Selbstmord

Warum Bögerls Witwer stets als verdächtig galt

Die Bögerl-Tragödie: Erst der Mord an der Ehefrau, dann der Suizid des Witwers. Thomas Bögerl war depressiv – und musste mit Verdächtigungen leben.

Von bösen Gerüchten war die Rede. Durch die Medien gingen Anschuldigungen, die so gar nicht passen wollten zum Bild des traumatisierten Witwers, der die Ermordung seiner Ehefrau nicht verkraften konnte. Thomas Bögerl sei Vater von Zwillingen geworden, hieß es im Februar dieses Jahres in Berichten der Lokalpresse im Städtchen Heidenheim in Baden-Württemberg. Nur sieben Monate nach dem gewaltsamen Tod seiner Gattin. Doch immer bekräftigte die Polizei, es gebe nicht den kleinsten Hinweis auf eine Verwicklung Bögerls in den Mordfall.

Was genau passiert, dürfte nun noch schwerer aufzuklären sein: Denn zu dem rätselhaften Mord, der die Ermittler seit 14 Monaten beschäftigt, tritt ein tragischer Suizid: Thomas Bögerl ist am Montagmittag im Fitnessraum seines Wohnhaus in Heidenheim-Schnaitheim von seiner Haushälterin tot aufgefunden worden.

Der 56 Jahre alte Bankier habe sich „augenscheinlich erhängt“ , teilte die Polizei mit. Sowohl Staatsanwaltschaft Ellwangen als auch die Polizeidirektion Aalen gehen von einem Selbstmord aus.

Thomas Bögerl sei alkoholisiert gewesen, hieß es aus Ermittlerkreisen. Die Leiche wurde am Nachmittag in der Ulmer Gerichtsmedizin obduziert. Bögerl hinterlässt zwei erwachsene Kinder. Laut Informationen der Berliner Morgenpost sollte Bögerl im Juli aus dem Amt des Vorstandsvorsitzenden der örtlichen Kreissparkasse scheiden.

Dies sollte Mitte Juli verkündet werden, bestätigte der Verwaltungsratsvorsitzende der Kreissparkasse. Bögerls Anwalt zeigte sich überrascht vom mutmaßlichen Suizid seines Mandanten. Dieser habe ihm gegenüber stets versichert, nichts mit dem Mordfall zu tun zu haben, sagte er dieser Zeitung.

Lösegeld in Höhe von 300.000 Euro

Es ist der vorläufige Schlusspunkt in dem aufsehenerregenden Fall um die ermordete Bankiersgattin. Maria Bögerl wird am 12. Mai 2010 überfallen und verschleppt – aus dem gleichen Haus, in dem sich jetzt ihr Mann umgebracht hat.

Gegen 11.20 Uhr erhält ihr Ehemann einen Anruf: Die Entführer verlangen ein Lösegeld in Höhe von 300000 Euro. Bögerl bringt das Geld in einem schwarzen Plastiksack zum vereinbarten Ort, einer Autobahnausfahrt, markiert mit einer Deutschlandflagge. Die Polizei observiert den Übergabeort.

Doch Bögerl ist zu spät, er verpasst das Zeitfenster der Entführer um gut eine halbe Stunde. Das Geld wird nicht abgeholt, es wird am nächsten Morgen versehentlich von der Autobahnmeisterei weggeräumt. Und von Maria Bögerl fehlt weiter jede Spur. Mit einem dramatischen Appell wenden sich Bögerl und seine beiden Kinder in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ wenige Tage später an den Entführer und flehen um die Freilassung der Ehefrau und Mutter. Vergebens.

22 Tage nach der Entführung entdeckt ein Spaziergänger eine Frauenleiche in einem Waldstück, nur 1000 Meter entfernt von dem vereinbarten Treffpunkt für die Lösegeldübergabe. Maria Bögerl war mit mehreren Messerstichen getötet worden.

Bis zuletzt geht die eingesetzte Sonderkommission „Flagge“ – benannt nach dem Ort der Lösegeldübergabe – 8600 Spuren nach. Die verwertbaren Fahndungserfolge sind spärlich . Im Mai stoßen die Ermittler schließlich auf eine halbwegs heiße Spur: In Tschechien wird der 55 Jahre alte Deutsche Marvin R. festgenommen. Er soll im September 2010 eine Frau in Puchenau (Oberösterreich) überfallen haben. Ein Verbrechen mit auffälligen Parallelen zum Fall Bögerl.

Und dann ist da das Phantombild, das die Sonderkommission Anfang Juni 2010 veröffentlicht. Mehrere Zeugen wollen einen Mann mit Zopf beobachtet haben, wie er am Tag der Entführung per Anhalter unterwegs war, in der Nähe des Übergabeortes für das Lösegeld. Die Polizei geht der Frage nach, ob Marvin R. genau dieser Zopfmann sein könnte. Für knapp ein Jahr Ermittlungsarbeit nicht gerade eine Fülle von Indizien.

Warum scheiterte die Übergabe?

Aus diesem Grund fiel der Fokus auch immer wieder zurück auf den Witwer selbst. Insbesondere die Modalitäten der Lösegeldübergabe schürten die Frage: Warum gelang es nicht, die geforderte Summe rechtzeitig zum vereinbarten Ort zu bringen? Die Polizei stellte klar, dass Bögerl auf eigenen Wunsch das Lösegeld selbst organisiert habe. Bögerl entgegnete, er habe keineswegs darauf bestanden, das Geld selbst zu besorgen.

Die „Heidenheimer Zeitung“ berichtet, Bögerl habe nach der Ermordung seiner Frau unter Depressionen gelitten. Zuletzt habe er sich in einer Reha-Maßnahme in Bad Bocklet aufgehalten. In anderen Berichten war die Rede von einer zerrütteten Ehe. Beide Eheleute hätten Affären gehabt. Und schließlich die Gerüchte um die Geburt der Zwillinge. Ob der Abschiedsbrief, den Thomas Bögerl hinterieß, Aufschluss über diese Mutmaßungen gibt, ist noch offen. Zwar wollten sich Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst nicht zu dessen Inhalt äußern. Er enthalte jedoch keine Hinweise zu den Beweggründen für den Selbstmord, hieß es.