Luxusautos

Die Lust der Schweizer auf die Protzkiste

Die Schweiz will den Preis für die Vignette verdoppeln, aus Umweltgründen. Die Schweizer selbst fahren aber am liebsten wahre Dreckschleudern. Je stärker, desto besser.

Schweizer sprechen gern davon, dass in ihrem Land besonders hohe Anforderungen an den Umweltschutz gelten. Aus diesem Grund soll auch bald (2014) der Preis für die Autobahn-Vignette verdoppelt werden, darum gelten strenge Tempolimits, und darum gibt es auch besonders viele Radarüberwachungsanlagen. Aber die Schweiz ist auch das Land, in dem nachweislich teurere und stärkere Autos gekauft werden als in den Nachbarländern.

In der Schweiz verlässt selbst ein Massenmodell wie der Bestseller VW Golf vorzugsweise als hochgezüchtetes Top-Modell Golf R mit satten 270 PS den Showroom des Händlers. Dazu passt das hohe Niveau der typischen Ausstattung: Spartanische Basismodelle schätzen die Eidgenossen gar nicht.

Viele Geschäftsleute in den Stadtzentren

Für den Schweizer Marc Surer, ehemaliger Formel 1-Fahrer und heute Fernsehkommentator, sagt: „Wir haben hier auf kleinstem Raum die Bankerstadt Zürich, die Araberstadt Genf, die Chemie-Region Basel und die gewerbliche Steueroase Zug. Das Straßenbild in diesen Zentren wird stark von Geschäftsleuten bestimmt, und das beeinflusst natürlich auch den Normalbürger beim Autokauf.“

Strahlkraft wie die vielen Business-Limousinen im Alltag hat auch der Genfer Autosalon, der Jahr für Jahr die Aufmerksamt der Autowelt auf die Schweiz lenkt: Über 100 Welt- und Europapremieren sind für die traditionelle Frühjahrsmesse Normalität. An elf Tagen pilgerten 2010 knapp 700.000 Besucher in die Hallen des Messegeländes Palexpo. Unter ihnen regelmäßig berühmte Wahlschweizer wie Michael Schumacher oder Günter Netzer.

Die Genfer Premierenliste seit 1905 liest sich wie ein Who Is Who der berühmtesten Autos aller Zeiten: Mercedes SSK, Maybach Zeppelin, Jaguar E-Type, Ferrari Dino Spider, Maserati Bora, Bentley Mulsanne, um nur einige herauszugreifen. Die Schweiz ist offenbar seit jeher das richtige Pflaster, um wichtige neue Autos ins Rampenlicht zu rücken.

Energieeffizienz wird wichtiger

Abseits der Messe sieht die Autowelt aber auch anders aus: Hier legen die Menschen zunehmend ihr Augenmerk auf die Energieeffizienz-Kategorien A bis G. Was nach Kühlschrank-Aufklebern klingt, ist in der Schweiz seit 2003 üblich und zeigt den Verbrauch eines Automobils in Relation zum Leergewicht. Das Ergebnis soll den Nutzwert eines Autos besser abbilden, als die reine Verbrauchsangabe. Jedoch liegt auch hier die Spanne von A wie etwa VW Polo Blue Motion (3,3 l/100 km Diesel) bis hin zu G für den verbrauchsfreudigen Lamborghini Gallardo LP 560-4 Sypder (15,0 l/100 km Super Plus).

Die Güteklassen-Aufkleber zeigen Wirkung: Die letzten Zulassungsstatistiken belegen, dass auch die Schweizer verstärkt auf die Umweltfreundlichkeit eines Neuwagens achten. 2010 gehörten fast zwei Drittel (62,5 Prozent) aller Neuzulassungen zur Micro- bis Mittelklasse.

Peter Ballé, Geschäftsführer von EurotaxGlass`s Schweiz stellte daraufhin fest, der Trend zu kleineren Fahrzeugen mit kleineren Hubräumen sei ein erfreulicher Beleg für den Trend zu wirtschaftlicher und ökologischer Mobilität.

Ein statistischer Trend, den Ex-Rennfahrer Surer subjektiv bestätigen kann: „CO2-Ausstoß ist bei uns mindestens so ein Thema wie in Deutschland. Kein Land hat im Verhältnis so viele Toyota Prius, und auch die Reichen kaufen sich etwa die Hybrid-Modelle von Lexus. Auch kann man erleben, dass ein SUV in Zürich mit einer Spraydose ‚beschriftet’ wird.“

Kostspielige Autos stehen hoch im Kurs

Dem Umweltgewissen gegenüber steht in der Schweiz jedoch die ausgeprägte Lust am Luxusauto. Die kostspieligen Fahrzeuge deutscher Hersteller stehen genauso hoch im Kurs wie die großen Geländewagen von Land Rover. Im Bundesamt für Statistik war schon 2004 davon die Rede, dass in der Schweiz immer protzigere Autos gekauft würden. Die Motoren würden immer stärker.

Zuletzt hat sich das Kaufverhalten geändert, aber das bleibt fast ohne Auswirkung auf die Umweltverträglichkeit der Fahrzeuge. Wurden 2006 rund 13.000 Full-Size-Geländewagen gekauft, waren es im vergangenen Jahr etwa 9000. Demgegenüber steht jedoch ein Boom bei dem kompakten Geländewagen. Rund 20.000 davon wurden vergangenes Jahr in der Schweiz abgesetzt.

Da in der Schweiz eher Benzin- als Dieselmotoren gekauft werden, bewegen sich die Verbesserungen in überschaubaren Bereichen. Die Verbräuche dieser Wagen liegen bei rund zwölf Litern. Ähnlich sieht es bei Mittelklassemodellen aus. Skoda verkauft den Octavia beispielsweise am häufigsten mit Allradantrieb und durstigem Benzinmotor, der mit gut zehn Litern Verbrauch angegeben ist.

Beim Audi A4 Avant sieht es genauso aus: Nicht die preisgünstigste oder sparsamste Version ist der Renner, sondern der Kombi mit 211 PS unter der Haube und natürlich mit Allradantrieb. Die meisten der 4x4-Fahrzeuge (77 Prozent) werden im übrigen im Flachland zugelassen, womit das Argument, in den Bergen brauche man eben einen Allradantrieb, entfällt. Bei den Geländewagen liegt der Anteil sogar über 90 Prozent.

Mag sein, dass das Auto für viele Schweizer ein Hassobjekt ist. So was es bereits zur automobilen Gründerzeit in der Eidgenossenschaft: In Graubünden dauerte ein absolutes Verbot der damals neuartigen Fortbewegungsmittel von 1900 bis 1925 an. Doch sehr viel stärker scheint heute das Verlangen vieler Schweizer zu sein, über ihr Auto ihre Persönlichkeit auszudrücken oder genauer gesagt, ihren Vermögensstand.

In den Showrooms von Bentley Zürich ist die Autowelt jedenfalls in Ordnung. PR-Managerin Sabine Braunschweig sagt über ihre Kundschaft: "Die Schweizer sind sehr treue, bodenständige und solide Benley-Kunden. Sie haben Geld und geben es auch gerne aus, aber sie legen vor allem Wert auf die inneren Werte der Fahrzeuge: Edle Stoffe und Materialien, Handarbeit. Die Schweizer strahlen diese gewisse Britishness aus – ganz anders als die eher extrovertierte Kundschaft etwa in Italien.“

Drittgrößter Markt für Bentley

Und so schweben überproportional viele Continental GT (bis zu 630 PS stark, bis zu 230.027 Euro teuer) oder Mulsanne (512 PS, 289.170 Euro) über eidgenössischen Asphalt: Das kleine Alpenland rangiert mit seinen 7,5 Millionen Einwohnern gerade mal zwischen Bulgarien und Dänemark, ist aber für die Luxusmarke Bentley seit 2006 drittgrößter Markt in Europa.

Ex-Rennfahrer Surer sagt: "Grundsätzlich ist sicher der hohe Lebensstandard in der Schweiz für die vielen Luxuslimousinen verantwortlich. Überhaupt hat das Auto immer noch einen hohen Imagewert."

Ob am Steuer eines Luxusliners oder eines top ausgestatteten Micro-Cars, Schweizer halten sich zudem für das, was Deutsche sind: Die besten Autofahrer überhaupt. 2009 befragte der Versicherungskonzern 8000 Autofahrer-/innen aus zehn europäischen Ländern. Der AXA-Verkehrssicherheitsreport wörtlich über die Schweizer Autofahrer: „Vier Fünftel halten ihre Landsleute für gute Autofahrer, jeder Dritte gar für die Besten des Kontinents. Keine andere Nation hat ein derart hohes Bild vom eigenen Fahrkönnen.“

Dabei kommt der mutmaßlich „dümmste Autofahrer Europas“ ebenfalls aus der Schweiz. Das stellte jedenfalls die Kantonspolizei Thurgau im November 2005 fest, als ein einheimischer BMW-Fahrer innerhalb von 97 Sekunden durch pfeilschnelle Wendemanöver vier Mal von der selben Radarfalle geblitzt wurde. Zu allem Überfluss wurde er schließlich auch noch überführt, ohne angelegten Gurt gerast zu sein.