Jugendkriminalität

Polizei sucht mit Video Berliner U-Bahnschläger

Es ist der dritte Fall innerhalb weniger Wochen: Wieder haben Jugendliche auf einem Berliner U-Bahnhof jemand Unbeteiligtes brutal überfallen.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Erneut ist auf einem Film aus Berliner Überwachungskameras zu sehen, wie Jugendliche in einem U-Bahnhof einen Mann zusammenschlagen und -treten. Mit den Aufnahmen sucht die Berliner Polizei die Täter eines Überfalls vom Sonntagabend. Fünf bis sechs Jugendliche hatten einen 45 Jahre alten Obdachlosen gegen 20.20 Uhr auf dem U-Bahnhof Hansaplatz in Tiergarten überfallen.

Zu sehen ist, wie eine Gruppe von jungen Männern den Mann angreift, ihn schlägt und gegen die Beine tritt, bis er zusammenbricht. Dann treten sie weiter auf ihn ein. Die Angreifer raubten ihrem Opfer Zigaretten, Weinflaschen und einen Schlafsack. Der Obdachlose erlitt einen Nasenbeinbruch und Prellungen.

Ein Beobachter alarmierte die Feuerwehr, die den Mann mit einem gebrochenen Nasenbein ins Krankenhaus brachte. Die Polizei fahndet nun auch mit Bildern eines Verdächtigen im Internet nach den Tätern und bittet um Hinweise.

Erst am vergangenen Samstag war eine Frau in Wilmersdorf von fünf Jugendlichen krankenhausreif geprügelt worden. Die 43-jährige erlitt laut Polizei schwere Gesichtsverletzungen. Zeugen des Überfalls oder Videoaufnahmen gab es nicht.

Zuvor war bei einem Raubüberfall auf zwei 30-Jährige am U-Bahnhof Lichtenberg am 11. Februar war ein Mann lebensgefährlich verletzt worden. Die Polizei ging vier Tage später mit einer Fahndung an die Öffentlichkeit, nachdem sich der Zustand des Opfers infolge einer Hirnblutung massiv verschlechtert hatte. Ermittler nahmen noch am selben Tag vier Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren unter dringendem Tatverdacht fest. Der Mann liegt im künstlichen Koma. Sein Zustand ist weiterhin kritisch.

Kriminologe kritisiert Verharmlosung der Kriminalität

Der Kriminologe Christian Pfeiffer warf der Berliner Polizei vor, den Fall „bewusst heruntergespielt“ zu haben. Weiter kritisierte er, dass das Land Jugendgewalt nur „verwaltet“ und zu wenig für Prävention tue. Auch liege die Aufklärungsquote bei Gewalttaten mit 60 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt von 75 Prozent.

Pfeifer zeigte sich verwundert darüber, dass die Polizei den brutalen Überfall auf dem U-Bahnhof Lichtenberg erst Tage später öffentlich gemacht habe. Mit Blick auf die Brutalität des Überfalls sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen: „So etwas wäre, wenn es in irgendeiner anderen Großstadt passiert wäre, bis in die 'Tagesschau' gekommen. Die Polizei sage, das sei alltäglich, “da müssten wir viel melden". Der Kriminologe fügte hinzu: “Dieses Herunterspielen ist für mich nicht akzeptabel."

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) wies die Vorwürfe zurück. Die Polizei habe die volle Rückendeckung des Senats für ihr „konsequentes, aber auch besonnenes Vorgehen“ gegen Gewalttaten. Sie verdiene Lob dafür, dass es im Fall des brutalen Raubüberfalls schnelle Festnahmen gab. „Wir schulden ihr Dank und nicht pauschale, besserwisserisch klingende Kritik“, sagte Wowereit.

Wowereit erwiderte, es werde nichts heruntergespielt. Berlin tue alles, um erfolgreiche Präventionsarbeit zu leisten, die Aufklärungsmöglichkeiten etwa durch Videotechnik auf den Bahnsteigen zu verbessern, aber nach Straftaten auch schnell zu reagieren.

Polizeipräsident Dieter Glietsch nannte die Vorwürfe „abenteuerlich“. Glietsch sagte zum Vorwurf der Verharmlosung, er weise seit 2002 regelmäßig darauf hin, dass Berlin bei Jugendgewaltdelikten einen Spitzenplatz in der polizeilichen Kriminalstatistik einnehme. Auch die Aussage, die Aufklärungsquote sei in Berlin besonders niedrig, sei falsch. Im Vergleich mit anderen Großstädten liege die Aufklärungsquote lediglich um vier Prozentpunkte unter der von Hamburg oder Bremen.

Nach den Worten von Innensenator Ehrhart Körting (SPD) ist das Problem der Jugendgewalt „eines der vordringlichen, denen wir uns angenommen haben“. Jugendgewalt sei zurückgegangen in der Stadt. Das helfe dem einzelnen Opfer nicht, “aber es ist nicht korrekt, wenn Herr Pfeiffer sagt, wir täten nichts dagegen“.