Leslie Nielsen

Der nackteste Kanonier der Herzen ist tot

Leslie Nielsen wurde mit ziemlich albernen Komödien zum Star. Jetzt ist der Kanadier im Alter von 84 Jahren gestorben.

Die Aufregung über Wikileaks ist groß, doch wer wissen will, wie ein US-Präsident wirklich Diplomaten brüskieren kann, der muss sich ganz ernsthaft den Schauspieler Leslie Nielsen in „Scary Movie 4“ ansehen. Der Mann tritt ans Pult der UN, weil Aliens die Welt bedrohen. Und er erklärt den vereinten Nationen: „Also, ein Inder, ein Franzmann und der Papst sitzen in einem Flugzeug. Sagt der Pilot: Hey, ist einer von ihnen hier nicht beschnitten?“ Nach dem vollständigen Witz, indem mehrere Völker vorkommen, gibt es einen Scherz auf Kosten Belgiens sowie verschiedene andere Faux-pas, die die Botschafter empören. Zum Ende der Szene stehen alle nackt da, der Präsident pupst und fragt „Was macht die Ente hier?“

Ist das nun lustig? Unbedingt. Und nur ein kleiner Teil der Szene. Denn mit Leslie Nielsen folgen stets ein Dutzend Gags aneinander, erst wenn etwas gefühlt drei Mal ausgereizt ist, darf Schluss sein. Nur eines ist klar: Leslie Nielsen verzieht dazu keine Miene.

Der Tod ist komisch. Unglücke sind komisch. Katastrophen sind komisch. Terroristen sind komisch. Mutter Theresa ist komisch. Politiker sind sehr komisch. Und erst Königinnen! Leslie Nielsen darf für sich als Lebensleistung beanspruchen, bei einem Bankett auf die Queen gesprungen und dann hart auf dem Boden gelandet zu sein, was zu kompromittierenden Fotos führte, jedenfalls 1988 in „Die nackte Kanone“. Er hat auch die USA bei einem Einsatz in Beirut vor dem Club der Superschurken mit Ayatollah Khomeini, Jassir Arafat, Muammar al-Gaddafi und Idi Amin beschützt. Dass das Blutmal Michail Gorbatschows nicht echt ist, wissen wir ebenfalls durch Leslie Nielsen. Er rieb es bei gleicher Gelegenheit ab und rief „Ich wusste es!“

Am Sonntag ist Leslie Nielsen in Florida an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben, der Komiker war 84 Jahre alt. Zuletzt trat er 2009 in der Horror-Parodie „Stan Helsing“ auf, als untote Kellnerin Kate. Man darf also sagen, dass er wenigstens die letzten 30 Jahre unermüdlich Scherze verbreitet hat. Seit Peter Sellars und sein Inspektor Clouseau die Grundfesten des Anarchentum festgelegt haben, ist kein Polizist mehr so lustig gewesen wie Nielsens Frank Drebin, und wir wollen an dieser Stelle kein Wort über Louis de Funes sagen.

Mountie wollte er wirklich nicht werden

Als der 1926 in Kanada geborene Mann in die Polizistentrottelrolle des Frank Drebin schlüpfte, war er schon 56 Jahre alt. Als Kind hatte er ein großes Vorbild, sein Vater war Mountie, doch „ich verabschiedete mich bald von der Idee, selbst ein Mountie und oder Tarzans Sohn zu sein. Ich habe stark gebogene Beine und kann weder Reiterhosen noch Lendenschurz tragen.“ Frank Drebin wurde für eine Fernsehserie erfunden, „Police Squad“ war 1982 aber nicht erfolgreich, nach sechs Folgen wurde die Sache eingestellt. Die Filmemacher Jerry und David Zucker und Jim Abrahams hatten die Figur eigens für Leslie Nielsen geschrieben, der 1980 in „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ eine Nebenrolle als Arzt gespielt und viel Beifall für das stoische Gesicht im Angesicht des Unsinns bekommen hatte.

Die Zuckers und Abrahams blieben als Trio ZAZ den Parodien treu, sie prägten die Gag-Reihen, bei denen sehr viel Porzellan zerschlagen wird und immer neue Opfer zu beklagen sind. Ein Witz kann nicht klamaukig und brachial genug sein; das Lachen entsteht im Bauch. Mit Leslie Nielsen legten ZAZ 1988 die „Nackte Kanone“ vor und hatten weltweiten Erfolg, was zu zwei Fortsetzungen führte und später zu etlichen Genre-Parodien. „Ich bin für die Lacher da“, hat Nielsen beiläufig erklärt und sich enorm dankbar gezeigt, dass die Zeit der ernsten Werke für ihn vorbei war. Hier hatte nämlich einer seine späte Berufung gefunden. Normalerweise ist es umgekehrt: Im Alter wollen Komiker partout in Tragödien und Melodramen mitspielen, um endlich als echte Schauspieler zu gelten. Nielsen dagegen benahm sich bei der Vergabe des „Mutter-Teresa-Awards“ daneben (in Scary Movie 3“), trat als Graf Dracula oder Agent 00 auf, er stülpte über sich und Priscilla Presley ein gigantisches Kondom und erklärte „Ding Dong die Hex ist tot“ zu ihrem Lied.

Für "Ben Hur" wurde er immerhin gecastet

Sein halbes Leben hat Nielsen mit kleinen Rollen in mehr oder weniger seriösen Filmen zugebracht, ist für „Ben Hur“ als zweite Hauptrolle gecastet worden, hat im Katastrophenfilm „Die Höllenfahrt der Poseidon“ 1972 den Kapitän gespielt. Das war damals kein Witz. Aber viel von dieser Erfahrung hat Nielsen später in Parodien einsetzen können. In fast allen Genres erfahren, wusste er, wie man Scherze über Offiziere, Horrorfiguren, Science-fiction-Helden und natürlich Polizisten macht. Das Geheimnis ist simpel: Ruhe bewahren, keinen Gesichtsmuskel bewegen, Unschuld mimen. Inmitten der Lachanfälle blieb Nielsen unbekümmert und aufrichtig ernsthaft.

Von den großen Vorbildern Laurel & Hardy übernahm er die tolpatschige Naivität und ging an eine Serie von Filmen, die zerstörerischer kaum sein kann. Dem kinosozialisierten, jugendlichen Publikum servierte er Blödsinn wie ein seriöser Wagenverkäufer eine Schrottkarre. Als er 1993 seine Autobiografie „Die nackte Wahrheit“ veröffentlichte, blieb er seiner Rolle treu, schrieb er sich zwei Oscars und eine Affäre mit Elizabeth Taylor zu. In einer Entzugsklinik will er wegen Witzsucht behandelt worden sein.

Barbara Bush riss er die Kleider vom Leib

Eines seiner Opfer war in „Die nackte Kanone 2 ½“ die damalige First Lady Barbara Bush. Er küsste sie wild, stieß sie dann im Jubel vom Balkon und riss ihr im Fallen noch das blaue Kleid vom Leib. Trotzdem wurde Leslie Nielsen einmal ins Weiße Haus eingeladen. Barbara Bush stand in der Reihe und erwartete eine Begrüßung. Als Nielsen ihr gegenüberstand, rollte die Frau des Präsidenten nur mit den Augen, erzählte ihm aber später, dass sie den Tag über mit ihrer Enkelin geübt hatte, um nicht ausfallend zu werden. Man darf sich vorstellen, dass Leslie Nielsen darüber gelacht hat. Er bleibt der nackteste Kanonier der Herzen.