Dieselskandal

Neue Abgas-Tests machen Hoffnung für den Dieselantrieb

Stickoxid-Werte neuer Selbstzünder liegen unterhalb der Euro-6d-temp-Norm. Zulieferer Bosch präsentiert eine innovative Abgastechnik.

Bosch will die Abgasreinigung noch weiter optimiert haben.

Bosch will die Abgasreinigung noch weiter optimiert haben.

Foto: -- / Werk

München.  Zurzeit richten sich die Blicke der Autobranche nach Peking, wo bei der dortigen Automesse vor allem Elektromobile im Vordergrund stehen. Ben­ziner oder gar Diesel sind dort kein großes Thema mehr, da sich der Markt rasant in Richtung Stromer entwickelt. Ist der Verbrenner also schon komplett erledigt? Nicht unbedingt. Denn Hersteller wie Zulieferer zeigen neuerdings, dass sie durchaus in der Lage sind, schärfere Abgasgrenzwerte ein­zuhalten. Und damit ist zumindest in Deutschland, das in Sachen Elektromobilität noch nicht so konsequent agiert wie das smoggeplagte China, zumindest etwas Zeit zu gewinnen.

Eine wirkungsvolle Abgasreinigung ist möglich

Wer heute einen neuen Diesel kauft, sollte unbedingt darauf achten, dass dieser die Abgasnorm Euro 6d-temp erfüllt. Bei einem Test des ADAC blieben solche Pkw auch im realen Straßenverkehr unterhalb der gesetzlichen Grenzwerte für Stickoxid.

Drei Diesel-Pkw mit den aktuellsten Abgasreinigungssystemen hat der Autoclub im Rahmen seiner permanent durchgeführten „Eco-Tests“ überprüft: den BMW X2 20d, den Peugeot 308 SW BlueHDI 180 und den Volvo XC60 D5 AWD.

Alle Fahrzeuge waren mit Automatikgetriebe ausgestattet. Ergebnis: Bei BMW und Peugeot lag der NOx-Ausstoß im öffentlichen Straßenverkehr unterhalb der auf dem Prüfstand vorgeschriebenen 80 Milligramm pro Kilometer.

Der Volvo riss die Marke mit 93 Milligramm knapp, bleibt aber klar unterhalb des erlaubten Straßen-Maximalwerts. Mit Autobahngeschwindigkeit fiel das Schweden-SUV allerdings durch einen deutlich erhöhten NOx-Ausstoß von 239 Milligramm auf, wohl nicht zuletzt eine Folge seines hohen Gewichts.

Volvo bietet nur noch Neufahrzeuge, die die Abgasnorm einhalten

Der Test unterstreicht, dass eine wirkungsvolle Abgasreinigung bei Diesel-Pkw möglich ist. Und dass sie bei den neuen Euro-6d-temp-Modellen offenbar zum Einsatz kommt. Allerdings erfüllen längst nicht alle in Deutschland verkauften Diesel-Neuwagen die Vorgaben der Abgasnorm, da sie für viele Autos erst im kommenden Jahr verpflichtend wird.

Diesel-Fahrverbote – Aus diesen Gründen besteht Handlungsbedarf

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Nur Volvo bietet nach eigenen Angaben „ab sofort“ und damit als erster Autohersteller ausschließlich Neu­fahrzeuge an, die die strengste Abgasnorm einhalten. Alle jetzt bestellten Neuwagen mit Dieselmotor erfüllen dank eines serienmäßigen SCR-Katalysators die NOx-Vorgaben von Euro 6d-temp, in den Benzinern sorgen Partikelfilter für rußarmes Abgas. Die neueste Stufe der Euro-6-Norm ist seit Herbst 2017 für neu in den Markt gebrachte Pkw-Typen in Kraft, sämtliche neu zugelassenen Fahrzeuge müssen sie ab September 2019 erfüllen.

Aufhorchen ließ diese Woche auch der weltgrößte Autozulieferer Bosch, der den Diesel mittelfristig noch nicht aufgeben will. Eine neu entwickelte ­Abgastechnik soll den Antrieb vor dem Niedergang bewahren und dem ­Konzern einen wichtigen Geschäftsbereich für die ­Zukunft sichern. „Das Stickoxid-Problem im Straßenverkehr ist technisch lösbar“, sagte der Vorsitzende der Bosch-Geschäftsführung, Volkmar Denner.

Auch Elektroantrieb sollte kritischer betrachtet werden

Der Konzern verspricht, mit seinem neuen System den Stickoxid-Ausstoß des Antriebs auch im Realbetrieb weit unter aktuellen und künftigen Grenzwerten halten zu können. Die Technik sei laut Denner so weit ausgereift, dass sie sofort in die Serienentwicklung der Hersteller einfließen könne. Teurer als ein normaler Diesel soll sie nicht sein, Verbrauch und Leistung nur minimal beeinflussen und zudem unabhängig von äußeren Umständen wie Fahrstil, Streckenprofil und Temperatur funktionieren.

Dieselfahrzeuge dürfen derzeit im Realbetrieb noch 168 Milligramm Stickoxid pro Kilometer ausstoßen, 2020 soll der Grenzwert auf 120 Milligramm sinken. Bosch schaffe nun im Schnitt 13, sagte Denner. Wie genau das geht, dazu verweist der Konzern auf eine Kombination aus neu entwickelter Einspritz-Technik, Temperaturmanagement im Motor, Luftsystem und dem Einsatz künstlicher Intelligenz. Denner zeigte sich überzeugt, die Debatte über das Aus für den Diesel damit beenden zu können. Zudem plädierte er dafür, die Umweltbilanz auch von Elektroautos kritischer zu sehen.

Besitzer älterer Diesel profitieren davon nicht mehr

Der Haken: Bosch verkauft keine kompletten Motoren, die sich mal eben einbauen ließen. Und eine Möglichkeit zur Nachrüstung älterer Diesel ist die neue Technik auch nicht. Selbst wenn sie also sofort verfügbar ist, müssten Hersteller sie erst in ihre Motoren­entwicklung integrieren – was Jahre dauern könnte. Auch die Autohersteller verweisen darauf, dass der technische Fortschritt mit den aktuellen, saubereren Motoren, die die Grenzwerte einhalten, das Stickoxid-Problem des Diesels letztlich lösen wird. Besitzern älterer Diesel, die sich von Fahrverboten bedroht sehen, hilft das selbstverständlich nichts. Sie bräuchten ein neues Auto.

Für Bosch ist die Dieseltechnik ein wichtiges Standbein innerhalb des Konzernbereichs Auto und Mobilität, der fast die Hälfte des Gesamtumsatzes ausmacht. Insgesamt hatte Bosch im Jahr 2017 bei einem Umsatz von 78,1 Milliarden Euro (+ 6,8 Prozent) ein operatives Ergebnis von 5,3 Milliarden Euro (+ 17 Prozent) – beides sind die höchsten Werte der Geschichte.

Aus dem Dieselskandal um manipulierte Abgasreinigungssysteme, in dem auch Bosch als Zulieferer im Visier der Ermittler steht, zieht Denner Konsequenzen. Ein neuer Kodex verbietet den Entwicklern künftig den Einbau von Funktionen, die Testzyklen erkennen und die Technik für Tests anders einstellen als im Normalbetrieb – egal, was die Kunden verlangen. „Im Zweifel haben die Bosch-Werte Vorrang vor Kundenwünschen“, sagte Denner.

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