Schwimmfahrzeug

Ein Land Rover Discovery, der gerne mal baden geht

Eigentlich sollte er nur als Werbegag dienen: Land-Rover-Techniker bauten einen Gelände- zum Schwimmwagen um. 20 Jahre später wurde er wiederentdeckt

An den Gesichtern der anderen Skipper kann sich Richard Mumford gar nicht sattsehen: Egal in welchem Yachthafen er auftaucht, man begegnet ihm überall nur mit ungläubigem Staunen. Denn so etwas wie Mumfords Gefährt haben die anderen Kapitäne noch nie gesehen. Schließlich schippert er nicht in einem Segelboot oder einer Motoryacht über die Seen.

Richard Mumford sitzt am Steuer des einzigen Land Rover Discovery, der über das Wasser fahren kann. Kein Wunder also, dass ihm auch an diesem Tag bei seiner gemütlichen Kreuzfahrt auf dem Genfer See Blicke entgegenschlagen, als sei das Ungeheuer von Loch Ness in der Schweiz aufgetaucht.

Gebaut wurde das Amphibienfahrzeug vor mehr als 20 Jahren, als die Briten den Discovery gerade neu eingeführt hatten. "Wir wollten damals die Yachtbesitzer und Segler auf den Wagen aufmerksam machen", sagt Roger Crathorne, der am Stammsitz Solihull die Abteilung Land-Rover-Historie leitet. "Natürlich hätten wir damit durch die Häfen ziehen und Boote schleppen können, aber das war uns zu wenig."

Und weil ein Land Rover der Werbung nach überall hinkommt, wurde das Auto schwimmfähig gemacht. Bei der berühmten Cowes-Week-Regatta, für britische Segler so etwas wie Wimbledon für Tennisspieler, wurde das Gefährt eine Woche lang zwischen dem Festland und der Isle of Wight als VIP-Shuttle eingesetzt.

Viel Zeit hatte das Special Vehicle Operations Team im Werk Solihull seinerzeit nicht für den Umbau. "Sechs bis acht Wochen, das musste uns reichen", berichtet Crathorne. Wie gut also, dass der Discovery nicht der erste Land Rover war, der zum Lake Rover umgebaut wurde. "Zehn Jahre zuvor hatten wir schon einmal zwei Dutzend Defender für die britische Army zu Wasser gelassen. Einen davon haben wir zurückgeholt und als Vorbild genommen."

Genau wie damals wurden Türen und Unterboden mit einer Glasfaserpaste abgedichtet und die Türen zusätzlich zugeschweißt. Außerdem montierten die Ingenieure am Heck einen Schwenkarm mit einer Schiffsschraube. Über eine Hydraulik wird sie vom 2,5 Liter großen Diesel vorn unter der Haube angetrieben. Weil man durch die Türen nicht mehr einsteigen kann, wurde noch das Dach aufgeschnitten. Jetzt klettert man über eine Leiter an Bord.

Das wichtigste Extra allerdings sind die riesigen Schwimmer: Wo echte Amphibienfahrzeuge genügend Auftrieb haben, um wie ein Boot zu schwimmen, würde der schwere Discovery untergehen wie ein Stein. Deshalb haben die britischen Entwickler ihm einen Schwimmreifen aus Gummibojen um den Leib gelegt, mit dem er sich über Wasser hält. Und auch die nautische Notfallausrüstung darf natürlich nicht fehlen: Es gibt nicht nur Positionsleuchten und einen Anker an Bord, sondern für den Ernstfall tragen alle Passagiere Gummistiefel und Schwimmwesten. Im Kofferraum liegen sogar ein paar Paddel bereit.

Aber die kann Skipper Mumford heute stecken lassen. Denn der rund 115 PS starke Diesel erledigt die Arbeit. Dass der Wagen dennoch kaum vorankommt, liegt an der Hydraulik, die dem Vierzylinder lediglich 20 Pferdestärken abzapft. "Damit sind sechs oder sieben Knoten drin, mehr nicht", sagt Mumford. Für Landratten übersetzt er: "Das sind zehn Stundenkilometer, jeder Jogger ist schneller."

Doch Richard Mumford stört das nicht. Er ist froh, dass der Wagen überhaupt noch fährt. Denn irgendwo auf seiner Werbetour, die ihn nach der Regatta auch in die Grachten von Amsterdam, auf die Kanäle von Venedig und den Rhein hinauf geführt hatte, war das Einzelstück verloren gegangen. Erst kurz vor Weihnachten 2011 entdeckten die Briten es in einem Museum am Nürburgring wieder und kauften es sofort zurück.

Rechtzeitig zum 20-jährigen Jubiläum der Baureihe sollte der Discovery wieder schwimmfähig sein. Das sei allerdings gar nicht so einfach gewesen, berichtet Crathorne. Ratten hatten faustgroße Löcher in die Schwimmer gefressen, der Lack war stumpf und auch der Innenraum nicht mehr vorzeigbar. "Aber zumindest der Motor war vollkommen in Ordnung", erklärt der Werkshistoriker. "Kaum war die neue Batterie montiert, lief er auf Anhieb."

Jetzt, da der schwimmende Land Rover wieder in Schuss ist, wollen die Briten ihn häufiger einsetzen. Den Rückweg über den Ärmelkanal hat das Einzelstück zwar sicherheitshalber auf einem Lastwagen und mit der Fähre absolviert. Aber wenn das Auto fertig restauriert ist, wird Mumford ihn wieder öfter zu Wasser lassen. So könnte der Discovery zum Phantom der britischen Gewässer werden. Denn am Ende seiner kleinen Kreuzfahrten macht Mumford nicht an irgendeinem Kai fest. Er sucht sich eine Rampe, legt einen Gang ein und fährt über die Uferböschung nach Hause. Aus den Auge und aus dem Sinn, so wie Nessie, das Ungeheuer.