Auf sechs Rädern

Mit dem Mercedes G 63 AMG 6X6 durch die Wüste

Er ist ein Spielzeug für Reiche: Mit dem Mercedes G 63 AMG 6x6 wird selbst die größte Sandwüste zum kleinen Sandkasten.

Foto: Daimler AG

Ein ohrenbetäubendes Brüllen liegt in der Luft, der Boden vibriert, der Sand brennt in den Augen: Meterhoch türmen sich die braunen Wolken.

Erst als der Lärm abnimmt, lässt auch der Sandsturm nach, die Wolken lichten sich und geben den Blick frei auf einen Geländewagen, wie man ihn selbst hier in Dubai noch nicht gesehen hat: Groß wie ein Unimog, stark wie ein Sportwagen und so trittsicher wie ein Panzer. Ein G 63 AMG, den Mercedes zum Pick-up mit drei Achsen umgebaut hat, wühlt sich durch die Dünen.

Mit heulendem Motor auf die Düne

Am Steuer sitzt Testfahrer Erwin Monisch. Immer wieder steigt er mit seinen groben Stiefeln auf das breite Gaspedal, lässt den 5,5 Liter großen V8-Motor aus Affalterbach aufheulen und treibt den sechs Meter langen Koloss mit 544 PS und 760 Newtonmeter (Nm) die nächste Düne hinauf.

Wie vom Katapult geschossen, stampft der knapp vier Tonnen schwere Geländegigant durch den Sand, reckt die Nase in den Himmel und springt über die Kuppen. Dann reißt Monisch kurz am Lenkrad, gibt dem Motor noch einen Gasstoß und freut sich wie ein Kind, wenn der Koloss zu driften beginnt, bis die mit Bambusholz ausgeschlagene Ladefläche quer im Außenspiegel auftaucht und eine neue Sandfontäne den Himmel verdunkelt.

„Wüsten-Funcar“ für die Scheichs

„Heißa, da kommt Freude auf“, ruft der Österreicher und bestätigt damit den Projektnamen „Wüsten-Funcar“. Zwar macht sich bei Mercedes niemand erst die Mühe, diesem Fahrzeug irgendeinen Sinn zu geben. Doch eine Berechtigung hat es allemal, sagt Monisch. „Gerade hier in der Golfregion gibt es viele im doppelten Sinne betuchte Kunden, die ständig auf der Suche nach einem neuen Spielzeug sind. Und wir sind wir für sie einer der beliebtesten Spielzeughersteller.“

Hier in den Dünen vor den Toren von Dubai sind die beiden Showcars des G 63 AMG 6x6 im luxuriösen AMG-Trimm vor allem riesige Spaßmobile für Reiche. Und Axel Harries, der die Entwicklung der G-Klasse verantwortet, lässt keinen Zweifel daran, dass sie in Graz bald mit der Produktion einer Kleinserie beginnen werden, die mit einem Schätzpreis von 350.000 Euro aufwärts das Zeug zum teuersten Mercedes im Modellprogramm hat.

„Zumindest mit Verbrennungsmotor, denn alle anderen Autos außer dem gut 400.000 Euro teuren SLS electric drive werden wir weit hinter uns lassen.“

Modell basiert auf Militärfahrzeug

Genau wie die Geschichte der G-Klasse einmal als Militärfahrzeug begonnen hat, geht auch der Dreiachser auf eine Armee-Bestellung zurück: 2000 solcher Pritschenwagen – schwächer motorisiert und bescheidener ausgestattet – baut Daimler bis 2015 für die Australier. Und seit es für einen Nato-Partner in Nordeuropa auch eine Version als Linkslenker gibt, spukt die Idee vom potenten Wüstenschiff durch ihre Köpfe, erzählt Harries.

Während das Interieur mit den vier bequemen Einzelsitzen in der verlängerten Kabine sehr luxuriös ist, arbeitet unter dem Blech weiterhin Militärtechnik. Obwohl schon das normale G-Modell kaum eine Grenze kennt, kommt der 6x6 mit 50 Prozent mehr Traktion und 100 Prozent mehr Bodenfreiheit noch viel weiter.

Möglich machen das vor allem die Portalachsen. Sie enden nicht in der Nabe der riesigen 37-Zoll-Räder, sondern in einem Getriebe, mit dem die Kraft auf einen zweiten, etwa 20 Zentimeter tiefer montierten Achsstummel umgelenkt wird. Ohne dass am Auto selbst etwas verändert werden müsste, wächst die Bodenfreiheit so von 21 auf 46 Zentimeter, die Watttiefe steigt auf einen glatten Meter, und Testfahrer Monisch braucht zum Einsteigen fast eine Leiter, weil das Trittbrett nun 70 Zentimeter über dem Boden schwebt.

Sechs Plattfüße auf Knopfdruck

Die Portalachsen sind aber nur die halbe Miete. Den Rest beim Ritt durch die Wüste erledigt eine Reifendruck-Regelanlage. Weil man mit dem normalen Druck in den riesigen Gummiwalzen tief im Sand versinken würde, lassen erfahrene Wüstenfahrer erst einmal Luft ab.

An Stellen, an denen andere vorsichtshalber aussteigen und ums Auto laufen müssen, genügt Monisch ein Druck auf die gelben Knöpfe vor dem Rückspiegel: Es zischt kurz, dann sackt der 6x6 ein paar Zentimeter ab und steht da, als hätte er sechs Plattfüße. So wächst die Aufstandsfläche der Reifen auf ein Vielfaches und der Viertonner lastet nicht stärker auf dem Sand als der Fußabdruck eines Erwachsenen, erläutert der Testfahrer.

Damit ihm der Gummi bei seinen Pirouetten im Sand nicht von der Felge springt, sind die Reifen aufwendig gesichert. Allein 18 Schrauben halten den Ring, der außen auf der Felge befestigt wurde, und innen gibt es eine weitere Klemme.

Kompressor per Knopfdruck

Am Ende der Sandpartie macht der Cheftester seinen Wagen wieder fit für die Straße. Während andere Wüstenfahrzeuge erst einmal eine Tankstelle aufsuchen müssen, genügt im 6x6 wieder ein Knopfdruck: Schon vor der letzten Düne hat Monisch den Kompressor eingeschaltet.

In zwei, drei Minuten hat der die vier 20-Liter-Flaschen in den Radkästen mit einem Druck von acht bar gefüllt. Und kaum hat der Wagen Asphalt unter den Rädern, geht die Hand des Testfahrers wieder an den Dachhimmel. Erneut hört man es kurz zischen. Der eben noch so schwammige SUV-Gigant versteift sich, und binnen 20 Sekunden zeigen die beiden Manometer neben den Schaltern wieder den korrekten Reifendruck an.

Der Dreiachser markiert den Höhepunkt einer Laufbahn, die vor mehr als 30 Jahren begonnen hat. Schließlich wird die G-Klasse seit 1979 – zumindest optisch – nahezu unverändert gebaut. Seitdem fährt sie nicht nur für knapp drei Dutzend Armeen und Hunderte Hilfsorganisationen. Sondern vor allem ist sie zum urigen Lifestyle-Fahrzeug geworden, das aus der Flut der neumodischen SUV heraussticht.

G-Klasse hat immer mehr Kunden

So hat sich die G-Klasse über die Dekaden gerettet und immer mehr Kunden gefunden: „Nach 34 Jahren haben wir im vergangenen Jahr mit 9000 Exemplaren das beste Verkaufsergebnis in der Geschichte der Baureihe erzielt“, sagt Baureihenchef Harries. Und ein Ende sei nicht abzusehen.

Im Gegenteil: 2012 haben sie in Graz sogar eine zweite Schicht eingeführt, in diesem Sommer wird die Fabrik modernisiert, und für die nächsten Jahre gibt Harries dem Unikat sogar eine Bestandsgarantie. „Wir produzieren mit offenem Ende“, sagt der Projektleiter. „Bis 2023 ist die G-Klasse in unserer Strategischen Produktplanung festgeschrieben. Dieses Datum nennen wir aber nur deshalb, weil unser Plan lediglich zehn Jahr weit reicht.“

Obwohl man den G 63 AMG 6x6 noch lange nicht kaufen kann, ist der Wagen von Monisch bereits ganz schön rumgekommen: Fast 23.000 Kilometer hat die G-Klasse schon auf dem Tacho, und die meiste Zeit saß der Cheftester selbst am Steuer. Doch die vielleicht wichtigste Strecke hat er mit dem Giganten noch nicht gewagt: den Schökl.

Der Aufstieg zum Grazer Hausberg ist der Prüfstein für jede G-Klasse. Ein Auto, das da nicht hinauf kommt, hat das G nicht verdient, sagt Monisch. Obwohl der 6x6 eigentlich ein bisschen breit für die enge Kletterpartie ist, will er es demnächst mit ihm versuchen

Ob er diese Bergtour aber mit genau mit diesem Auto machen wird, da hat der Cheftester seine Zweifel. Denn für die nächsten Tage hat sich Scheich Muhammad bin Raschid Al Maktum für den Wüstentest angekündigt. Und Monisch ist sich nicht sicher, ob er danach noch am Steuer sitzt. Denn der Landesfürst ist bekennender G-Klasse-Fan und verrückt nach seltenen Autos. Gut möglich, dass der Container auf dem Rückflug deshalb leer bleibt.

Die Reise zur Präsentation des zur Testfahrt mit dem G 63 AMG 6x6 wurde unterstützt vonMercedes. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit