischen vier und fünf Prozent an Wert.

Keine einzige der 30 Dax-Aktien stand im Plus. Die gegenteilige Richtung zeigte Gold: Das Edelmetall, das von Investoren als Krisenwährung gesucht wird, verteuerte sich am Nachmittag auf 1878 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm). Das war ein neues Rekordhoch. Umgerechnet kostete die Unze erstmals mehr als 1300 Euro. Auch Silber war stark gefragt: Der Preis des weißen Metalls stieg bis auf 42,63 Dollar – den höchsten Stand seit Anfang Mai.



Ausgelöst wurde der Käuferstreik bei Aktien durch die Furcht, dass die US-Ökonomie, die größte Volkswirtschaft der Welt, nur zwei Jahre nach der Finanzkrise in eine neue Rezession taumelt. Eine Konjunkturschwäche zum jetzigen Zeitpunkt wäre besonders gefährlich: seit der Pleite der Investmentbank Lehman vor drei Jahren hat sich die Finanzsituation der Staaten dramatisch verschlechtert.

Konnten sich die Regierungen in der Großen Rezession in den Jahren 2008 und 2009 noch als Retter gerieren, so sind sich die Anleger heute bewusst, dass eine neuerliche Wirtschaftsflaute mit wegbrechenden Steuereinnahmen die Staaten selbst in Schwierigkeiten bringen könnte. Sowohl in Amerika als auch in Europa droht die Verschuldung außer Kontrolle zu geraten.

Die USA ächzen unter einer Schuldenlast von mehr als 14 Billionen Dollar, was etwa dem Wert sämtlicher Güter und Dienste entspricht, die die US-Bürger im Jahr erwirtschaften. Auch die Länder Europas sind hoch verschuldet, Italien schiebt zum Beispiel einen Schuldenberg von 1,9 Billionen Euro vor sich her – mehr als 120 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Eine weltweite konjunkturelle Abkühlung würde es der Regierung in Rom noch mehr erschweren , ihre Verpflichtungen zu erfüllen. Folglich ist die Börse in Mailand wie die anderer hoch verschuldeter Länder besonders stark abgestürzt. Seit Anfang des Jahres sind dort 27 Prozent des Börsenwertes ausradiert worden.

Doch auch deutsche Aktien gehören zu den großen Verlierern weltweit. Dem Dax brachte das Jahr 2011 bisher einen Verlust von rund 21 Prozent. Die vergangenen 19 Handelstage konnte der Dax nur dreimal mit einem Plus beenden. Seit seinem Jahreshoch am 2. Mai 2011 hat der Index 28 Prozent an Wert verloren.

Damit befindet sich Deutschlands Börse in einem Bärenmarkt, der einsetzt, wenn der Markt um mehr als ein Fünftel unter sein vorheriges Hoch zurückfällt. Und hier wird die Gruselgeschichte besonders dramatisch: Obwohl Deutschland nicht ganz so verschwenderisch gewirtschaftet hat wie andere Staaten (wenngleich alles andere als solide, wie die Verschuldungsquote von 80 Prozent beweist), ist der Dax einer der größten Verlierer weltweit.

Das hat mit zwei Faktoren zu tun: Zum einen gehen Investoren davon aus, dass Deutschland als Kernland der Eurozone am Ende ohnehin für die Schulden der Defizitsünder einspringen muss. Zum anderen reagiert die ausfuhrorientierte deutsche Wirtschaft besonders empfindlich auf die Verschlechterung der Weltkonjunktur. Nicht nur der horrend schlecht ausgefallene US-Frühindikator Philly Fed Index, auch Konjunkturdaten aus Europa und Asien deuten auf eine unerwartet starke Abkühlung der weltwirtschaftlichen Aktivität hin.

Damit sind auch die Ertragsprognosen Makulatur, die Aktien der deutschen Firmen noch vor kurzem so günstig erscheinen ließen. Beim aktuellen Kursniveau liegt das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) des Dax lediglich bei neun, für 2012 sogar bei sieben. Der langfristige Durchschnitt beträgt 15.

Dass die Dax-Konzerne die für 2012 prognostizierten Gewinne wirklich erzielen können, glaubt indes kaum noch ein Anleger. Die Bundesrepublik erwirtschaftet rund die Hälfte ihrer Wertschöpfung durch den Export, die deutsche Ökonomie ist daher ausgesprochen konjunktursensibel. Folglich sind die Börsen weniger Ausfuhr orientierter Volkswirtschaften nicht ganz so stark unter die Räder gekommen. Das US-Börsenbarometer Dow Jones steht in der Landeswährung Dollar aktuell fünf Prozent im Minus.

Langfristig ist das Abschneiden des einen Index jedoch ebenso gruselig wie das des anderen. Der Dax findet sich aktuell auf dem gleichen Stand wieder, wie im April 1998, der Dow Jones mit seinen rund 11000 Zählern auf dem gleichen Niveau wie im Mai 1999.

Seit dieser Zeit haben Anleger mit Aktien keinen Cent verdient. Die zentrale Anlageform des Kapitalismus hat bei brutalen Schwankungen in mehr als zehn Jahren keinen Ertrag gebracht. Ein ganz anderes Bild ergibt sich bei Gold: Der Preis des gelben Metalls hat sich seither mehr als vervierfacht. Bei all den Gruselgeschichten gibt es also zumindest eine Erfolgsstory, die das Anlegerherz erwärmt.