CSU

Aufstieg und Fall. Guttenbergs märchenhafte Karriere

Karl-Theodor zu Guttenberg war der beliebteste Politiker einer politikverdrossenen Republik. Bis zu jenem 15. Februar 2011.

Kurz nach zehn am Morgen des 2. März 2011, als der Wahnsinn die erste kurze Pause macht, steht Eugen Hain vor einem Flachbau und blinzelt in die Sonne, die hoch über dem Berg steht. Es ist ein Morgen wie dahingemalt, aber Hain muss noch seine Gefühle sortieren. Es ging alles so schnell. „Kommen Sie, lassen Sie uns reingehen.“ Hinter der Tür liegt ein Raum von der Größe einer Gefängniszelle, Prospektständer, Rollschrank, Schreibtisch, Telefon. Es ist Hains Büro, seit 15 Jahren. Es ist in diesen Tagen eine Möglichkeit, die Welt für einen Augenblick auszusperren.

Gestern waren sie da, sie standen vor seinem Haus, als er verschwitzt und müde aus dem Wald kam, er hatte Windbruch geschlagen. Eine Traube Journalisten. Sie haben ihn überrumpelt mit einer Nachricht aus Berlin. Der Karl-Theodor ist zurückgetreten. Für manche, sagt Hain, mag Karl-Theodor zu Guttenberg, der gefallene Verteidigungsminister, jetzt ein Betrüger sein. Für ihn, Hain, Bürgermeister des Dorfes Guttenberg, Franken, rund 600 Einwohner und eine Kneipe, bleibt er der Karl-Theodor. „Er wird Zeit brauchen, alles zu verarbeiten“, sagt Hain, „aber er wird seinen Weg machen.“ Es kann nicht anders sein. Es darf nicht.

Hain lässt sich in die Lehne seines Schreibtischstuhls fallen und gestattet sich ein paar Erinnerungen. Karl-Theodor im Sportheim, einer von ein paar Dutzend Guttenbergern, die im vergangenen Sommer gebannt auf einen Bildschirm guckten und hofften, dass die deutschen Fußballer im WM-Viertelfinale Argentinien schlagen. Karl-Theodor, wie er einem Guttenberger hilft, einen Hartz-IV-Antrag so zu formulieren, dass der das Geld auch bekommt. Kein Minister aus Berlin, ein Mensch, einer von ihnen.

Karl-Theodor, wie er zum ersten Mal zu einem Treffen des Ortverbandes kam, CSU natürlich. Ein junger Mann, wortgewandt, mit Manieren, schlau, überzeugend. „Er wurde sofort Vorsitzender“, sagt Hain. Sein Ton lässt keinen Zweifel daran, dass alles, was danach kam, eine fabelhafte Karriere in kürzester Zeit, seiner Ansicht nach nur folgerichtig war. Das Telefon reißt ihn jäh aus seinen Gedanken. Eine Frau meldet sich, sie schlägt eine Lichterkette vor, mit der man zeigen müsse, dass man den Herrn Guttenberg zurückwolle als Minister.

„Hmmm, ich verstehe das“, sagt Hain, „aber lassen Sie mich auch…“

Im Dorf gehören alle irgendwie zur Familie

Hain bekommt viele solcher Anrufe. Von Menschen aus vielen Ecken der Republik, die traurig sind wie er, empört wie er, nachdenklich geworden wie er. Es ist schwierig, zehn Minuten am Stück mit Hain zu sprechen. Die Welt lässt sich derzeit nicht lange aussperren. Der Karl-Theodor hat sich rar gemacht. Eugen Hain ist eine Art Statthalter geworden. Referent, Sprecher, Wahlkreisbüro und Seelsorger in Personalunion.

„Ich weiß nicht, ob das mit der Lichterkette eine gute Idee ist“, sagt er in den Hörer. „Man müsste das mit der Familie besprechen. Ich könnte mir vorstellen, dass die keinen weiteren Rummel will.“

Es ist nicht ganz klar, welche Familie Hain meint. Die kleine oder die große. Die von außen kommen, sehen es so, dass die reichen Adligen in ihrem Schloss in einer eigenen Welt leben, von der übrigen Welt getrennt durch einen blau-gelben Schlagbaum. Im Ort sehen sie es eher so, dass sie irgendwie alle zur Familie gehören. Jeder hat seine Erinnerungen. Nachbarn, Mitschüler, die Jungs von der freiwilligen Feuerwehr. Die Mütter, deren Söhne den Karl-Theodor früher auf ihre Geburtstage eingeladen haben. Das ist ja das Problem. Sie mochten ihn, sie glaubten ihn zu kennen. Jetzt sind sie traurig, wollen Lichterketten, Protestbriefe an die Medien schreiben und sind hin- und hergerissen zwischen ihrer Wut auf die finsteren Mächte, die „KT“ aus dem Amt gefegt haben, und ihrer Enttäuschung. Sie wissen nicht recht, wohin mit ihren Zweifeln.

„Man kann sich schon fragen, ob er unbedingt den Doktortitel brauchte und wofür“, sagt Hain und hört seinen Worten hinterher, wie um zu prüfen, ob sie das Gewicht ihrer Bedeutung tragen. Auch dass der Minister erst so nach und nach seinen Fehler eingestanden hat, hat Hain nicht gefallen.

Ja, die verdammte Doktorarbeit über „Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“. Begonnen vor zehn Jahren, liegen geblieben nach der Wahl in den Bundestag 2002, wieder aufgenommen nach der Wahl 2005, als Guttenberg im Auswärtigen Ausschuss Obmann der Unionsfraktion wurde. Als er also ein richtiges Amt bekam und immer weniger Zeit für Familie und Freizeit hatte.

Glaubte er, mit einem eigenen Doktor dem FDP-Chef Dr. jur. Guido Westerwelle ebenbürtig sein zu müssen, beim Wettlauf um den Sessel des Außenministers? War es ein plötzlich wieder gesteigertes eigenes Interesse am Thema, als 2005 der im Jahr zuvor feierlich unterzeichnete Europäische Verfassungsvertrag bei Volksabstimmungen in Frankreich und in den Niederlanden an den Wählern grandios gescheitert war? Politischen Anlass, nun das Werden einer EU-Verfassung zu untersuchen und mit den USA seit 1776 zu vergleichen, gab es genug.

Oder fühlte Guttenberg sich unter familiärem Druck, einen wissenschaftlichen Grad zu erwerben? Alle seine Verwandten aus den vier großelterlichen Häusern – Freiherr zu Guttenberg, Graf Eltz, Freiherr Mayr zu Melnhof, Herzog Arenberg – sind akademisch und auch sonst äußerst erfolgreich, teilweise märchenhaft reich. Besonders die Grafen Eltz und Prinzen Arenberg verfügen über ein weltweites Netzwerk gesellschaftlich und wirtschaftlich enorm einflussreicher Verwandtschaft. Unter seinen Urgroßeltern – sie gelten im Adel immer noch als nahe Verwandte – sind die Fürsten Wrede, die Fürsten Löwenstein, die Freiherrn von der Tann, die Grafen von Meran. Karl-Theodor zu Guttenberg, „KTG“, wie ihn Journalisten später zu nennen anfingen, ist im europäischen Uradel verankert.

Nur eine wirklich unverzeihliche Sünde

Dieser Uradel kennt eine wirklich unverzeihliche Sünde: Titelschwindelei. Wenig Menschliches ist den einst gekrönten Häuptern fremd, ihre Familien haben über Generationen viel gesehen. Sich scheiden lassen und mit einem anderen Partner eine neue Ehe eingehen, wie Karl-Theodors Eltern es taten – geschenkt. Das kommt in den besten Familien vor. Auf die Loveparade gehen, wie Karl-Theodor zu Guttenberg und Stephanie von Bismarck am Tage ihres ersten intensiven persönlichen Gesprächs es getan haben? Kein Problem.

Sich aber einen Titel zu kaufen oder per windiger Adoption zu verschaffen – das führt in solchen Kreisen in die erbarmungslose Isolation. Guttenbergs Vater Enoch hat, gerade wegen seiner fast esoterischen Lebensweise als ökologisch bewegter Oratoriendirigent, sehr viel Wert auf diesen adeligen Komment gelegt. Ein solches Lebensumfeld, eine solche Erziehung machen den womöglich vorsätzlich erschwindelten Doktorgrad seines Sohnes Karl-Theodor so rätselhaft, ja eigentlich gänzlich absurd. Ein erschwindelter Doktorgrad ist in Guttenbergs Kreisen gesellschaftlicher Selbstmord. Der Büchernarr Karl-Theodor zu Guttenberg aber wollte keinen gesellschaftlichen Suizid begehen. Er wollte das Haus Guttenberg zu Glanz erstrahlen lassen.

Mit seiner Suche nach familiärem und politischem Glanz rührte er an eine deutsche Sehnsucht. Es hat viele Menschen in Deutschland gegeben, die ihn anfassen wollten. Berühren. Sie folgten dem Minister, verfolgten ihn eigentlich, bei Zufallsbegegnungen und sei es bis vor die Herrentoilette. Derartige Schilderungen gibt es. Es richteten sich auf „KTG“ reale Heilserwartungen. Nur wenige Tage vor der Meldung der „Süddeutschen Zeitung“ vom 15. Februar, die Doktorarbeit sei ein Plagiat – es war die Meldung, mit der alles begann –, konnten sich Zuhörer eines Guttenberg-Vortrags anschließend gar nicht genug wegen eines Fotos um ihn drängen.

Karl-Theodor zu Guttenberg hatte den Tränen nahe gewirkt, als er am 1. März im Säulenfoyer des Berliner Verteidigungsministeriums den letzten Satz seiner Rücktrittserklärung verlesen hatte und sich zum Gehen wandte. „Abschließend ein Satz, der für einen Politiker ungewöhnlich klingen mag. Ich war immer bereit zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.“ Guttenberg war schon am Montag der Vorwoche ausgelaugt gewesen, als er im hessischen Kelkheim jubelnden Anhängern dennoch zugerufen hatte, er sei keine Wettertanne und werde nicht zurücktreten („So weit kommt’s noch!“).

Da hatte er sich von CSU-Chef Horst Seehofer und anderen noch einmal zum Bleiben überreden lassen. Seine kleinen Töchter hatte er bereits von der Schule genommen. Nun, eine Woche später, waren binnen Stunden scharf distanzierende Aussagen seines Doktorvaters, der Bundesbildungsministerin und von zwanzigtausend deutschen Akademikern auf seinem Tisch gelandet. „Die Grenzen meiner Kräfte“: 24 Stunden nach dem Rücktritt kursierte im Internet ein Hinweis, auch dieser letzte Satz als Minister sei ein Plagiat gewesen, entnommen dem Film „Star Trek II: Der Zorn des Khans“. Einen Beleg dafür lieferten die Spötter nicht.

Ist Guttenberg der Antichrist?

Es war der Dienstag, der 1. März, an dem eine Welt für Guttenberg und seine Anhänger zusammenbrach. Ein Anruf, ein Zuruf, eine SMS, und helle Aufregung brach los in Kreisen, die sonst mit Berliner Politik nicht immer viel zu tun haben oder überhaupt zu tun haben wollen. Gerade auch bei jungen Menschen. „Karl-Theodor zu Guttenberg“, so wird nach dem Rücktritt jemand mit Einfluss in Berlin sagen, „hat die Möglichkeiten der Politik erweitert.“

Der „stern“-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges attestierte ihm 48 Stunden nach dem Abgang, ein deutscher Rechtspopulist im politischen Geburtsstadium gewesen zu sein, der bei seinem letzten Auftritt als politischer Redner in Kelkheim die Resonanz einer von ihm geführten neuen Partei getestet habe. Islamkritische Rechte sannen im Internet darüber nach, wie gut doch eigentlich Guttenberg und Thilo Sarrazin zusammengepasst hätten. In den USA erörterte ein Internet-Autor in größter Ausführlichkeit, ob Guttenberg der Antichrist sei. Es gebe da in der Prophetie einen Hinweis, der Antichrist werde ein gut aussehender sonnengebräunter Mann sein, der ins Exil gezwungen werde. Der Autor schreibt, er habe Fotos von Guttenberg gesehen, und auf denen sehe er „dunkelhäutiger aus als andere Deutsche“.

Abenteuerlich. Zum Antichrist oder auch nur zum fremdenfeindlichen Rechtspopulisten fehlt dem amerikabegeisterten katholischen Guttenberg alles. In einem freilich haben der einflussreiche Berliner Jemand, der „stern“-Autor und die Internetaktivisten recht. Guttenberg hatte ein Gespür dafür, dass viele Deutsche heimlich auf der Suche nach einer deutschen Identität sind. Besonders nach dem so beunruhigenden 11. September 2001. Modern soll diese Identität sein und zugleich gemütlich; geschichtsbewusst, aber nicht auf die Geschichte reduziert; und vor allem endlich wieder optimistisch. Weg mit den Selbstzweiflern, den Nörglern, den Verzagten – und auch mit den Deutschlandskeptikern, die das eigene Land immer nur mit Misstrauen betrachten.

Er empfing Tom Cruise zu Hause

Den Deutschen, die sich nach einer solchen neuen Identität sehnen, bietet die Gegenwartsbezogenheit normaler Politiker, selbst die 140-jährige Tradition der Sozialdemokratie, kein ausreichendes kulturelles Schutzgefühl. Karl-Theodor zu Guttenberg hingegen, der weltmännische Minister mit rund 800 Jahren fränkischer Stammheimat im Rücken, der war der Richtige. Welcher andere deutsche Minister hätte die Abkehr von der Wehrpflicht in der widerstrebenden CDU derart mühelos durchsetzen können?

So sagt es jemand mit exzellenten Kenntnissen der Partei, beeindruckt von dem Kraftakt auch noch nach seinem Rücktritt. Nur jemand wie Guttenberg hat das gekonnt, mit seinem Zukunftselan und seiner Popularität. Welcher Minister dieser Güteklasse hätte zugleich den Hollywoodschauspieler Tom Cruise zu Hause bewirten und mit ihm auf gleicher Augenhöhe reden können?

Guttenberg tat es, ganz ohne Pressebegleitung. Er tat es nicht, weil er Cruises aktive Mitgliedschaft in der Sekte Scientology gemocht hätte. Er tat es, weil er sich ein persönliches Bild davon machen wollte, ob er Cruise guten Gewissens als Darsteller des Hitlerattentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg empfehlen könne. Er fand zu seinem Erstaunen heraus, dass der Amerikaner über den deutschen Widerstand präzise informiert war und über die komplizierten damaligen Vorgänge fast so viel wusste wie der Hitlerbiograf Joachim Fest, dessen Bücher Guttenberg natürlich gelesen hatte.

Die Anhänger sahen über seine Sprunghaftigkeit hinweg

Endlich hatte ein Deutscher das Zeug, um die CDU in Hameln und einen Schauspieler aus Hollywood gleichermaßen für sich zu gewinnen. Das spürten Guttenbergs Anhänger. Sie sahen über seine Sprunghaftigkeit hinweg. Guttenberg wollte wegen seiner abweichenden Meinung zur Rettung von Opel 2008 als frisch ernannter Wirtschaftsminister gleich wieder abtreten und blieb dann doch. Er bestätigte, ja unterstrich als frisch ernannter Verteidigungsminister die Aussage seines obersten Generals zur Rechtmäßigkeit eines Luftangriffs in Afghanistan – und feuerte den General vier Wochen später samt einem Staatssekretär, als neue Details zum Angriff bekannt wurden.

Anschließend behauptete er zur Rechtmäßigkeit des Angriffs das Gegenteil seiner vier Wochen alten Erstbewertung. Ein Jahr später, Ende 2010, warf sich Guttenberg an einem Mittwoch schützend vor den Kommandanten der „Gorch Fock“ und warnte vor dessen Vorverurteilung. Nur um ihn am Freitag („Es reicht!“) im Handstreich abzusetzen.

Seine Anhänger ließen es ihm als Anfangsfehler durchgehen – oder, und das waren die meisten, sie werteten es sogar als Ausdruck moralisch geleiteter Handlungskraft. Diese Bereitschaft, beim Blick auf ihr Idol ein oder beide Augen zuzudrücken, schien den Skeptikern fast unheimlich zu sein. Waren die Anhänger Guttenbergs blind vor Sehnsucht nach einem Politiker, der Deutschland wieder normal mache? Der den Pessimismus vertreibe und eine Zukunft, vor der so manchen heimlich graut, doch noch rette? War die heimliche deutsche Angst bereits so groß geworden?

Deutschlands Zukunftssehnsucht konzentrierte sich auf den jungen Adligen

Der zeitgleiche überraschende Erfolg des Politikers Guttenberg, des Buchautors Thilo Sarrazin und sogar der verblüffende Auflagenerfolg einer neu gegründeten Zeitschrift namens „Landlust“, die eine modern-heimelige deutsche Identität thematisiert – das alles hatte womöglich doch mehr miteinander zu tun, als es auf den ersten Blick schien. Die Zukunftssehnsucht eines Landes, das sich öffentlich um zu wenig Kinder und zu viel Terrorismus Gedanken macht, konzentrierte sich auf den schwungvollen jungen Adligen, der am 5. Dezember 1971 geboren wurde – am 70. Geburtstag Walt Disneys und Mozarts 180.Todestag.

„Ich bin menschlich enttäuscht“, sagt Uwe Böhnke, während er mit dem Zapfhahn eine Schaumkrone auf ein frisches Pils tupft. Böhnke, hohe Stirn, Walrossbart, von vielen selbst gedrehten Zigaretten verdunkelte Stimme, ist ein Baum von einem Mann und gewissermaßen Fachmann fürs Menschliche. Er ist der Wirt der „Post“, der einzigen Kneipe in Guttenberg, mittendrin, gleich unterhalb des guttenbergschen Schlosses. Es ist Mittagszeit, am Stammtisch sitzt ein Gast. „Das ist doch an der Sache das eigentlich Schlimme“, sagt Böhnke, „das Menschliche, nicht das Politische. Der Karl-Theodor hat immer sehr viel Wert darauf gelegt, dass er ehrlich und aufrichtig ist. Und so wirkte er auch. Tja?…“

Böhnkes Gast blickt von einer Zeitung auf, die auf vielen Seiten über den Rücktritt Guttenbergs berichtet, und nickt. In dieser Kneipe, in einem mit Krausenvorhang abtrennbaren Raum, halten die Vereine ihre Versammlungen ab, die Feuerwehr, die CSU. Böhnke hat das Podium gestellt, auf dem Guttenberg sich als Politiker ausprobiert hat. Er hat erlebt, wie sich ein CSU-Kandidat für den Landtag vorgestellt hat und auf die kniffligen Fragen doch immer nur der Karl-Theodor geantwortet hat. „Reden konnte der schon immer, da gibt’s mal nüscht“, sagt Böhnke. „Und egal, welche Prominenz hier rumsaß – wenn er reinkam, hat er immer zuerst am Stammtisch Hände geschüttelt.“

Böhnke ist kein enttäuschter Fan und auch kein Eiferer, der eigentlich schon immer gewusst hat, dass so etwas passieren würde. Er ist gewöhnt daran, die Dinge aus einem gewissen Abstand zu betrachten. 1997 zog er nach Guttenberg, seine Frau kommt aus der Region, sie hatten ein schönes Haus gefunden. Für blinde Verehrung fehlt ihm das Talent, vielleicht auch deshalb, weil er aus Berlin stammt, Stadtteil Wedding, nicht unbedingt eine blaublütige Gegend. Er wurde Wirt. Nun ist er ein zugezogener Enttäuschter.

Historische Anschauung in der eigenen Familie

In eine gedankliche Welt aus Anti-Totalitarismus, Musik und Bühnenbild wird Karl-Theodor zu Guttenberg hineingeboren. Karl-Theodors musischer Vater Enoch ist der Enkel eines von den Nazis verfolgten Monarchisten, dessen Bruder im KZ umkommt. Und er ist der Sohn eines so rastlosen wie (nach eigenem Anspruch) letztlich erfolglosen CSU-Außenpolitikers mit umso ausgeprägterem adligem Standesbewusstsein. Enoch heiratet jung, mit 24 Jahren, seine zwanzigjährige Freundin Christiane Gräfin Eltz. Die Ehe hält nur bis 1977, aber die Scheidung verläuft ohne Rosenkrieg. Im Gegenteil, zur zweiten Hochzeit der Mutter 1986 ist auch Enoch eingeladen. Sie wiederum zählt elf Jahre später zu den Gästen, als auch Enoch zum zweiten Mal heiratet.

Karl-Theodors Stiefvater Ribbentrop ist der jüngste Sohn von Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop. Karl-Theodors junge Stiefmutter wiederum, nur zweieinhalb Jahre älter als er, ist die Tochter eines Stalin-treuen italienischen Kommunisten. Eckart Lohse und Markus Wehner haben in ihrer kürzlich erschienenen Guttenberg-Biografie plastisch geschildert, wie dieser Kommunist in Oberbayern zu Grabe getragen wurde: Hammer-und-Sichel-Fahne auf dem Sarg, eine Kapelle spielt die „Internationale“, seine Frau grüßt den Sarg mit erhobener Faust, daneben stehen bayerische Gebirgsschützen. Auf Familienfesten begegnet Karl-Theodors Stiefvater Ribbentrop außerdem noch einem Sohn des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Der Stauffenberg-Sohn ist Karl-Theodors Onkel.

Ist es da, bei solcher historischen Anschauung direkt in der eigenen Familie, ein Wunder, dass der junge Guttenberg womöglich eine Berufung spürt, Bedeutendes leisten zu müssen? Und dass er die Berufung gleichzeitig als Belastung empfinden könnte, unter der er so normal sein und den anderen Menschen so ungezwungen nahe sein will wie nur möglich?

Die Ochsentour machte ihm Spaß

In die CSU trat Guttenberg relativ spät ein. Erst 1998, da war er schon 27 Jahre alt und stand kurz vor dem Ende seines Jura-Studiums. Aber schon damals fiel der junge Mann wichtigen Parteifreunden auf. „Der Name zu Guttenberg war für jemanden, der in der CSU beheimatet ist, schon immer ein Markenzeichen“, sagt Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein. Gemeint war der Großvater, der Außenpolitiker, der Mitbegründer der CSU.

Mit dieser Familiengeschichte im Hintergrund („Auf dieser Klaviatur spielte er“, sagt ein Parteifreund) startete sein Enkel die Parteilaufbahn. Er startete sie unspektakulär, es war die übliche Ochsentour. Teilnahme am Stadtlauf, baden gehen beim Fischerstechen und, wann immer möglich, eine fränkische Bratwurst zur Stärkung. „Auffällig war aber, dass ihm die Ochsentour unglaublich viel Spaß machte. Wo andere Kandidaten sich quälen, ging er mit größtem Vergnügen an die Sache“, sagt Christian Meißner, Landtagsabgeordneter aus dem oberfränkischen Lichtenfels.

Ihn verbindet inzwischen eine Freundschaft mit Guttenberg. Dabei hatte es mit einer politischen Kraftprobe angefangen. Als kurz vor der Bundestagswahl 2002 das Bundestagsmandat der CSU im Wahlkreis Kulmbach vakant wurde, wollte Meißner als Kreisvorsitzender jemand anderes nach Berlin entsenden. Guttenberg aber machte das Rennen. Der junge Adlige im rustikal-ländlichen Wahlkreis hatte keine Berührungsängste, sich unter das Wahlvolk zu mischen. Zusammen mit Meißner entwickelte er die „Wir-sind-an-jedem-Tisch-Methode“. Das heißt, bei jedem Feuerwehr- oder Weinfest stellten die beiden sich systematisch an jedem Tisch bei den Gästen vor.

„Karl-Theodor zu Guttenberg war immer mit großer Emotion bei der Sache“, sagt Henry Schramm, Oberbürgermeister von Kulmbach und treuer Wegegefährte. „Schon als Junger war er eine beeindruckende Persönlichkeit, nie oberflächlich und immer der Sache angetan.“ Später verschaffte er sich Respekt über die Parteigrenzen hinaus, weil er sich bei jedem Ortstermin Notizen machte, wo die Leute der Schuh drückte. Beim Folgebesuch fragte er, was daraus geworden sei.

Diese Nähe zu den normalen Menschen konnte man später, als er Abgeordneter war und dann Minister, auch in der weiten Welt beobachten. Zu einem Abendessen mit einem Berater der damaligen US-Außenministerin, einem Pentagon-Mitarbeiter und einigen weiteren Amerikanern hatte der neue Bundestagsabgeordnete zwei weitere Kollegen mitgebracht. Einer von ihnen sprach kein sehr flüssiges Englisch. Man wird lange suchen müssen, um einen weiteren deutschen Politiker zu finden, der einem Kollegen so elegant und fast fürsorglich über sprachliche Klippen hilft, wie Guttenberg es an dem Abend tat.

Er misstraute dem Berichtswesen der Bundeswehr

Als Verteidigungsminister wiederum gab es, ob in Washington, Peking, Ulan-Bator, Paris oder Taschkent, für seine Delegation stets einen fest reservierten Termin. Wie anstrengend der Tag auch gewesen war, vor dem Zubettgehen lud Guttenberg noch zum Bier an der Hotelbar. Dort war er einfach nur das hemdsärmelige Mitglied einer Reisegruppe, ansprechbar für jeden, ob Bundestagsabgeordneter, Sachbearbeiter oder Journalist. Ohne Dünkel plauderte er über Alltägliches genauso wie über Politisches. Als einmal die Bar im Washingtoner „Park Hyatt Hotel“ um Mitternacht schon geschlossen hatte, besorgte Guttenberg eine Kiste Bier und einen Konferenzraum: Dort öffnete er die Flaschen dann persönlich und verteilte sie an die durstigen Mitreisenden. Zu Bett ging er als einer der Letzten.

Er misstraute dem Berichtswesen der Bundeswehr, bei dem Klagen der Soldaten erst nach 25-facher Gegenzeichnung vorgesetzter Stellen und entsprechend geschönt auf dem Schreibtisch des Ministers landen. Lieber suchte er vor Ort das persönliche Gespräch – und zwar nicht nur mit den Offizieren, sondern vor allem mit den Mannschaftsgraden. Viele Mängel, von denen er dadurch erfuhr, behob er auf dem kleinen Dienstweg per Ministererlass. Wohl noch nie in der Geschichte der Bundeswehr hatten so viele Soldaten die Handynummer ihres obersten Befehlshabers.

Die Universität will sich nicht unter Druck setzen lassen

„Was wollen Sie?“ Rüdiger Bormann steht mit zusammengekniffenen Augen in seinem Büro, Raum 2.05 eines grauen Verwaltungstraktes der Bayreuther Universität, und ist offenkundig nicht erfreut über den plötzlichen Besuch. Ein Mann Ende fünfzig, alles an ihm ist schmal, derzeit ganz besonders die Lippen. Bormann hat einen undankbaren Job. Er ist der Präsident, der Chef einer Universität, von der bis vor wenigen Tagen der überwiegende Teil des Landes kaum mehr wusste, als dass es sie gibt. Nun gibt es eine Affäre um einen zurückgetretenen Minister, und Bormann soll Fragen beantworten, die er noch nicht beantworten kann oder will. Vor allem eine.

Wann wird die Universität geklärt haben, ob Guttenberg bei seiner Doktorarbeit wissentlich getäuscht hat? „Das weiß ich nicht. Das zu prüfen braucht die Zeit. Wir haben uns an Regeln zu halten, auch wenn das manchen Journalisten oder Kollegen nicht gefallen mag. Wir lassen uns nicht unter Druck setzen.“ Der Druck ist groß. Das Land wartet gespannt auf die Antwort aus Bayreuth. Denn sie könnte beeinflussen, ob Guttenberg außer den wissenschaftlichen und den politischen Konsequenzen auch strafrechtliche Folgen zu befürchten hat. Das jedenfalls hat die Staatsanwaltschaft Hof durchblicken lassen. „Wir lassen uns nicht unter Druck setzen“, sagt Bormann noch einmal. „Sie entschuldigen mich jetzt bitte, ich habe noch ein paar wichtige Dinge vorzubereiten.“

In der CSU galt er als Einzelgänger

Bevor Karl-Theodor zu Guttenberg den Präsidenten seiner früheren Universität in diese missliche Lage brachte, hatte auch er Wichtiges zu tun. Als Mitglied des Bundestages wurde „KTG“ von Michael Glos gefördert. Der Wirtschaftsminister Glos verschaffte seinem jungen Parteifreund internationale Unternehmerkontakte. Guttenberg wiederum baute ein internationales Netzwerk auf. So manchem Botschafter wird in Erinnerung geblieben sein, dass er von dem jungen Abgeordnete auf das heimische Schloss eingeladen worden war.

In der CSU-Landesgruppe galt der Baron immer als Einzelgänger, der gern seine eigenen Wege ging – wie Seehofer, der damals noch Agrarminister war. Vielleicht verstanden sich die beiden deshalb schon so früh so gut. 2007 ergriff Guttenberg dann entschlossen die Chance, sich in der CSU bodenfest zu verankern. Der CSU-Vorsitz in Oberfranken wurde frei. Der lang gediente außenpolitisch interessierte Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk wollte die Nachfolge antreten, und auch der gerade vereidigte neue Innenminister Hans-Peter Friedrich war damals im Gespräch. Kurz vor der entscheidenden internen Wahlkampfphase warf Guttenberg den Hut in den Ring.

Die Aufstellungsversammlung in einem Hotel in Weißenstadt am See hatte schon fast Züge einer amerikanischen Wahlkampfveranstaltung. Mit Bussen und großem Hallo reisten seine Fans an. Im Dezember 2007 wurde er gewählt. „Von da an war klar, dass es nach oben geht“, sagt ein Oberfranke.

Der Betrüger-Vorwurf trifft ihn

Die Bestätigung kam dann mit der Berufung zum CSU-Generalsekretär durch den neuen Parteivorsitzenden Seehofer im Oktober 2008. Nach der Legende war „KTG“ zu Hause auf Schloss Guttenberg, als Seehofer seine Entscheidung verkündete, dass er ihn als Generalsekretär berufe. Weil es im abgelegenen Schloss keinen Handyempfang gibt, erfuhr der Nominierte das aus dem Radio. Später bezeichnete Seehofer Guttenberg als „meine Erfindung“. Der reagierte getroffen: „Darüber muss ich mit meinen Eltern reden.“ Günther Beckstein, selbst einst geschasst, hält zwei lange Jahre später weiter zu Guttenberg, trotz dessen Rücktritts von allen Ämtern. „Ich hoffe sehr, dass er wieder zurückkommt. Er hat Fehler gemacht, es war aber auch eine Kampagne, die gegen ihn lief. Vom Alter her hat er noch jede Chance.“

Guttenberg hat seine Popularität genossen und ausgespielt, auch früher schon, auch auf Kosten anderer. München, Anfang Februar, Hotel „Bayerischer Hof“: Samstagnachmittag hat Außenminister Guido Westerwelle während der Sicherheitskonferenz ein Pressestatement zum neuen Raketen-Abrüstungsvertrag zwischen den USA und Russland anberaumt. Guttenberg lässt für denselben Zeitpunkt zu einem Hintergrundgespräch für die deutschen Journalisten einladen.

Als 30, 40 Mann in sein Konferenzzimmer kommen, begrüßt Guttenberg sie sinngemäß mit den Worten: „Wie, will den niemand zu Herrn Westerwelle gehen?“ Nach einer Stunde beendet er das Gespräch mit dem Hinweis, nun müsse sich aber jeder noch darüber informieren, was der Außenminister gesagt habe. So hält er es seit Monaten. Keine Gelegenheit für eine Spitze gegen den Kabinettskollegen wird ausgelassen – jedenfalls seit Guttenberg den Eindruck gewann, das Gerücht, er habe Ostern 2010 nach dem Gefechtstod dreier deutscher Soldaten einen Urlaub in Südafrika nur widerwillig und auf Aufforderung abgebrochen, stamme aus dessen Umfeld. Einem Vertrauten Westerwelles gilt seither sein kaum verhüllter Hass.

Guttenberg kann nachtragend sein. Aber der ehrenrührige Vorwurf, ein williger Blender, Betrüger, ein Selbstinszenierer und Charakterschwein zu sein – der trifft ihn.

Er geht gern Risiken ein

Er ist ein Draufgänger, der gern Risiken eingeht. Als Guttenberg vor einem Jahr die Olympischen Winterspiele in Vancouver besuchte, lud ihn Bobpilot Andre Lange (ein Bundeswehrsoldat) zu einer Fahrt im Eiskanal ein – und empfahl, zur Vorbereitung mal mit einem Eurofighter der Luftwaffe zu fliegen. Die Fliehkräfte im Bob seien vergleichbar. Das ließ sich ein Guttenberg nicht zweimal sagen: Er unterzog sich auf einem Luftwaffenstützpunkt einem Gesundheitstest, ließ sich einen Spezialanzug anpassen (natürlich alles mit Fotografen) und reservierte einen Flugtermin auf dem Fliegerhorst in Rostock-Laage. Offizielle Begründung: „Ich möchte selbst erfahren, welchen ungeheuren Belastungen unsere Piloten tagtäglich ausgesetzt sind.“ In Wahrheit trieb ihn die Abenteuerlust – und die Wette mit Andre Lange, in welchem Gerät die Fliehkräfte denn nun größer sind.

Zu der Aktion wird es durch den Rücktritt nun nicht mehr kommen. Guttenbergs Anhänger sähen es aber gern, wenn die Aktion doch stattfände. Für sie ist die Doktorarbeit ein schwerer Fehler, aber von minderer Schwere als der Verlust des Politikers, auf den sie so große Hoffnungen gesetzt haben.

Parallelen zu Kennedy

In gewisser Weise ähneln sich die nun vorerst zu Ende gehende Guttenberg-Manie und die Kennedy-Manie ab Ende der 50er-Jahre des vorigen Jahrhunderts. John F. Kennedy hatte 1956, vier Jahre vor der Präsidentenwahl, durch sein Buch „Profile der Courage“ politische Statur gewonnen. In dem Buch schilderte der damalige Senator andere Politiker, die um ihrer Überzeugungen willen an wichtigen politischen Entscheidungspunkten ihre eigene Karriere aufs Spiel setzten. Kennedy wollte schon damals Präsident werden, und er erhielt für das Buch den wichtigsten amerikanischen Literatur- und Journalistenpreis, den Pulitzerpreis. In dessen Zulassungsbestimmungen steht der Satz, dass „jede Behauptung fehlender Ehrlichkeit, Genauigkeit oder Fairness“ dem Auswahlgremium anzuzeigen sei.

Ein Jahr später behauptete ein Journalist in einem Fernsehinterview, nicht Kennedy, sondern ein Ghostwriter habe das Buch geschrieben. Die Familie Kennedy drohte dem Sender mit drastisch hohen Schadenersatzforderungen. Der Sender distanzierte sich vom Interview. Damit war Kennedys Präsidenten-Ambition gerettet. Fünfzig Jahre später gestand Kennedys kürzlich verstorbener Vertrauter Ted Sorensen, das Buch nach einer inhaltlichen Vorgabe Kennedys selbst geschrieben zu haben. Dafür hatte er damals von Kennedy ein beträchtliches Honorar erhalten.

Der Pulitzerpreis ist kein Doktorgrad, aber er war für John F. Kennedy ein politischer Vorteil, der sich in Geld kaum aufwiegen ließ. Guttenbergs Doktorgrad hingegen hat für seine Berliner Karriere keine Rolle gespielt. Viele wussten bis zum 15. Februar 2011 nicht einmal, dass er eine Doktorarbeit geschrieben hatte. Ein Täuschungsvorgang, wie ihn Kennedy billigend in Kauf nahm, wäre heute in Deutschland vergleichbar gewesen damit, dass der posenverliebte Karl-Theodor zu Guttenberg sich bei einem gefährlichen Besuch in Afghanistan hätte doubeln lassen – vor einer Bundestagswahl, bei der er, Guttenberg, Bundeskanzler hätte werden wollen.

Seine Anhänger fragen sich durchaus, was aus den USA, aus West-Berlin und aus den politischen Träumen der westlichen Welt geworden wäre, wenn die Amerikaner John F. Kennedy 1958 wegen eines Buches nicht nur den Pulitzerpreis wieder aberkannt, sondern ihn gleich ganz in die Wüste gejagt hätten.

Fluchtpunkt USA?

Guttenberg hat zwei Jahre lang mit einem Irrsinnstempo gearbeitet. Es gab Tage, an denen konnten selbst engste Mitarbeiter ihm nur im Treppenhaus des Ministeriums, immer zwei Stufen auf einmal neben ihm herhastend, wichtige Vorgänge vortragen.

Jetzt, neun Monate vor seinem 40. Geburtstag, ist der hoffnungsvollste Nachwuchspolitiker Deutschlands aus eigenem Verschulden oder Mitverschulden von einem auf den anderen Tag auf null gebremst worden. Es wäre gut für Deutschland, wenn sich erwiese, dass es nun auch ohne einen charismatischen jungen Adligen wieder Zuversicht gewinnt.

In der amerikanischen Südstaatenmetropole Atlanta sorgte gegen Ende der Woche ein Gerücht kurzzeitig für Unruhe: Im Herbst werde der zurückgetretene deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ein Gastsemester an der juristischen Fakultät der Emory University antreten. Die Meldung war eine Ente, ein Gerücht, das allerdings durchaus Sinn macht. Schließlich wäre es nicht das erste Mal, dass die renommierte Privatuniversität ihre Pforten für einen gefallenen Volkshelden aus Deutschland öffnet. Im vergangenen Jahr erst zog die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Margot Käßmann ins Büßerexil nach Atlanta. Da wäre „KTG“, nachdem der „Spiegel“ ihn bereits zum „Doktor der Herzen“ ernannte, doch ein durchaus würdiger Nachfolger.

Auf sehr ernsthafte Weise könnten die USA für Karl-Theodor zu Guttenberg tatsächlich zum vorübergehenden Fluchtpunkt nach der Plagiatsaffäre werden. Das Magazin „Focus“ meldete am Freitag, eine US-Unternehmensberatung habe ihm bereits ein Angebot gemacht. In der Hauptstadt Washington hat sich Guttenberg über viele Jahre einen „sehr starken und sehr positiven“ Ruf erworben, sagte noch vor wenigen Wochen Nicholas Burns im Gespräch mit „Morgenpost Online“.

Burns war amerikanischer Nato-Botschafter in Brüssel, Staatssekretär im State Department und ist heute Professor an der Harvard-Universität. Er sei stets „beeindruckt von der Ernsthaftigkeit und dem Interesse“ gewesen, die Guttenberg für die transatlantischen Beziehungen gezeigt habe. Seit er Bundestagsabgeordneter der CSU wurde, also seit 2002, hatte sich Guttenberg mit großem Eifer in der globalen Sicherheitspolitik umgetan und sorgsam Netzwerkpflege beim amerikanischen Bündnispartner betrieben.

Thomas Kleine-Brockhoff beobachtet Guttenbergs transatlantische Aktivitäten ebenfalls seit vielen Jahren, zunächst als Korrespondent der „Zeit“, heute als Mitarbeiter des German Marshall Fund, einer Denkfabrik. Er zweifelt daran, dass Guttenbergs Ruf am Potomac ungetrübt sei. Mit intensiver Kontaktpflege habe er sich zwar „ein Gewicht in Washington geschaffen, das andere Politiker nicht haben, die so jung sind wie er“. Allerdings, sagt Kleine-Brockhoff, dürfte Guttenbergs einst so guter Ruf durch die „Copy-Paste“-Affäre „fürs erste Schaden genommen haben“. Beim Plagiatsskandal gehe es „um leicht zu verstehende Fragen der persönlichen Glaubwürdigkeit, die im amerikanischen politischen System vielleicht sogar noch eine größere Rolle spielen als in Deutschland“.

Washington ist interessiert an Guttenberg

Amerika hatte freilich schon immer eine Schwäche für reuige Sünder und dramatische Comebacks. Guttenbergs Kontaktfäden, sagt ein anderer Kenner Washingtons, „bleiben stark, sind heute sogar stärker als zuvor, gerade wegen seiner exzellenten Arbeit als Verteidigungsminister“. Das Lob kommt aus dem Munde des ehemaligen Kongressabgeordneten Bill Delahunt, eines strammen Demokraten, Mitglied der Partei Barack Obamas. Delahunt, dreißig Jahre älter als Guttenberg, kennt diesen seit fast einem Jahrzehnt. Der Politveteran aus Boston war ein enger Vertrauter des verstorbenen Senators Ted Kennedy. Der wiederum hatte als Student an der Harvard-Universität einen Kommilitonen beauftragt, an seiner Stelle eine Prüfung abzulegen – und war deshalb zwischenzeitlich von der Uni geflogen. Seiner Popularität schadete das nicht.

Delahunt hatte Guttenberg noch vor der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar Qualitäten bescheinigt, „wie die Menschen sie einst in Präsident John F. Kennedy gesehen haben“ – und ihm eine „große Zukunft in Deutschland“ vorausgesagt.

Der amerikanische Politikberater John Hulsman, der einige Jahre bei der konservativen Heritage Foundation in Washington arbeitete und heute als transatlantischer Experte zwischen Europa und den USA pendelt, ist überrascht von dem Interesse, auf das die Causa Guttenberg in den inneren Zirkeln der amerikanischen Hauptstadt gestoßen ist. „Washington ist ein sehr unsentimentaler Ort. Leute kommen und gehen und sind sofort vergessen.“ Viele seiner Kontakte aber, teilweise sogar aus der Regierung Obama, hätten ihn jedoch nach Guttenbergs Rücktritt angerufen, hätten „die unglaubliche Vergeudung eines großen politischen Talents“ bedauert und gefragt, „wann, nicht ob er zurückkommen wird“.

Was ist es, das seine amerikanischen Freunde so sehr an Karl-Theodor zu Guttenberg schätzen? Der ehemalige US-Diplomat Burns erinnert sich an seine Zeit als Nato-Botschafter in Brüssel, als das deutsch-amerikanische Verhältnis wegen des Irakkriegs in einer tiefen Krise steckte. „In solch politisch heiklen Zeiten ist es besonders wichtig, dass die Kommunikationskanäle offen gehalten werden.“ Guttenberg, der damals einer transatlantischen Arbeitsgruppe angehörte, „war jemand, der das immer und mit Nachdruck getan hat“. Hulsman schätzt an seinem Freund Karl-Theodor dessen „klare politische Positionen, seine tiefe Kenntnis der oft verwirrenden politischen Szene in den USA, seine hervorragenden Kontakte und“ – da bleibt Hulsman gänzlich unbeeindruckt von den Vorwürfen der vergangenen Wochen – „sein hartes, altmodisches Arbeitsethos“. Guttenbergs transatlantische Kontakte seien „das Sicherheitsnetz unter dem Trapez“ – und der Startpunkt für ein Comeback.

Mitarbeit: Peter Issig, Thorsten Jungholt, Katja Ridderbusch