"The Tourist"

Angelina Jolies Schönheit bleibt reine Oberfläche

Heute Abend hat "The Tourist" in Berlin Europa-Premiere: Doch hat Florian Henckel von Donnersmarck Grund zum Feiern?

Seit Menschengedenken hat kein deutscher Regisseur bei seiner Ankunft in Hollywood ein derart riesiges Spielzeug in die Hand gedrückt bekommen wie Florian Henckel von Donnersmarck. 100 Millionen Dollar für "The Tourist", mit Angelina Jolie und Johnny Depp die beiden größten Stars, die das Kino zu bieten hat und die bei ihm erstmals zusammen auf der Leinwand stehen.

Solch luxuriöse rote Teppiche hat man Wolfgang Petersen nicht ausgerollt und Roland Emmerich nicht und Helmut Käutner nicht. Man muss da schon in die 20-er zurückdenken, als Hollywood Ernst Lubitsch und Friedrich Wilhelm Murnau lockte und Josef von Sternberg Marlene Dietrich samt seinem falschen Adelstitel mitbrachte.

Letzterer ist bei Donnersmarck zweifelsohne echt, mag in seinem zweiten Film – es ist nach dem "Leben der Anderen" ja erst der zweite! – auch viel falsch sein. "The Tourist" ist eines jener Hollywood-Remakes, die darauf spekulieren, dass man das Original nicht gesehen hat.

Die stammen aus Frankreich, Korea oder Dänemark – Länder, in denen die Traumfabrik gern Stoffe kauft und neu inszeniert, massenkompatibel, starbesetzt und mit eingebautem Gähnreiz.

Jolies Charakter – flach wie eine Plakatwand

Den "Tourist" gab es vor fünf Jahren schon einmal, und er hieß "Anthony Zimmer". Sophie Marceau war Angelina Jolie, die elegante Frau mit einem Geheimnis, die von der Polizei beschattet wird, weil sie die Geliebte eines unauffindbaren Millionendiebes ist. Yvan Attal war Johnny Depp als nichtsahnender Tourist, an den sie sich im Zug nach Venedig heranmacht, um die Verfolger abzulenken, und der überhaupt nicht weiß, warum ihm so viel Schönes geschieht.

"Anthony Zimmer" beginnt mit einem Blick auf die Beine von Sophie Marceau, und dort bleibt die Kamera erst einmal, während sie in ein Café stöckeln und sich niederlassen. Selbst wenn Marceau die Bestellung aufgibt und von einem Boten einen Brief bekommt und den dann verbrennt - man sieht lange nicht ihr Gesicht. So baut man mit filmischen Mitteln ein Geheimnis auf.

In "The Tourist" sehen wir sofort, dass es sich um Angelina Jolie handelt, die schönste Frau der Welt. Zu Beginn wagt die Kamera es noch, ihr auf den Po zu schielen, und einer der Überwachungstechniker fragt, ob sie einen Slip trägt. Doch je länger der Film dauert, desto ehrfürchtiger nähert sich der Kamerablick ihrem Kopf, oft aus bewundernder Untersicht auf ihre vollen Lippen, ihre markanten Backenknochen.

Wenn man in 25 Jahren auf die Karriere der Angelina Jolie zurückblickt, dann kann man sich vorzüglich im "Touristen" bedienen, um ihre überirdische Schönheit zu illustrieren. Das ist allerdings ein zweischneidiges Kompliment an den Film, denn diese Schönheit wirkt wie von Werbungsplakatwänden herabgestiegen: Sie hat kaum Erotik und keinerlei Esprit. Das Geheimnis ist reine Oberfläche, hinter der Behauptung verbirgt sich ein Nichts.

Venedig spielt die zweite Hauptrolle

Derjenige, dessen Aufgabe es wäre, das Geheimnis zu entschleiern, darf nichts dafür tun. Die klare Aufgabenverteilung in "The Tourist" besteht darin, dass Angelina wissend über den Dingen steht und Johnny täppisch über die Dinge fällt.

Von Ebenbürtigkeit, aus der erotisches Knistern erst entsteht, keine Spur, von Seelenverwandtschaft, die ein Hinwerfen verbaler Fehdehandschuhe erst ermöglicht, nichts zu bemerken. Depp stolziert lieber über Dachfirste und schubst Polizisten in die Lagune.

Eigentlich spielt er sogar nur die dritte Hauptrolle, denn er muss einer zweiten Schönheit den Vortritt lassen, dem Handlungsort Venedig, den Donnersmarck mit dem gleichen jubelnden Enthusiasmus in Szene setzt wie Ihre Hübschheit Jolie.

Auf den Kanälen von Venedig ist nicht "Über den Dächern von Nizza". Alle Beteiligten geben einander Rätsel auf, aber es kommt nicht "Charade" heraus. Und Florian Henckel von Donnersmarck ist nicht Alfred Hitchcock oder Stanley Donen.

Er hat einen im Prinzip klugen Schritt unternommen, nämlich sich nicht gleich nach seiner Ankunft in Hollywood in die Nische des grüblerischen Autorenfilmers drängen zu lassen – aber aus der leichten Hand, mit den er den "Touristen" auf die Leinwand zu zaubern gedachte, ist eine hohle Hand geworden, eine leblose. Und dann, am Ende, zelebriert "The Tourist" auch noch den "Überraschungs"-Coup, von dem man die ganze Zeit befürchtet, dass er eintritt.