Cybermobbing

Wenn Schüler einander online systematisch fertig machen

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Nicholas Brautlecht

Nach einer Mob-Attacke gegen einen 17-Jährigen in Berlin werden Hetzjagden im Internet neu diskutiert. Rechtlich ist das Problem Cybermobbing kaum zu lösen.

Rund 20 Jugendliche, die einen hilflosen 17-Jährigen bewusstlos prügeln: Mit einer bedrückenden Eskalation von Gewalt ist am vergangenen Wochenende im Berliner Bezirk Wedding zu Ende gegangen, was mit einer Hetzkampagne im Internet begonnen hatte. Auf der Seite isharegossip.com war eine 18-jährige Schülerin über einen längeren Zeitraum auf das Übelste beleidigt worden, Dutzende Schüler hatten sich daran beteiligt. Als der 17-Jährige Bahadir D. den Streit schlichten wollte – mit Worten. Es kam es zur Schlägerei.

In letzter Zeit wurden immer mehr Fälle ähnlichen Zuschnitts bekannt. Die US-Amerikanerin Megan Meier hatte sich 2006 erhängt , nur wenige Wochen vor ihrem 14. Geburtstag. Die Schülerin aus dem US-Bundesstaat Missouri gilt seitdem als eines der bekanntesten Opfer des sogenannten Cybermobbings, von Anfeindungen und übler Nachrede im Netz. Hänseleien an der Schule gibt es, seitdem es Schulen gibt, doch das Internet macht diese für alle sichtbar. Zudem liegt die Hemmschwelle bei Cybermobbing besonders niedrig. Jemanden direkt und persönlich zu demütigen, ihm oder ihr in die Augen zu sehen erfordert Mut, im Internet jemanden anzuschwärzen dagegen kaum. Die meisten bleiben dabei anonym oder denken sich – wie im Fall Megan Meier – ein Pseudonym aus.

Laut einer Studie des Zentrums für empirische pädagogische Forschung an der Universität Landau-Koblenz von 2009 leiden in Deutschland knapp 17 Prozent aller Schüler unter Cybermobbing. Die meisten Opfer klagen darüber, dass sie von Mitschülern in Chatrooms beleidigt werden. Zudem ist der virtuelle Pausenhof ein beliebter Ort, um Gerüchte in die Welt zu setzen. Dass üble Nachrede im Netz schwerwiegende Folgen haben kann, zeigt auch der Fall des 17-Jährigen aus Berlin.

"Es wimmelt von frauenfeindlichen und pornografischen Einträgen“

Das Portal für die Hetzkampagne gegen die 18-jährige Freundin des Berliner Schülers war die Seite isharegossip.com. Die Chatrooms sind nach Schulen aus dem ganzen Bundesgebiet geordnet. In den Foren können Schüler dann anonym Kommentare zu ihren Klassenkameraden abgeben. Die Folgen sind bekannt. Die rechtlichen Mittel dagegen beschränkt.

Eine Behörde, die sich mit Cybermobbing befasst, ist die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Die Vorsitzende Elke Monssen-Engberding sieht die Grenze bei isharegossip überschritten. „Auf der Website wimmelt es von frauenfeindlichen und pornografischen Einträgen“, sagt sie. Ihre Behörde hat die Internetseite auf Antrag des Bundesfamilienministeriums unter die Lupe genommen. Der Versuch, den Betreiber von isharegossip direkt um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen zu bitten, scheiterte – er hat keine Adresse in Deutschland.

Also versuchten Frau Monssen-Engberding und ihre Mitarbeiter es über eine Firma in Stockholm, über deren Server isharegossip läuft. Der sogenannte Host sollte die Bitte um Stellungnahme an die Betreiber weiterleiten. Doch eine Antwort ist unwahrscheinlich. Daher wird die Bundesprüfstelle die Website voraussichtlich auf einen Index setzen.

Im Rahmen einer freiwilligen Vereinbarung mit Suchmaschinenbetreibern wie Google in Deutschland werden Internetseiten, die auf der schwarzen Liste landen, dann nicht mehr als Ergebnis angezeigt. Eltern können auch eine entsprechende Filtersoftware auf ihren Computern installieren, um ihren Kindern den Weg auf umstrittene Websites zu versperren.

„Die Suchmaschinen brauchen in der Regel drei bis vier Tage, um den Neuzugang auf dem Index in ihr System einzuflechten“, sagt Monssen-Engberding. Die Seite komplett zu sperren ist gesetzlich nicht möglich.

Tatverdächtige sind wieder auf freiem Fuß

„Bei Internetseiten, die über einen ausländischen Server laufen, haben wir keine direkten Eingriffsmöglichkeiten“, sagt auch Verena Weigand, Leiterin der Stabsstelle der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM). Die Indizierung solcher Websites erachtet sie aber trotzdem als sinnvoll, weil der Weg junger Internetnutzer zu Websites besonders häufig über Suchmaschinen geht. Die Seite isharegossip.com hat auch Weigands Kommission, die als gemeinsame Stelle der Landesmedienanstalten agiert, als jugendgefährdend eingestuft.

Bei umstrittenen Websites, die über deutsche Server laufen, kann die KJM härter durchgreifen. In der Regel erlässt sie eine Untersagungsverfügung. Eine Reihe von Internetseiten, die sich etwa mit Themen wie Rechtsextremismus und Drogen beschäftigten, sind auf diesem Weg aus dem Netz verbannt worden.

Mit anderen Website-Betreibern dauert der Streit vor Gericht an. Weigand zufolge nimmt das Problem Cybermobbing immer mehr zu. „Sehr häufig ist dabei virtuelles mit realem Mobbing verbunden. Das ist eine zusätzliche Belastung für die Opfer.“

Derweil fordern Eltern die schlichte Abschaltung der Seite isharegossip.com – nicht nur in Berlin. Für den 17-Jährigen Bahadir D. scheint die Sache zunächst einen halbwegs glimpflichen Ausgang genommen zu haben: Er ist inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen worden. Was ihm jedoch in der Schule bevorsteht, ist ungewiss. Bei den Ermittlungen nahm die Polizei am vier Jungen und zwei Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren vorläufig fest. Sie befinden sich inzwischen wieder auf freiem Fuß.