Agentin Ronni Chasen

Die rätselhafte Hinrichtung einer Hollywood-Queen

Vom Mörder der einflussreichen Künstleragentin Hollywoods, Ronni Chasen, fehlt jede Spur. Er schoss ihr fünf Mal in die Brust. Es war eine geplante Tat.

Wenn die sechs großen Filmstudios gemeinsam ein Fest ausrichten, muss es einen grandiosen Grund geben zu feiern. Oder einen alle Missgunst und Künstlichkeit der Branche sprengenden Anlass zu trauern. Am Sonntag werden sich die Studios und ihre Stars vor Ronni Chasen verneigen, vor einer der mächtigsten und beliebtesten Künstleragentinnen Hollywoods.

Die 64-Jährige wurde am frühen Dienstagmorgen gegen 0.30 Uhr in Los Angeles in ihrem Wagen von mehreren Kugeln in die Brust getroffen und starb eine Stunde danach in einem Krankenhaus. Die Kriminalpolizei in Los Angeles hat noch keine Spur, wer der oder die Täter sein könnten. Ihre Theorie scheint zu sein, dass die Tat geplant war, und dass die Schüsse von einem neben Chasens Mercedes haltenden Wagen aus durch das Beifahrerfenster abgefeuert wurden. Auftragsmörder, so erklärte ein Experte, erledigten ihre Arbeit mit mehreren Schüssen in den Kopf: „Es ist klar, dass der Täter ihr Gesicht nicht verletzen wollte.“

Die bestürzten Freunde der PR-Queen – und Chasen scheint echte Freunde gehabt zu haben – sind ratlos. Die kleinwüchsige Agentin mit dem gewaltigen, stellvertretenden Ego, das ihre Klienten liebten, trank nicht, nahm keine Drogen, verfolgte keine Hobbys, die sie in ein kriminelles Milieu hätten führen können.

Die Stars waren für sie wie Kinder

Unverheiratet und ohne Kinder, adoptierte sie ihre Klienten und vertrat sie rund um die Uhr mit einer Leidenschaft und Härte, die in ihrer Industrie legendär waren. Sie hatte sich auf das Lobbyieren für Oscars und andere Auszeichnungen spezialisiert; Filmmusikkomponisten, darunter der Deutsche Hans Zimmer, lagen ihr besonders am Herzen. Sie sei, heißt es in der Branche, auf sprichwörtliche Weise überall zugleich gewesen.

Am Abend ihrer Ermordung war Chasen auf dem Heimweg nach der Premierenfeier für den Cher-Film „Burlesque“. Die Schüsse fielen nach dem Einbiegen in den Whittier Drive, einer viel genutzten Abkürzungsverbindung zwischen dem Sunset und dem Wilshire Boulevard. Ihr Wagen beschleunigte, bis er an einen Mast prallte; Anwohner hatten fünf Schüsse gehört. Die Polizei wertet Bilder von Sicherheitskameras an der Straße aus. Mindestens ein Unternehmen, das Bustouren für Filmfans durch Beverly Hills anbietet, soll den Tatort mit einem kurzen Halt in ihr Tourprogramm aufgenommen haben.

Das Palm Springs International Awards Gala and Film Festival hat 100.000 Dollar Belohnung für Hinweise auf den oder die Täter ausgelobt. In den vergangenen Jahren hatten Chasen und ihr Team die zu ehrenden Künstler auf dem Weg nach Palm Springs betreut. Sie sorgte dafür, dass alle kamen. Kollegen bewunderten ihre Selbstironie, die ihre branchentypische Penetranz im Werben für ihre Klienten milderte.

Trauer unter den Stars

Chasen sei die Erste gewesen, die zugab, „pushy“ zu sein, sich zu zerreißen für ihre Künstler. Oscar-Preisträger Morgan Freeman verehrte sie: „Ich hatte das Vergnügen, mit Ronni für ,Driving Miss Daisy‘ zusammenzuarbeiten. Wir sind seither Freunde gewesen. Ich habe sie sehr bewundert, und sie wird nicht vergessen werden.“ Hans Zimmer war am Boden zerstört: „Ich bin tief traurig, verwundet, wütend, fassungslos, einsam. Ronni war die Beste. In einer Stadt, in der ,die Beste‘ viel zu leichtfertig verwandt wird, war sie wahrhaft einzigartig.“

In 30 Jahren brachte es Chasen auf mehr als 150 Oscar-Nominierungen und viele Siege bei den Academy Awards. Ihre Klienten gewannen sieben „Best Picture“-Statuetten für „The Hurt Locker“, „Slumdog Millionaire“, „No Country For Old Men“, The Lord Of The Rings: The Return Of The King“, „Chicago“, „Shakespeare In Love“ und „Driving Miss Daisy“.

Fotos zeigen die Gigantin der „Publicists“ mit Oscars und mit ihren Stars; sie ist stets die kleinste. Auch dies war kein Nachteil in Hollywood, das eine Menge kleinwüchsiger Stars mit Komplexen aus ihren Teenagerzeiten umschmeicheln muss. Chasen sei nicht jeder Mode gefolgt, sagt man, sie hatte ihren Geschmack und ihre Favoriten.

Der Mord wirft ein Schlaglicht auf die Künstleragenten Hollywoods, die von ihren Klienten abergläubig verehrt und von vielen Produzenten inbrünstig verachtet werden. Agenten werden dafür bezahlt, bei den Verhandlungen über Gagen, Privilegien, Gewinnbeteiligungen den Zorn der Gegenseite auf sich zu ziehen.

Nicht selten vertreten sie Schauspieler, deren Intelligenz nicht zu den strahlendsten Lichtern am Weihnachtsbaum zählt. Zuletzt soll Chasen daran gearbeitet haben, Michael Douglas für „Wall Street: Geld schläft nicht“ einen Oscar als „Bester Nebendarsteller“ zu verschaffen. Ihre Beisetzung soll am kommenden Sonntag um 11 Uhr auf dem Friedhof Hillside Memorial Park and Mortuary in Los Angeles stattfinden.