Oldtimer

Als es Störenfried Louis Renault krachen ließ

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Christof Vieweg

Foto: Renault

Am Heiligabend vor 113 Jahren schlug die Geburtsstunde von Renault – mit einem lahmen, pferdelosen Gefährt. Die Passanten lachten zunächst noch.

Es ist Weihnachten, doch davon will dieser Mann nichts wissen. Ganz Paris ist festlich geschmückt und präsentiert sich im Lichterglanz, doch der junge Ingenieur hat nur Augen für seine neueste Erfindung.

Man schreibt den 24. Dezember 1898. An der Rue Lepic, die steil zum Montmartre hinauf führt, hört man ungewöhnliche Geräusche. Es ist das laute Knattern eines Einzylindermotors, das die Anwohner aus ihrer Feierstimmung reißt. Neugierig laufen sie zusammen, um den Störenfried zu finden.

Louis Renault heißt der Mann. Stolz sitzt er auf dem Kutschbock eines seltsamen Gefährts und schickt sich an, damit die 13-prozentige Steigung zu erklimmen. Das ist Schwerstarbeit für den nur 1,75 PS starken Motor. Er keucht und qualmt, ermöglicht aber trotzdem nur ein bescheidenes Schritttempo. Doch viel lauter sind die Rufe der Passanten. Sie machen sich lustig über den Mann am Steuer des pferdelosen Wagens und lästern, er solle doch besser zu Fuß gehen. Dann sei er doch viel schneller unterwegs.

Doch der 21-jährige Automobilist hat eine Vision – und die soll an diesem Heiligabend Wirklichkeit werden. Er will sich und anderen beweisen, dass seine "Voiturette“ auch unter extremen Bedingungen funktioniert. Und siehe da: Es klappt tatsächlich.

Langsam, aber beharrlich erklimmt Renaults Prototyp den Montmartre und macht seinen Konstrukteur zum gefeierten Helden. Als das Weihnachtsfest vorbei ist, hat er Aufträge für immerhin zwölf "Voiturettes“ in der Tasche und plant bereits den nächsten Coup: die Gründung eines Automobilunternehmens. So markiert der Heiligabend vor 113 Jahren die Geburtsstunde der Firma Renault.

Als der junge Ingenieur zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seinen Brüdern Marcel und Fernand die Firma "Renault Frères“ aufbaut, waren in Europa längst die ersten Autos unterwegs. Zwölf Jahre zuvor hatte Carl Benz seinen Motorwagen "Modell 1“ auf die Räder gestellt und in der Firma von Gottlieb Daimler hatte man bis 1900 schon mehr als 300 Automobile verkauft.

Nur: Trotz ihres Pionierstatus für die motorisierte Fortbewegung haben die Modelle aus Deutschland einen Makel. Es sind Ketten- oder Riemenwagen mit schlichter Antriebstechnik: Gliederketten oder Lederriemen übertragen das Drehmoment des Motors an die Hinterachse. Beides ist ebenso primitiv wie störanfällig. An Steigungen müssen die Passagiere oft aussteigen und den Autos durch Muskelkraft auf die Sprünge helfen.

So etwas kommt für den ehrgeizigen Louis Renault nicht in Frage. Er entwickelt ein Dreiganggetriebe, das in der höchsten Stufe als Direktantrieb arbeitet, und ersetzt Kette oder Lederriemen durch eine starre Welle, die das Motormoment an die Antriebsachse leitet.

Damit war die "Voiturette“ im Prinzip das weltweit erste Auto mit Kardanantrieb, wenngleich dieser Begriff nicht auf Renault, sondern auf den Italiener Gerolamo Cardano zurückzuführen ist. Er erfand schon im 16. Jahrhundert das Prinzip, Wellen durch spezielle Drehgelenke miteinander zu verbinden und so Kraft zu übertragen.

Bis heute ist die Kardanwelle das Herzstück aller Autos mit Frontmotor und Heckantrieb. Sie besteht aus einzelnen Wellen, die durch voll bewegliche Kardangelenke miteinander verbunden sind.

Diese Gelenke ermöglichen es, die Wellen in unterschiedlichen Winkeln anzuordnen, sodass sie sich den Platzverhältnissen unterhalb der Karosserie bestmöglich anpassen können.

Renault macht sich diese Idee zunutze und beschreibt seine Erfindung als "Antrieb ohne Ketten“. Sie wird im Februar 1899 patentiert. Immer wieder betont Renault, dass die "Voiturette“ nur dank der direkten Kraftübertragung am Montmartre nicht schlapp gemacht hatte.

Als die französische Firma damit kurze Zeit später auch Langstreckenrennen gewinnt, sind Kunden und Konkurrenz gleichermaßen überzeugt: Schon wenige Jahre nach der Probefahrt am Heiligabend des Jahres 1898 hat sich Renaults Antrieb als Standardtechnik vieler Motorwagen durchgesetzt – auch bei den Autoerfindern Daimler und Benz.

Louis Renault verdient an den Lizenzgebühren, die andere Firmen für die Nutzung seiner Erfindung bezahlen. Und diese Einnahmen investiert er wiederum in sein Unternehmen. 1919 baut er schließlich auf einer Seine-Insel mitten in Paris ein neues Werk und installiert dort erstmals ein 1,5 Kilometer langes Fließband – zur damaligen Zeit ist es das längste in der europäischen Automobilindustrie.

Und er baut sein Unternehmen zum Weltkonzern aus. 46 Jahre lang steht der innovative Louis Renault an der Spitze. Als er am 24. Oktober 1944 im Alter von 67 Jahren stirbt, wird seine Firma verstaatlicht.