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Die tiefe Leidenschaft eines US-Sammlers für Porsche 911

Magnus Walker widmet sich seit Jahren der Restauration und Personalisierung historischer Porsche – in seinem ganz speziellen Stil.

Porsche-Sammler Magnus Walker in seiner Garage in Los Angeles.

Porsche-Sammler Magnus Walker in seiner Garage in Los Angeles.

Foto: HF

Los Angeles.  Ein rostiges Tor zwischen zwei Backsteingebäuden, in einer heruntergekommen Gegend in Downtown Los Angeles. Wer würde hier eine exklusive Sammlung historischer Porsche erwarten? Zu Fuß kommt Magnus Walker angeschlendert, einen großen Coffee-to-go in der Hand. Auch ihn erkennt man nicht auf den ersten Blick als einen Mann mit ungefähr 20 Porsche-Preziosen in der Garage. Übrigens auch nicht auf den zweiten oder dritten Blick – aber das ist etwas, das seine Bekanntheit und den Marktwert seiner Autos eher noch steigert.

Walker trägt an diesem Tag ein ­abgetragenes T-Shirt über einem bis zu den Ellenbogen hochgeschobenen Longsleeve, sodass seine tätowierten Arme zu sehen sind, enge Jeans und leicht staubige Doc-Martens-Schuhe. Das alles sieht man aber frühestens auf den zweiten Blick, wenn man nicht mehr fasziniert auf seine Haare starren muss: Dreadlocks, von denen einige bis zur Hüfte reichen, und ein langer Zottelbart. Wenn man das Wort „unangepasst“ bebildern müsste, wäre er die perfekte Besetzung. Allerdings auch fast für „verwahrlost“.

Sein Aussehen ist zur Marke geworden

Wer den 50-Jährigen darauf allerdings beschränkt, hat ihn unterschätzt. Mit seiner unangepassten Haltung hat es der britische Junge aus kleinen Verhältnissen in Amerika zu einem erfolgreichen Klamottenlabel („Serious Clo­thing“, mittlerweile geschlossen) und einer renovierten Lagerhaus-Landschaft gebracht, die heute als Film­location vermietet wird.

Längst ist sein Aussehen zur Marke geworden, hat einen hohen Wiedererkennungswert. Womöglich sogar in Deutschland, wo jüngst seine Biografie erschienen ist, die „Urban Outlaw“ heißt, „Gesetzloser“, so wie er selbst seit einigen Jahren genannt wird und wie unter anderem auch sein Fanartikel-Label sowie einige von ihm gestaltete Felgen heißen.

Dass er aus seinem Ruhm Kapital schlagen würde, kann man allerdings auch nicht behaupten. Mit der Ver­mietung seines Lagerhauses im Art District in Downtown Los Angeles kommt das Geld rein, Walker widmet sich seit vielen Jahren der Restauration und Personalisierung historischer Porsche in seinem ganz speziellen Stil.

Allerdings nur zum Spaß und nicht zum Geldverdienen: Den letzten Magnus-Walker-Porsche verkaufte er vor vier Jahren auf einer Auktion – für etwa das Dreifache, was das gleiche Modell im restaurierten Zustand normaler­weise wert gewesen wäre. Während die allermeisten anderen Sammler histo­rischer Porsche bei einer Restauration häufig viel Geld und womöglich auch Nerven investieren, damit ihr Schmuckstück so nah wie möglich in den Originalzustand versetzt wird, ist das Walker offensichtlich völlig egal.

Der Alltagswagen Beispielhaft für diese Haltung ist schon der erste Porsche, der uns in den Weg kommt, sein Alltagsauto: Im Hof steht ein staubiger silberner 924 Turbo aus dem Jahr 1980, Walker hat ihn vor drei Jahren für 4500 Dollar erstanden. „So wenig habe ich noch nie für ein Auto bezahlt, das noch fährt.“ Und wie viel hat er dann noch reingesteckt? „Nichts.“

Okay, aber was musste denn noch daran gemacht werden? Er guckt, als hätte er diese Frage nicht verstanden: „Nichts.“ Und so sieht der 924er dann auch aus: Die ­Felgen haben ebenso Macken wie die Stoßstange, der Lack ist auch nicht mehr ganz frisch. „Ich mache mir keine Gedanken darüber, wenn Dinge nicht perfekt sind“, sagt Walker. „Er ist eben ein cooles Auto zum Fahren.“

Das Lieblingsauto Das gilt auch insbesondere für den „277“ – sein wohl ­bekanntester Elfer ist auch Walkers liebster: Der weiß-rote 71er 911T mit der Startnummer 277 auf der Haube und an den Seiten. Es ist der zweite Porsche, den er jemals gekauft hat, das war 1999 für 7500 Dollar. Walker modifizierte ihn mit RS-Verbreiterungen und Entenschwanz, optimierte ihn in Sachen Aufhängung und Bremsen für die Renn­strecke.

Das Auto hatte bereits vier Motoren im Heck, gebrauchte Triebwerke mit 2,7 oder 2,6 Liter Hubraum, derzeit letzteren mit 230 PS. „Es ist das Auto, mit dem ich mich am wohlsten fühle – aber es ist eigentlich nichts Besonderes.“ Seinen exzessiven Gebrauch, auch auf Track-Days, sieht man „277“ an, nicht zuletzt an dem völlig abgewetzten Sportsitz auf der Fahrerseite.

Der „gesetzloseste“ 911 Der „Outlaw“-Porsche schlechthin in der Sammlung ist ein schiefergrauer 964 – der allerdings weniger rebellisch aussieht, als es sich anhört – er ist einfach nur sehr anders. „Die DNA ist intakt, alles andere habe ich geändert“, sagt Walker. Und so ist der 911 von Anfang der 90er zwar ­sofort als Elfer zu erkennen, aber nicht nur dem Experten fallen die Veränderungen auf. Der Wagenaufbau ist komplett abgerundet, die Blinker sind einzeln in die Karosserie eingelassen, es gibt Lüftungsschlitze auf den Kotflügeln, und eine breite Kontur führt – wie ein Rallyestreifen, nur als Sicke – von der Haube über das Dach und den ebenfalls neuen Entenschwanz.

„Vier Monate haben die Karosseriearbeiten gedauert“, erzählt Walker. Auch Bremsen, Aufhängung und Motor sind neu. Was dieser Komplett-Umbau gekostet hat? Er weiß es nicht, hat es sich nicht auf­geschrieben. „Natürlich könnte ich eine Serie von fünf oder zehn Exemplaren machen und sie dann verkaufen. Aber dann hätte ich keine Zeit für andere ­Sachen“, so Walker. „Ich bin 50 geworden, es geht mir mehr darum, das Leben zu genießen.“

Das aktuelle Projekt Aufgebockt steht im Erdgeschoss ein 76er Carrera, der möglicherweise in den nächsten drei Monaten fertig sein könnte („Ich plane das nicht.“). Mit fast kindlicher Freude lässt er seine Besucher rätseln, was an dem Auto so besonders sein könnte. „Ich wusste selbst nicht, dass es ihn gibt.“ Er deutet auf den neben der Karosserie liegenden Motor: „Das ist ein 2,7-Liter-Einspritzer, vom Vorgänger übrig geblieben. In dieser Kombination wurden insgesamt nur 113 gebaut, „das ist der älteste Überlebende“. Dieser besondere 911 bekommt nur eine mechanische Auffrischung, Rost und Macken sollen bleiben. Er wird Walkers neues Alltagsauto.

Der heilige Gral Hinten in seiner ­Garage, hinter drei Reihen 911, gibt es noch ein Tor. Dahinter liegt ein Raum, den laut Walker sonst kaum jemand Fremdes betritt. Unter einer Plane steht hier, was der Sammler seinen „heiligen Gral“ nennt: Es ist ein weißer 911 Baujahr 1964, das erste Baujahr des Elfers.

Als er anfing zu sammeln, war ­Walkers Ziel, einen 911 aus jedem Jahr von 1964 bis 1973 zu besitzen. „Ich habe ihn gekauft, bevor die Preise verrückt wurden“, sagt Walker. Der 64er hier ist seit mehreren Jahren unberührt. „Es ist ein großes, wichtiges Projekt, braucht viel Aufmerksamkeit und Zeit“, die habe er noch nicht gehabt.

Und was hat er vor, wird das auch ein Outlaw-Auto? Sein Blick ist fast schon entsetzt: „Ich bin doch nicht so verrückt, dass ich dieses Auto tunen würde!“

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