Kindersendung

Die süße Maus, die ihren 40. Geburtstag feiert

Die "Sendung mit der Maus" gilt als Meilenstein der deutschen TV-Pädagogik. Nun wird sie 40 Jahre alt.

Eigentlich ist sie von gestern. So altmodisch wie sonst nichts im deutschen Fernsehen. Sie hat seit Jahrzehnten ihr Outfit nicht geändert. Sie trägt ausschließlich Orange, eine Trendfarbe, die in den Siebzigern mal ihre große Zeit hatte. Sie steht nicht zu ihrer Weiblichkeit oder Männlichkeit. Sie verrät nicht einmal, ob sie das eine oder andere ist. Wir kennen nicht einmal ihren Namen. Sie schweigt. Sie klimpert nur sehr freundlich mit den Augen. Und manchmal nimmt sie ihren Schwanz ab und schließt damit eine Tür auf.

Sie kann sehr lustig sein, die Maus, die seit 40 Jahren jeden Sonntagvormittag im Ersten und auf dem Kinderkanal den kleinen Fernsehzuschauern die großen Fragen des Lebens erklärt. Und wir wissen noch immer nicht sehr viel über ihr Privatleben. Außer dass sie, ebenfalls ganz im Trend vergangener Jahrzehnte, in einer Kommune lebt, mit einem blauen Elefanten und einer gelben Ente. Die Maus ist sympathisch. Aber sie hat auch etwas Distanziertes. Ihr Anblick löst keine „Oh, wie süß!“-Ausrufe aus. Und das ist ganz im Sinne der Erfinder.

Als am 7. März 1971 zum ersten Mal die „Lach- und Sachgeschichten“ in den deutschen Wohnzimmer flimmerten und drei Tage später die Maus in der Sendung ihre Premiere hatte, tauchte auf dem Bildschirm eine Moderator-Figur auf, die ohne viel Schnickschnack glaubwürdig sein sollte, die den Kindern vermittelte, dass sie ernst genommen werden.

Das klingt nach einem einfachen Erfolgsrezept. Und ist doch das Schwierigste, was Fernsehmacher sich vornehmen können. Dem „Maus“-Team gelingt es. Und es ist mehr als beachtlich, was sie den kleinen Zuschauern so alles erklären. Schließlich müssen sie die komplizierten Zusammenhänge ja selbst erst mal begreifen und sie dann so aufbereiten, dass auch ein Vorschulkind nicht nur versteht, wie die Streifen in die Zahnpasta kommen oder das Klopapier auf die Rolle, sondern auch, wie ein Airbus entsteht und warum Atommüll strahlt.

Konstante 1,6 Millionen Zuschauer

Kein Wunder, dass die lehrreiche Sendung nicht nur Kinder fasziniert. Laut WDR, der den TV-Klassiker ins Leben gerufen hat, liegt das Durchschnittsalter der rund 1,6 Millionen Zuschauer, die am Sonntag die „Sendung mit der Maus“ einschalten, bei 40 Jahren. Das hat nicht nur damit zu tun, dass sich die Großen an ihre Kindheit erinnern, sondern auch mit dem breiten Wissensspektrum, das hier vermittelt wird und für das die Sendung mehr als 100 Auszeichnungen bekommen hat. 2522 Sachgeschichten liegen im WDR-Archiv. Zu den herausragenden Beiträgen gehörten die Themenschwerpunkte „Rom“ und „Nachkriegszeit“.

Dass Lernen umso leichter geht, je mehr Spaß dabei ist, gehört zu den Binsenweisheiten der modernen Pädagogik. Die „Sendung mit der Maus“ verwirklicht sie in ihren Lachgeschichten mit Niveau. Da macht nicht nur die Maus mit dem kleinen blauen Elefanten und der gelben Ente Quatsch. Da sorgen auch „Der Kleine Maulwurf“, „Eisbär Lars“ oder „Käpt’n Blaubär“ zwischendurch für Unterhaltung. Und natürlich „Shaun das Schaf“ von den Machern von „Wallace & Gromit“.

Aber auch die 1971 von Hans Possegga komponierte Titelmusik hat mittlerweile Kultcharakter. Stefan Raab hat 1996 die Melodie mit seinem Song „Hier kommt die Maus“ sogar auf Platz zwei der deutschen Charts gebracht.

Seit 2006 hat die Maus auch die beste Sendezeit am Sonnabendabend erobert. Seitdem konfrontiert die ARD-Unterhaltungsshow „Frag doch mal die Maus“ Prominente mit kniffeligen Kinderfragen. Am kommenden Sonntag, den 13.?März, feiert die Maus erst mal zur üblichen Sendezeit um 11.30 Uhr Geburtstag, und zwar gleich eine ganze Stunde lang.

Noch immer Geist steht sie für den Geist der 68er

Gezeichnet wurde die Maus von der Künstlerin Isolde Schmitt-Menzel. Entwickelt wurde die Sendung von Dieter Saldecki, Gert Kaspar Müntefering und Armin Maiwald. Letzterer ist mittlerweile 71 und gehört immer noch zum Team der drei Sachgeschichten-Macher, das Christoph Biemann (58) und Ralph Caspers (39) komplett machen. Am Anfang musste sich der WDR für „Die Sendung mit der Maus“ sogar ganz schön viel Kritik gefallen lassen. Pädagogen vermissten das Konzept. Schwerer wog der Vorwurf, antikapitalistische Propaganda zu betreiben. 1973 beschuldigte das Deutsche Industrieinstitut die Maus, ein unternehmerfeindliches Bild zu verbreiten.

Tatsächlich ist die Maus aus dem Geist der 68er entstanden. Kinder von sogenannten Gastarbeitern wurden bewusst mit einbezogen, indem der Vorspann auf Italienisch, Türkisch oder Spanisch gesprochen wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Kindersendungen sollte hier keine heile Welt vorgegaukelt werden. Aber es ging auch nicht darum, Pessimismus zu verbreiten. Die Welt ist kompliziert, so die Botschaft. Aber es gibt für alles eine Lösung. Man muss nur neugierig bleiben, die richtigen Fragen stellen.

Ganz im Sinne der anderen wichtigen Kindersendung, die damals in das deutsche Fernsehen kam, der „Sesamstraße“, in deren Erkennungslied geträllert wurde: „Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm“. Und dumm bleiben sollte in jenen bildungsreformerischen Zeiten zum Glück keiner mehr.

Heute ist die Maus die vielleicht wertekonservativste Figur des deutschen Fernsehens. Die Fragen, die in ihrer Sendung beantwortet werden, können noch so schwer sein – die Maus bleibt besonnen. Schnelllebigkeit ist ihr ebenso fremd wie Oberflächlichkeit. Und sie hat sogar einen echten Doktortitel. 1997 verlieh ihr die Universität Essen für ihre „interkulturelle Vermittlungsleistung“ den Doktor humoris causa.