Geländewagen

Land Rover sucht nach dem Nachfolger des Defenders

Der Ur-Land-Rover, das Modell Defender, muss 2015 ausgemustert werden. Der Hersteller arbeitet an einem Nachfolger. Aber wie kann man ein Auto ersetzen, das in mehr als 60 Jahren zur Legende wurde?

Die letzte Überarbeitung des Land Rover Defender wurde im Garten des Duke of Roxburghe zelebriert. Genauer: auf dem privaten Offroad-Parcours neben Schloss Floors im schottischen Kelso, südlich von Edinburgh. Da tauchten die damals neuen Defender-Modelle bis zur Motorhaube in den Löschteich. Wasser flutete das Innere der Wagen, die Instruktoren hatten vorher noch gewarnt, Gepäck besser auf den Sitzen zu verstauen.

Der Land Rover Defender hat seine Defizite, aber er kann auch unglaublich viel. Das sollte man im Hinterkopf haben, wenn man verstehen will, wie kompliziert es ist, einen Nachfolger für die Gelände-Ikone zu entwickeln. Land Rover heißt das Original, weil es als Rover für die Landwirtschaft entwickelt wurde. Seit 1948 wird das Auto gebaut, seit 1985 mit dem Beinamen Defender.

Fast noch genau wie vor 60 Jahren

Erst zwei Jahre zuvor hatte man von Blatt- auf Schraubenfedern umgestellt, ab und an wurde das Modell mit einem neuen Motor ausgestattet. Ansonsten hat sich in der gesamten Bauzeit nicht wirklich viel verändert. Das ist der Grund für das kurz bevorstehende Ende im Gelände. Neue EU-Vorschriften für den Fußgängerschutz wird die alte Konstruktion nicht mehr erfüllen können.

So richtig böse scheint man bei Land Rover darüber nicht zu sein. "Wir verkaufen momentan etwa 20.000 Stück pro Jahr, und das ist nicht genug", sagt Markenchef John Edwards. Er hat mit seinen Ingenieuren und Designern begonnen, einen Nachfolger zu erdenken. "Wir müssen zuerst begreifen, was den Defender so speziell macht. Dann müssen wir uns die Märkte ansehen und wissen, wie ein zeitgemäßer Defender dort benutzt werden würde."

Ganz wichtig sei die Reparaturfreundlichkeit. In Chile könne der nächste Kundendienst schließlich 400 Kilometer weit weg sein. Und: "Wir wollen ein Auto schaffen, das auch in 20 Jahren noch modern ist." Chefdesigner Gerry McGovern ergänzt: "Wir haben zwar eine einzigartige Historie, doch wir dürfen nicht vergessen, dass wir keinen neuen Wagen für Enthusiasten machen. Denn die kaufen vielleicht einen, aber bewahren ihn für immer auf. Für große Volumina brauchen wir jedoch Kunden, die ihre Wagen dann und wann auch wieder ersetzen."

Die Richtung dafür könnte ein Wagen wie der Defender Concept 100 inch Wheelbase markieren, kurz DC 100. Auf der IAA im vergangenen Jahr war die Studie mit ihrem Radstand von 100 Zoll (2,54 Meter) präsentiert worden, auf Basis eines Range Rover Sport. Die Reaktionen waren gemischt ausgefallen: Viele Kritiker sprachen von zu vielen Lifestyle-Elementen, sogar von "Spielzeug" war die Rede. "Keine Sorge, der neue Defender wird ganz klar ein Werkzeug, ein Arbeitstier", sagt John Edwards. "Er muss vielfältig benutzbar sein."

Zwei Varianten für Arbeit und Lifestyle

Zumal man für die Lifestyle-Fahrer gleich noch eine zweite Studie mitgeliefert hatte: den DC 100 Sport, ein Cabrio mit schickem Interieur. Etwa fünf weitere Entwürfe für einen neuen Land Rover Defender stünden noch im Designzentrum, aber der Radstand des DC 100 sei okay und die Proportionen stimmten ebenfalls bereits. Kantiges Design, kompakte Abmessungen und kurze Überhänge sind charakteristisch für die Studie. Ein markanter Kühlergrill prägt die Front, die Windschutzscheibe steht klassisch steil.

Dank Solarmodulen auf dem Dach sollen die Bordsysteme des Autos immer unter Strom stehen, der Lack reflektiert Sonnenlicht und lässt deshalb Hitze abprallen. "Letztlich haben wir eine viertel Million Meinungen gesammelt zum DC 100", berichtet Designchef McGovern. "90 Prozent haben sich sehr positiv zum Design geäußert. Acht Prozent haben sich enthalten, und zwei Prozent fanden den Entwurf nicht gut. Diese zwei Prozent waren allesamt Traditionalisten. Und für die machen wir tatsächlich kein neues Auto."

Trotzdem findet man am DC 100 so einige Verweise auf den originalen Land Rover. Die Frontkotflügel sind oben drauf so flach wie eh und je, weil die Engländer gerne ihren Cup of Tea dort abstellen. Die hinteren Kotflügel sind ausgestellt wie beim aktuellen Defender, auch die Dachform ist nahezu identisch. Statt einer Stoßstange, die bislang als Tritt diente, besitzt der DC 100 in der Front zwei Zugösen, die ebenfalls so stabil angebracht sind, dass man sie als Stufen benutzen kann.

Unklar ist, ob auch der Neue "Defender" heißen wird

Eine Luftfederung samt Niveaulift ist verbaut, so lässt sich die Bodenfreiheit bis auf 32 Zentimeter erhöhen. Kameras vorne und hinten tasten den Boden ab, das aus anderen Land-Rover-Modellen bekannte Terrain Response System bietet spezielle Fahrprogramme zum Beispiel für Felsen, Sand oder Schlamm. Sensoren messen bei Wasserdurchfahrten die Tiefe, und wenn der Wagen komplett hochgepumpt ist, kann er 75 Zentimeter tiefe Gewässer durchfahren.

Im wetterbeständigen Interieur gibt es drei Sitzmöglichkeiten vorne, der Beifahrersitz kann zur Vergrößerung des Ladevolumens entfernt werden. Neu ist der Touchscreen. Das stoß- und wasserfeste Display kann ausgebaut werden, mit Festplatte, Kamera und Satellitenempfänger soll es dann auf großer Fahrt elektronische Hilfestellung geben können.

Ob der Neue den Namen Defender behält, ist nach den Worten des Markenchefs noch nicht entschieden. Allerdings erachtet Edwards eine konservative Lösung für sinnvoll, um das Image auf das neue Modell zu übertragen.

Der Abschied vom Original fällt schwer

Land Rover plant eine ganze Fahrzeugfamilie auf Basis des Defender-Nachfolgers, mit verschiedenen Radständen und Karosserieformen. Auch in Sachen Motoren sollen Käufer mehr Auswahl bekommen als im Moment. Edwards verspricht zunächst Vierzylinder-Diesel und -Benziner, gekoppelt mit manuellen und automatischen Getrieben. "Für die USA oder den Mittleren Osten sind auch Sechszylinder nötig", ergänzt er. Und einen Hybridantrieb wird es beim Defender-Nachfolger auch geben.

Doch so sehr, wie die Land-Rover-Verantwortlichen den DC 100 als Serienauto herbeisehnen, so schwer fällt auch der Gedanke an einen Abschied vom Original. Zum Ende der Lebenszeit des urigen Geländewagens dürften die Verkäufe noch einmal massiv ansteigen. Doch bei Land Rover geht man davon aus, dass man die Freunde des alten Defender von den Vorzügen des kommenden überzeugen kann: "Wenn der Neue all das kann, was der Alte konnte, kommen auch die bisherigen Kunden mit", sagt Edwards. "Die kaufen den aktuellen Defender ja nicht, weil er unkomfortabel ist, keinen Airbag hat und ein altes Auto ist, sondern deshalb, weil er seinen Job erledigt."

Aber vielleicht gibt es ja doch noch Hoffnung für den alten Defender. Schließlich hat der indische Land-Rover-Besitzer Ratan Tata ein Herz für den Oldie. Und in England oder Indien sind die Regeln für die Fahrzeugzulassung liberaler als in der EU und den USA. Bis heute.