Technik-Test

Apples Lion-System ist nur etwas für Geduldige

Das neue Apple-Betriebssystem Lion überrascht mit vielen Änderungen. Wer sich durch Dokumente scrollen will, ist sicher erst einmal verwirrt.

Bei Apples neuem Betriebssystem Lion ist vieles nicht mehr so, wie es die meisten Nutzer, darunter auch ich, von einem Notebook oder Computer gewohnt sind. Zum einen ist da Mission Control, mit der man seine geöffneten Programmfenster auf einem virtuellen Schreibtisch ablegen kann. Ein Wischen reicht aus, und das Fenster gibt den Blick auf den Schreibtisch frei.

Die aktuelle Seite liegt damit quasi neben dem Monitor, auf einem virtuellen Bildschirm. Das ist vor allem praktisch, wenn nur ein kleiner Bildschirm zur Verfügung steht, aber auch mit dem im Test verwendeten MacBook Air hatte es Vorteile.

Doch nach sieben geöffneten Fenstern fing ich so langsam an, im Chaos zu versinken: Wo ist das aktuelle Fenster, und wie komme ich dahin? Es wäre schön, Apple würde mit einer Orientierungshilfe den Nutzer bei der Suche unterstützen, aber die kann mit einem Update ja noch kommen.

Auch das Wegwischen und Scrollen hat so seine Tücken: Zieht man den Bildschirm mit einem Fingerwischen auf dem Touchpad nach unten, rutscht der Inhalt nach oben – wie bei iPhone oder iPad. Das ist durchaus logisch: Die nach unten gewischte Seite verschwindet auch in diese Richtung.

Scrollen von Word-Dokumenten andersherum

Daran musste ich mich aber trotzdem erst gewöhnen, das Scrollen in Word-Dokumenten auf meinem PC zum Beispiel funktioniert genau andersherum: Beim Scrollen nach oben zeigt das Dokument den Inhalt weiter unten. Wen Apples Änderung zu sehr nervt, der kann die Funktion aber auch abschalten, über „Systemsteuerung“, „Touchpad“ und dann auf „Scrollen und Zoomen“.

Zudem sind keine Rollbalken mehr zu sehen. Erst wenn durch Fingerdruck Bewegung auf das Touchpad kommt, tauchen sie, schmal und grau, kurz auf. Sehr kurz sogar. Wer nicht nur gemächlich scrollen, sondern in einem langen Dokument zum unteren Drittel springen möchte, sollte gute Reflexe haben. Wer es schafft, kann den Balken greifen, um zu einer anderen Stelle im Dokument zu springen.

Wer häufiger mit iPhone und iPad arbeitet, sollte mit diesen Neuerungen keine Probleme haben, andere Nutzer dürften anfangs nach zahlreichen Fehlversuchen die neuen Funktionen abschalten. Der Rollbalken lässt sich über „Systemeinstellungen“, „Allgemein“ und „Rollbalken“ wieder fest installieren.

Andere Veränderungen in der Bedienung erhöhen eindeutig den Komfort. So lassen sich unter Lion zum Beispiel Fenster an jeder Ecke und an allen Seiten in ihrer Größe und Position auf dem Bildschirm verändern, bislang war das immer nur an der unteren rechten Ecke möglich. Das war umständlich, oft musste man dazu andere Fenster minimieren oder verschieben. Zu den sinnvollen Neuerungen gehört auch das Launchpad, das wie auf einem iPad oder iPhone die Apps alle verfügbaren Programme als Symbole anzeigt.

Vor allem aber bewahrt Lion seine Nutzer vor Datenverlust: Das System sichert ständig und automatisch den Inhalt eines Dokuments. Vor allem aber werden alle älteren Versionen im System abgelegt und lassen sich über einen Zeitstrahl anzeigen. Von dort aus können Nutzer einzelne Passagen aus den alten Dokumenten kopieren. Das hat im Test immer funktioniert, alle Daten waren noch verfügbar.

Nachdem ich Lion auf einen schon vorher benutzten Mac gespielt hatte, bemerkte ich erst, wie schwerfällig das System anfangs ist, weil es vor der Inbetriebnahme den Rechner erst nach Daten durchsucht und sie indexiert. Das hat einige Tage gedauert, erst danach nahm der Mac das erhoffte Tempo auf.

Probleme gab es auch mit Photoshop und Musikprogrammen anderer Anbieter, insgesamt aber lief Lion stabil und letztlich recht flott. Ganz besonders verbessert hat Apple mit Lion den Umgang mit E-Mails, außerdem hat das Unternehmen den Safari-Browser in seiner Notebook-Version sowie iCal zur Terminverwaltung und das Adressbuch in seiner Bedienung an die iOS-Versionen angeglichen, die auf iPhone und iPad verfügbar sind.

Ohnehin will Apple seine Kunden dazu bringen, ihre Rechner so zu bedienen, wie sie es von den mobilen Geräten her kennen. Das ist nicht in jedem Detail schlüssig umgesetzt, zeigt aber, dass Lion auf künftige Anwendungen ausgerichtet ist. Der ganz große Wurf ist Apple mit Lion sicher nicht gelungen, dafür kostet das System aber auch nur 24 Euro. Es ist durchaus sinnvoll, erste Aktualisierungen abzuwarten. Bis dahin kann der Nutzer auf seinem iPad oder iPhone schon mal üben, wie man künftig durch Dokumente scrollt.