Geländelaster

Dieser Benz schluckt fast einen Liter pro Kilometer

Mit dicken Autos kennt man sich bei Mercedes aus. Der neu entwickelte Zetros aber ist mehr als nur schwer. Der erste Lastwagen mit Stern für jenseits der Straßen bewältigt Steigungen von 80 Prozent scheinbar mühelos. Er wühlt sich amphibisch durch fast jedes Gelände – und kann quasi sogar schwimmen.

Gegen ihn kann man BMW X5, Mercedes M-Klasse und Audi Q7 glatt vergessen. Und auch Land Rover Defender, Jeep Wrangler oder das Mercedes G-Modell sehen ziemlich alt aus: Denn für den neuen Mercedes Zetros ist kein Schlagloch zu tief, kein Berg zu steil und keine Wasserdurchfahrt zu schlammig. „Wo der nicht hinkommt, geht es nur noch auf Ketten weiter“, sagt Klaus Sengfelder, der den Vertrieb des ersten schweren Geländelasters von Mercedes verantwortet und ein Leistungsspektrum aufzählt, als könne man mit dem Zetros auch neue Welten entdecken.

Egal ob im Dschungel von Borneo, den arabischen Ölwüsten, in Alaska, in Sibirien oder im Braunkohletagebau am Niederrhein: „Wo andere Lkw in der Regel nur noch gegen Spritzwasser geschützt sind, haben wir die Antriebstechnik komplett abgedichtet“, sagt der Produktmanager. Weil zudem die Frischluftzufuhr über einen Saugrüssel auf Dachhöhe erfolgt, sind 80 Zentimeter Watttiefe garantiert. „Und als Option bieten wir auch knapp 1,20 Meter Wattiefe an“, sagt Sengfelder. Dann steht dem Zetros das Wasser schon bis kurz unterhalb der Türdichtung.

Andererseits ist er ein echter Kraxelkönig. „Steigungen von 80 Prozent sind für den Zetros kein Problem“, strahlt Sengfelder. „Und losfahren kann er bis 60 Prozent“. Das ist Anfahren am Berg, bei dem selbst einem Fahrlehrer schwarz wird vor Augen. Dazu gibt es ausreichend Bodenfreiheit zum Felsenklettern, einen Rahmen, der im Ernstfall so beweglich ist wie eine Weide im Wind und blattgefederte Achsen, die sich über einen Meter verschränken können. Das alles dient nur einem Zweck: „Nur wenn alle Räder am Boden sind, kann man auch Kraft übertragen und sich beinahe überall durchwühlen“, erläutert Sengfelder.

Natürlich taugt der für Preise zwischen 112.000 und 126.000 Euro fahrfertig, allerdings ohne Aufbau, wahlweise als 4x4 mit zwei oder sogar als 6x6 mit drei Achsen lieferbare Zetros prima als gewaltiges Spielzeug für das Kind im Manne. Doch folgen die Schwaben mit dem Zetros ganz nüchternen Überlegungen: „Wir registrieren einen zunehmenden Bedarf an geländegängigen Fahrzeugen mit hoher Nutzlast“, sagt Sengfelder mit Blick auf Katastrophenschützer, Rettungsdienste, Energieversorger, Explorationsunternehmen aus der Energiewirtschaft und natürlich das Militär.

Zwar hat Mercedes mit den beiden großen Trucks Actros und Axor bereits zwei baustellentaugliche Brüder, und fürs ganz grobe Geschäft gibt es traditionell den Unimog. „Doch was der Unimog im Gelände kann, fehlt ihm zum Axor an Nutzlast – und umgekehrt“, beschreibt Sengfelder die Zwickmühle, die vor gut drei Jahren zur Entwicklung des Zetros geführt hat. Jetzt dagegen können die Schwaben mit bis zu 16 Tonnen durch dick und dünn fahren und sind damit in der zivilen Welt ganz weit vorn.

"Fahrzeuge wie den Zetros stellt man nicht in Frage"

Vor der Wirtschaftskrise, die der gesamten Branche im letzten Jahr einen Absatzeinbruch von bis zu 50 Prozent beschert hat, ist ihnen bei der Premiere nicht bange: „Wenn es keine Güter zu transportieren gibt, dann mag eine Spedition den Kauf neuer Laster schon mal aufschieben und die alten noch ein bisschen länger fahren“, räumt Pressesprecher Raimund Grammer ein. „Aber Fahrzeuge wie den Zetros stellt man nicht in Frage: Wenn man ihn braucht, dann muss man ihn kaufen.“ Trotzdem fällt es den Mercedes-Mannen schwer, die Verkaufserwartungen zu definieren.

„Das Fahrzeug ist neu, und den Markt können wir noch nicht genau qualifizieren“, entschuldigt Grammer die zögerliche Antwort. „Aber wir kalkulieren jetzt halt mal vorsichtig mit einer vierstelligen Zahl, die wir weltweit ausliefern wollen“ Zum Vergleich: Vor der Wirtschaftskrise kamen Axor und Actros in einem Normaljahr auf 70.000 Fahrzeuge im Jahr.

Technisch ist der Zetros ein enger Verwandter von Axor und Actros, mit denen er gemeinsam im LKW-Werk Wörth bei Karlsruhe gebaut wird. Das hält den Preis im Rahmen. „Aber vor allem sind die Teile millionenfach bewährt und weltweit verfügbar. Wenn mal etwas kaputt gehen sollte, ist der Zetros deshalb ruck, zuck wieder flott,“ erklärt Klaus Sengfelder.

Was jedoch völlig anders ist als bei Actros & Co ist der Aufbau. Denn wie die Mercedes G-Klasse oder der legendäre Unimog trägt der Zetros erstmals für einen Mercedes-Laster wieder eine lange Fronthaube. Das erhöht die Wartungsfreundlichkeit und soll vor allem den Fahrer schützen. Säße er direkt oberhalb der Achse, würde er durchgeschüttelt wie ein Motorradfahrer bei der Rallye Dakar. Jetzt, wo der luftgefederte Sitz rund einen Meter hinter der Achse montiert ist, wackelt es noch heftig genug, wenn der Zetros mit seinen hüfthohen Rädern durchs Trümmerfeld marschiert oder über liegende Baumstämme hinweg rollt als wären es Streichhölzer.

Jeder Zylinder doppelt so groß wie ein Smart-Motor

In Fahrt bringt das Gebirge aus Stahl dabei ein Diesel mit gewaltigen 7,2 Litern Hubraum. Jeder einzelne seiner sechs Zylinder ist damit fast doppelt so groß wie der ganze Motor eines Smarts. Zwar ist die Leistung mit 326 PS vergleichsweise gering, und über Tempo muss man bei einem Lkw ohnehin nicht reden. Doch wuchtet der Zetros schier unglaubliche 1.300 Nm auf den Boden und wühlt sich damit überall durch. Allerdings steigt mit der Anstrengung auch der Durst. „30 Liter sind normal und 90 Liter in schwerem Gelände keine Seltenheit“, sagt Sengfelder mit einem Schulterzucken.

Natürlich müssen die Entwickler einräumen, dass auch der Zetros seine Grenzen hat. Obwohl handlicher als ein Axor oder ein Actros, fordern beim Dreiachser 6,2 Meter Länge, 2,45 Meter Breite und fast 23 Meter Wendekreis auf engen Waldwegen oder in tiefen Gebirgsschluchten ihren Tribut. Und selbst wenn es bei den Demonstrationsfahrten in einer abenteuerlichen Kiesgrube einen Steinwurf vom Werk Wörth entfernt so aussieht, als könne der Zetros selbst die Schwerkraft überlisten, bleibt er Newtons Gesetzen ausgeliefert.