Muscle Car im Retro-Look

Chevy Camaro – Mehr Kraft fürs Geld gibt es nirgends

| Lesedauer: 5 Minuten
Alexandra Felts

Wie frisch aus der Muckibude wirken Coupé und Cabrio – erwachsene Hochleistungssportler eben. Und die 400 PS für 39.000 Euro sind kein Traum.

Vor 45 Jahren war die Welt in den USA noch in Ordnung: die Wirtschaft florierte, Arbeit lohnte sich. Und der erste Camaro von Chevrolet trat an, um den Erzfeind Ford Mustang von der Überholspur zu drängen. Der Optimismus dieser Jahre ist dahin, aber den Camaro immerhin gibt es wieder, auferstanden wie der Mutterkonzern GM nach der Fastpleite.

Rechtzeitig zum 100. Jubiläum dieser ur-amerikanischen Automarke und nach mehr als zehn Jahren Abstinenz geht die jüngste Generation des legendären Musclecar in Deutschland jetzt in zwei Varianten an den Start.

Zu Preisen ab 38.990 Euro für das Coupé und 43.990 für das Cabrio wird dieser besondere, muskelbepackte amerikanische Traum von Freiheit und Abenteuer wieder lebendig: mächtiger V8, lange Motorhaube, kurzes Heck und eine aufreizende Optik, die gar nicht erst den Versuch macht, politisch korrekt zu sein.

Angeben erlaubt

Der Camaro ist nichts für Menschen, die sich gerne unauffällig im Straßenverkehr bewegen oder gar Understatement schätzen.

Aggressives Gesicht, hohe Gürtellinie, 20-Zoll-Bereifung und ein niedriges Greenhouse sowohl beim Coupé wie beim Cabrio – wobei die Rundumsicht dennoch erstaunlich gut ist. Sein Design ist US-Muskelauto pur, aber was ihn von seinen Vorgängern unterscheidet, ist sein transatlantischer Anspruch. Mit straffem Fahrwerk, Stabilisatoren, knackiger Schaltung und starken Bremsen beispielsweise soll der Camaro bei seinem Debüt europäischen Ansprüchen an Sportwagen genügen.

Spritsparen mit Zylinderabschaltung

Selbst der sogenannte Small-Block V8 – einst Herzstück eines jeden Muckimobils – wurde geradezu vornehm herunter gedimmt. Das Blubbern und Donnern des Achtzylinders mit über sechs Litern Hubraum entfaltet sich aber in legendärer Stärke, wenn man kurz aufs Gas tritt oder die Motorbremse nutzt. Zusätzlich steht die Zylinderabschaltung zur Verfügung, die bei Bedarf dafür sorgt, dass der Camaro kraftsparend auch als Sechs- oder Vierzylinder unterwegs sein kann. Deswegen wird auch der in den USA erhältliche Sechszylinder nicht hierzulande angeboten werden.

Bei ersten Testfahrten mit dem Coupé und dem Cabrio in der Schweiz, dem Heimatland des Firmengründers Louis Chevrolet, überzeugte der Sportwagen mit dem Halbstarken-Image durch seinen geglückten Zuschnitt auch auf die alte Welt. So büßt beispielsweise das Cabrio bei geöffnetem Verdeck gegenüber dem Coupé nur wenig an Steifigkeit ein.

Der vom Hochleistungsstallgefährten Corvette übernommene Motor ist hervorragend mit dem Getriebe abgestimmt: kurze Schaltwege, kaum Drehzahlverlust beim Lauf durch die sechs Gänge. Enge Kurven lassen sich zwar mit Verve, aber dennoch kontrolliert durchfahren, während die große Lunge des Motors schon Luft holt um mühelos zum nächsten Sprint anzusetzen.

Über 400 PS, über 500 Newtonmeter Drehmoment und die Kraft von acht Zylindern – und das zum einem Preis unter 40.000 Euro. Stark. Allenfalls die Lenkung könnte einen Hauch direkter ansprechen.

Tradition überall

Auch im Innenraum des Musclecars haben die Designer der hauseigenen Tradition gehuldigt. Tacho und Drehzahlmesser leuchten aus zwei klassischen viereckigen Gehäusen und hinter dem Schaltknüppel sind wie einst auch vier Anzeigen untergebraucht, die beispielsweise über Temperatur und Batteriespannung Auskunft erteilen.

Die Ledersitze geben diesmal tatsächlich guten Halt. Überhaupt wirkt das Interieur qualitativ wertig und zeitgemäß. Leder gehört ebenso zur Serienausstattung wie Head-up-Display, Rückfahrkamera und ESP (ESC) mit vier Modi.

Klebestreifen kostet extra

Wer seinen Camaro allerdings mit den berühmt berüchtigten Klebestreifen für den Powerdome auf der Motorhaube dekorieren möchte, muss 500 Euro zusätzlich investieren. Zum 45. Geburtstag kann man dem Jubilar aber auch eine Ledersonderausstattung beispielsweise mit Ziernähten in den US-Farben Rot, Weiß und Blau spendieren (2000 Euro).

Im besten Sinne hat dieser Camaro noch den Hüftschwung der bösen Jungs von einst in den Genen. Er sieht natürlich auch aus, als ob er gerade aus der Muckibude kommt, dabei ist er ein Leistungssportler, der es durchaus mit der heimischen Konkurrenz aufnehmen könnte. Man sieht ihm nicht gleich an, wie gut er tatsächlich ist. Darin liegt vielleicht auch der robuste Charme dieses auffälligen Sportwagens.

Isofix-Kindersitzhalterung für die Rücksitze

Für Steffen Raschig, deutscher Statthalter von Chevrolet, ist der wiedererstarkte Camaro ein „Bauchauto“. Dabei hat er dennoch ein nicht ganz ernst gemeintes Vernunftargument für potentielle Käufer parat: „die Legitimation für Väter“. Denn auch ein Über-Muskelauto wird mal erwachsen und bietet jetzt immerhin eine Isofix-Kindersitzhalterung für die Rücksitze.

Chevrolet Camaro – Technische Daten:

Maße Coupé: Länge 4,83 m, Breite 1,92 m, Höhe 1,36 m

Abweichender Wert Cabrio: Höhe ausgefahrenes Dach 1,38 m, eingefahrenes Dach 1,32 m

Kofferraum Coupé: 384 l, Cabrio: 328 l (geschlossenes Dach), 287 l (offen)

Coupé 6,2-Liter-V8 Benziner, 432 PS (manuelles Getriebe) 405 PS (Automatik), maximales. Drehmoment: 569 Newtonmeter bei 4.600 U/min / 556 Nm bei 4.300 U/min

0-100 km/h: 5,2 s / 5,4 s, Vmax: 250 km/h (abgeregelt), Normverbrauch: 14.1 l / 13,1 l je 100 Kilometer, CO2-Ausstoß: 329 g/km / 304 g/km

Abweichende Werte Cabrio: 0-100 km/h: 5,4 s (manuelles Getriebe) / 5,6 s (Automatik)

Preis: ab 38.990 Euro (Coupé), 42.990 Euro (Cabrio)

( SP-X/mmai )