Dokumentarfilm

Justin Bieber oder twitter, twitter, little Star

Er ist 16 Jahre alt und 100 Millionen Dollar schwer: Der Film "Never Say Never" folgt Justin Bieber, dem ersten Teeniestar des Facebook-Zeitalters.

Es geht ihm gar nicht gut. Der Rachen schmerzt, die Stimme verweigert ihren Dienst. Justin Bieber sitzt im Behandlungsstuhl eines Spezialisten für unerfreuliche Halskrankheiten, und der wiegt sorgenvoll den Kopf. Die Gesangslehrerin verordnet eine stimmbandschonende Schweigepflicht.

Seine Mutter nimmt ihn in den Arm. Aber der 16-jährige Bieber ist untröstlich, legt sich im Tourbus stumm ins Bett und zieht sich die Decke über den Kopf. In Kürze steht sein Auftritt im ausverkauften Madison Square Garden in New York bevor, der vorläufige Höhepunkt seiner jungen Karriere. Ob er rechtzeitig genesen wird? Oder wird er das Konzert absagen müssen? Was soll nur werden?

Bieber kommt aus bescheidenen Verhältnissen

Der große Auftritt in New York ist das Ziel, auf das in Jon Chus Dokumentarfilm "Justin Bieber: Never Say Never" alles ausgerichtet ist; man fragt sich fast, was gewesen wäre, wenn kein grippaler Infekt sich als dramaturgisch wertvolle Hürde vor Biebers großen Auftritt gelegt hätte.

Dabei wäre ein eingebauter Spannungsbogen gar nicht nötig gewesen. Die Bebilderung von Justin Biebers wundersamer Karriere zum größten Teeniestar seiner Zeit bietet so viel Unterhaltungswert und Information, dass keine Sekunde Langeweile aufkommt – auch wenn man seine Pubertät bereits hinter sich hat und Biebers Sex-Appeal wie auch seiner Musik eher gleichmütig gegenübersteht.

Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes aus dem beschaulichen Städtchen Stratford in der kanadischen Provinz Ontario. Bieber wächst mit seiner Mutter Pattie Mallette in bescheidenen Verhältnissen auf, die Eltern trennen sich kurz nach seiner Geburt.

Mit Zwölf verdient er 3000 Dollar durch Musik

Dem Anschein nach ist er ganz normaler Junge. Wenn er nicht gerade mit Fußball oder Hockey beschäftigt ist, spielt Bieber Gitarre, Schlagzeug, Klavier und Trompete. Wie das geht, hat er sich selbst beigebracht, im Gemeindehaus standen die Instrumente einfach herum.

Weniger begabte Kinder würden von ihren Müttern von Castingshow zu Castingshow gezerrt werden. Doch Pattie Mallette, eine wiedergeborene Christin, betet lieber zu Gott, dass ihr Sohn zu einem modernen Propheten Samuel heranwächst, zur Stimme seiner Generation – und noch ahnt sie nicht, in welcher Form man ihre Gebete erhört.

Mit zwölf setzt sich Bieber mit der Gitarre vor das örtliche Theater und spielt sich als Straßenmusiker 3.000 kanadische Dollar zusammen, wovon eine Reise nach Disneyland bezahlt wird, der erste Urlaub der Familie. Davon angespornt, drängt es Bieber auf die Bühne.

Siebeneinhalb Millionen folgen ihm bei Twitter

Bei Talentwettbewerben singt er Lieder von Aretha Franklin, Alicia Keys und Ne-Yo. Und weil die biebersche Verwandtschaft das sehen will, aber in weiter Ferne quer über Kanada verteilt wohnt, lädt seine Mutter die entsprechenden Videos bei YouTube hoch.

Dort werden sie zufällig von dem jungen Musikmanager Scooter Braun entdeckt, der sofort die Fahndung aufnimmt, was Biebers Mutter, als Braun ihn findet, wiederum entsetzt. "Lieber Gott, du willst doch nicht, dass Justin diesem jüdischen Jungen folgt, oder?", erinnert sie sich – eine Episode, die in dem Film, wohl aus Rücksicht auf religiöse Gefühle der Zuschauer, keine Erwähnung findet, aber tatsächlich so passiert ist.

Mittlerweile hat Justin Bieber 100 Millionen Dollar verdient, vier American Music Awards gewonnen, zwei Grammy-Nominierungen erhalten und für Präsident Barack Obama ein Weihnachtslied gesungen. Er hat über 15 Millionen Facebook-Freunde, und knapp siebeneinhalb Millionen Menschen folgen ihm bei Twitter.

Seine Musik – wenig originell produzierter R&B-Pop

Vor wenigen Monaten meldete Twitter, dass satte drei Prozent des gesamten Twitter-Verkehrsaufkommens auf Bieber zurückgehen. Laut Klout, einem Social-Media-Index, ist Bieber im Netz inzwischen einflussreicher als der Dalai Lama und Lady Gaga. Justin Bieber ist so rasant zu Weltruhm gekommen, dass weite Teile der Menschheit noch nicht einmal wissen, auf was sich sein Ruhm überhaupt gründet.

Seine Musik ist leidlich originell produzierter R&B-Pop, wie man ihn von handelsüblichen Boybands kennt. Die Text kreisen konsequent um die Themengebiete Mädchen und ewige Liebe, was bei Mädchen, die noch an die ewige Liebe glauben, gemeinhin auf fruchtbaren Boden fällt.

Natürlich hilft "Never Say Never" mit allerhand Klangbeispielen weiter, wie der Film überhaupt erhellende Einblicke in das Alltagsgeschäft des omnipräsenten Stars liefert. Munter springt die Erzählung zwischen Biebers Anfangstagen und der Tour 2010 hin und her, und da Bieber zu der Generation gehört, deren Heranwachsen bestens mit der Videokamera dokumentiert ist, häuft sich das Archivmaterial: Es gibt allerhand grobkörnige Heimvideos zu sehen, weswegen "Never Say Never" schon jetzt als der zweidimensionalste 3-D-Film aller Zeiten gelten darf.

Bieber bereitet seine Pressetour auf YouTube vor

Im Alter von 13 wird Bieber von Scooter Braun und dessen Geschäftspartner, dem R&B-Star Usher, unter Vertrag genommen, die erste Single "One Time" erscheint rund zwei Jahre später im Frühsommer 2009. Doch die Zeit dazwischen verstreicht nicht ungenutzt.

Braun lässt seinen Schützling weiter munter Videos ins Netz stellen, wobei er darauf achtet, dass mit billigen Kameras gedreht wird, damit das Ergebnis authentisch und selbst gemacht wirkt.

Dank YouTube ist Justin Bieber bald ein kleiner Star, und als die erste Single auf den Markt kommt, tingelt Bieber von Radiostation zu Radiostation – laut "Never Say Never" soll es in den gesamten Vereinigten Staaten keinen Radiomoderatoren geben, bei dem er nicht persönlich vorstellig wurde.

Eine Shopping-Mall – von 3000 Fans belagert

Parallel twittert er, wo er wann zu erwarten ist. Bald schon werden die Sender von Heerscharen kleiner Mädchen belagert, bereits im November 2009 führt der Ansturm von 3000 wild entschlossenen Fans zur Absage eines Auftritts in einer Shopping-Mall in Long Island.

Die Polizei ist vollkommen überfordert davon, gegen Massen hysterisierter Kinder vorzugehen – eigentlich alle herkömmlichen Methoden verbieten sich von selbst. Erst nach einer dramatischen Twitter-Nachricht von Bieber – "Geht nach Hause, sonst nehmen sie mich fest!" – gelingt es, die Menge aufzulösen.

Selbstverständlich gibt es auch in "Never Say Never" Meinungsbeiträge etlicher Fans: "Ich liebe ihn!" "Er ist heiß!" "Ich mag sein Lächeln" "Er ist so süß!" "Sein Lächeln!" "Seine Haare!" "Einfach alles!" "Ich denke 99 Prozent des Tages an Justin!" "Eines Tages werde ich ihn heiraten, so viel steht fest!"

Auch Teenie-Tränen haben ihre Berechtigung

Wer hier zu Wort kommt, ist etwa zwischen acht und sechzehn Jahre alt und kennt in Sachen Bieber keinen Spaß. Der Ernst der Lage wird – wie seit den Anfängen der Popkultur mit Elvis – durch vehementes Kreischen zum Ausdruck gebracht, durch Weinkrämpfe und Schüttelanfälle.

Es ist natürlich ein Leichtes, sich darüber lustig zu machen, doch andererseits ist es auch völlig unangemessen. Wenn kleine Mädchen Justin Bieber hinterherweinen, sind ihre Tränen genauso kostbar wie die Gedanken, die sich erwachsene Männer bei Bob-Dylan-Konzerten machen, nur weil der Künstler ohne ersichtlichen Grund die zweite Strophe eines Liedes weglässt, das er seit 1973 nicht mehr vor Publikum gespielt hat.

Enthemmte Begeisterung, wie auch immer sie sich äußert, ist ein wichtiger Schritt zur Charakterbildung und Persönlichkeitsentwicklung, wobei nicht ganz klar ist, welche Auswirkungen das im Fall von Justin Bieber auf Justin Bieber selbst hat.

Auch Justin Bieber muss sein Zimmer aufräumen

Für das psychische Wohlbefinden eines 16-Jährigen kann es nicht von Vorteil sein, bei jedem öffentlichen Auftritt Chören schreiender Mädchen ausgesetzt zu sein, weshalb sein Umfeld sich alle Mühe gibt, den Irrsinn halbwegs verdaulich zu gestalten. Die Rollen sind verteilt wie in einer Familie.

Manager Braun und Usher sind die strengen, großen Brüder, die Gesangslehrerin Jan Smith, die er bezeichnenderweise Mama Jan nennt, ist eine Art Ersatzmutter, während Ryan Good, sein "Swagger Coach", der ihn in der Kunst des coolen Schlurfens unterrichtet, der lustige und verantwortungslose Onkel ist. Wenn Bieber nicht hören will, ist sofort ein Bodyguard zur Stelle, klemmt ihn sich unter den Arm und trägt ihn fort.

Einmal sieht man Bieber im Haus seine Großeltern. Als Freunde ihn zum Basketballspielen abholen wollen, ermahnt ihn die Großmutter: "Aber erst räumst du dein Zimmer auf." Später steht Bieber mit seiner Teeniestarkollegin Miley Cyrus auf der Bühne des Madison Square Garden und singt ein Duett.

Cyrus wirkt abgeklärt ist, packt Bieber die Lebenslust

Bieber schmettert und dreht Pirouetten, als könnte er sich gerade nichts Schöneres im Leben vorstellen, während Cyrus, die zeit ihres Lebens nie etwas anderes als Kinderstar war, abgeklärt und zynisch umherstolziert, als wäre sie nicht 18, sondern 38 Jahre alt.

Bei Bieber hingegen ist alles in Ordnung , so die ebenso einfache wie frohe Botschaft dieses unbedingt zu empfehlenden Films – von seelischen Zerrüttungen noch keine Spur. Aber Justin Bieber steht auch erst am Anfang seiner Karriere. Wie heißt es so schön: Er ist ja noch so jung.

"Justin Bieber: Never Say Never" startet am 10. März in den deutschen Kinos.