Bodenfelde

Bürgermeister erhebt Vorwürfe gegen Justiz-Behörde

Nach der Beerdigung der beiden Opfer des Doppelmordes von Bodenfelde sucht die Gemeinde nach Antworten. Der Bürgermeister hat die Justiz im Visier.

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Der erste Schnee liegt auf den Trauerkränzen an Ninas Grab. Frost hat die weißen Blumen umschlossen. Der Winter ist nach Bodenfelde gekommen. „Du bist nicht fort. Du bist nur fern“, steht auf einem dunkelroten Band. Kaum zwei Meter daneben ist alles vorbereitet für ein zweites Begräbnis.

In einer Schale liegen rote Blütenblätter: Tobias soll bei Nina seine letzte Ruhe finden. Nur wenige Hundert Meter weiter unten, jenseits des Friedhofszauns am Mühlenbach, wurden die beiden Jugendlichen am vergangenen Sonntag ermordet aufgefunden.

Wieder einmal läuten die Glocken in der kleinen niedersächsischen Gemeinde zum Trauergottesdienst. Mehrere hundert Einwohner sind zur Kirche an der Weser-Promenade gekommen. Sie wollen dem 13-jährigen Tobias das letzte Geleit bis zum Friedhof geben.

Der nicht erklärbare Doppelmord

Am Tag zuvor wurde der Leichnam der ein Jahr älteren Nina bestattet. Beide Schüler wurden Opfer von Jan O. Der 26-Jährige hat die Jugendlichen nacheinander brutal ermordet. Seine rasche Festnahme und sein Geständnis just am Tage von Ninas Beisetzung vermögen niemanden zu trösten in der 3500-Seelen-Gemeinde. Der Doppelmord ist aufgeklärt, aber er lässt sich nicht erklären.

Viele Bodenfelder müssen vor der Kirche stehen, weil innen alle Plätze belegt sind. Die Stimme von Pastor Mark Trebing – er hatte am Freitag auch die Trauerfeier für Nina gehalten – dringt leise aus einem kleinen Lautsprecher. „Wir suchen nach Trost, wir suchen nach Kraft“, sagt der evangelische Geistliche, „Wir sind fassungslos, wir zweifeln, sind sprachlos. Für uns ist es Mord, Unglück, Vernichtung. Wir trauern.“

Der Weihnachtsmarkt wird dieses Jahr wohl abgesagt. Einen solch traurigen ersten Advent hat die Gemeinde noch nicht erlebt. Jeder stößt in Bodenfelde an Grenzen, so wie an etlichen anderen Orten, wo Amokläufer oder Mörder gewütet haben.

„Wir haben die Mutter schreien hören“

Und dann kommen noch die Journalisten, die über das Unfassbare berichten sollen und es mitunter am liebsten erklären würden. Bei der Beerdigung von Tobias sind noch einmal viele Medienvertreter zu sehen. Für sie ist Bodenfelde ein schwieriges Pflaster.

Seit der Entdeckung der Leichname am vergangenen Sonntag werden Fremde hier argwöhnisch beäugt. Doch etliche Menschen aus dem Ort haben auch etwas zu erzählen, so wie Maggy Silbernagel, die von ihrem Badezimmerfenster auf das Wäldchen blicken kann. „Wir haben die Mutter schreien hören“, sagt die 51-Jährige. Sie meint den Sonntagmittag, als die Mutter von Tobias ihren toten Sohn entdeckt hatte. Andere erzählen, dass Nina gern geritten und Tobias bei der freiwilligen Feuerwehr gewesen sei. Bodenfelde ist mit dem medialen Andrang überfordert.

Eberhard Ruß, der Leiter des Therapiehauses „Neues Land“, wo der Täter zeitweise untergebracht war, entschloss sich Mitte der Woche, die Journalisten einzuladen. Die zahlreichen Bilder und Berichte beleuchten am Ende aber auch nur die große Hilflosigkeit.

Wie schützt man die Kinder am besten?

Ein Satz ist in Bodenfelde immer wieder zu hören: „Zur falschen Zeit am falschen Ort.“ Das sagt eine Mutter des Sparklubs „Schwarze Witwe“ im „Gasthof Zensing“ genauso wie Bürgermeister Hartmut Koch. Es ist das Eingeständnis, dass sich niemand nirgendwo gegen einen solchen Ausbruch tödlicher Gewalt wappnen kann.

Aus Bodenfelde lässt sich keine Regel ableiten, wie man sich am besten schützt, denn Nina und Tobias waren zwei ganz unterschiedliche Menschen. Das Mädchen war viel draußen auf der Straße, oft bis spät abends, lief immer mal wieder davon; der brave Junge stammt aus einem behüteten Elternhaus, war nicht leichtsinnig.

Barbara Krasniqi zapft im Gasthof „Zur Krone“ ein Pils. Sie kannte die ermordeten Kinder gut. Die 43-jährige Mutter spürt nach der Verhaftung des Täters „Erleichterung und Erschrecken“. Die Morde haben ihr und vielen anderen Eltern große Angst davor eingejagt, die eigenen Kinder allein draußen zu lassen. Eine Frau erzählt derweil, woran sie erkennt, dass der Schrecken Einzug gehalten hat. „Es war noch nie so wenig geschmückt zu Weihnachten wie dieses Mal“, sagt die 41-jährige Claudia Möhle. Ihre Freundin Kerstin sagt, dass sie Tobias noch am Samstag vor einer Woche gegen 19.15 Uhr an der Sparkasse gesehen habe. Das war etwa eine Stunde vor seinem Tod.

Schicksalsgeladene Situationen

Bodenfelde ist klein, und so wurde auch der Täter an jenem Samstag mehr als nur einmal gesehen. Er sprach ein Mädchen vor dem Supermarkt an, war alkoholisiert und wollte ihre Handynummer. Sie schlug vor, dass er seine Nummer geben solle. Jan O. ließ sich darauf ein. Es war wohl die Rettung für das Mädchen, das wahrscheinlich sein nächstes Opfer geworden wäre. Sie gibt später auch den entscheidenden Hinweis für seine Festnahme. Er mag junge minderjährige Mädchen, das wird später an seinen sexuell aufgeladenen Einträgen im Internet deutlich.

„Es gibt schicksalhafte Begegnungen, schicksalsgeladene Situationen, gegen die auch die Polizei machtlos ist: zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein“, sagt auch der ermittelnde Kriminaldirektor Andreas Borchert. Die Mordkommission unterstellt dem geständigen Jan O. „Mordlust“ und ein „Potenzial zum Serientäter“. Sein Verteidiger rekurriert auf eine psychische Störung.

Jan O.s geschiedene Eltern meldeten sich in der Woche ebenfalls zu Wort. Sie schilderten ein kaputtes Familienleben mit Wutausbrüchen. „Er ist eigentlich wie ich. Aber ich richte die Gewalt gegen mich und ritze mir die Unterarme auf, während er seinen Zorn an anderen auslässt“, sagte Andrea O. der „Allgemeinen Zeitung“ in Uelzen. Sein Vater erzählte, dass er mit dem Jungen überfordert gewesen sei.

Jan O., der alkoholsüchtige, notorische Kleinkriminelle, kommt im Februar 2009 ins Therapiehaus „Neues Land“ am Ortsrand von Bodenfelde. Er kann sich dort zunächst stabilisieren, doch dann stürzt er wieder ab. Es drohte ihm noch kurz vor dem Doppelmord die Verhaftung, weil er gegen Bewährungsauflagen verstoßen hatte.

Doch ein Sicherungshaftbefehl wurde von der zuständigen Strafvollstreckungskammer am Landgericht Stade abgelehnt. Das macht der Bürgermeister den Behörden nun zum Vorwurf. Hartmut Koch von der Unabhängigen Wählergemeinschaft sagt, ein Sicherungshaftbefehl hätte das Leben der beiden Jugendlichen retten können: „Die grausamen Taten wären dann nicht passiert. Man kann Nina und Tobias nicht mehr zurückholen, aber das muss aufgearbeitet werden.“

Jan O. hätte in einer geschlossenen Klinik untergebracht werden sollen. Er war deshalb zu einer Anhörung am Freitag vorgeladen. Dieser Termin kam im Nachhinein zu spät. Stattdessen war es der Tag von Ninas Begräbnis.